Siebeck Mmmh, Mozart!
Wolfram Siebeck erklärt, was wahre Spitzenköche ausmacht
Erinnern Sie sich noch an Alain Senderens? Kürzlich habe ich in der Wiener Tageszeitung Der Standard ein Interview mit ihm gelesen und musste wieder an diesen ersten Koch denken, der in Paris, in seinem Restaurant LArchestrate, schmale Degustationsmenüs servierte, welche kompromisslos der Nouvelle Cuisine verpflichtet waren. Er war ein furchtloser Avantgardist und als solcher auch stilbildend: So befreite er die Nouvelle Cuisine schließlich von ihrer Anämie, indem er ihr die abhandengekommenen Aromen zurückgab. Seine im Wirsingblatt gekochte Scheibe Stopfleber gehörte bald zum Standardrepertoire in den großen Küchen der westlichen Welt. Seine nächste Adresse, das Lucas Carton an der Place de la Madeleine, war bald der gastronomische Mittelpunkt von Paris, eine elitäre und teure Pilgerstätte, von der immer wieder neue Impulse ausgingen.
Bis der Meister den Rummel satthatte. Da reduzierte er den Luxus seines Lokals und ebenfalls die Preise. Zwischendurch besaß er ein Weingut im Cahors, machte Pleite, verkaufte seinen Namen an Japaner, kaufte ihn zurück, dann verzichtete er auf seinen dritten Stern…
Dieser Alain Senderens also wurde kürzlich von einem Mitarbeiter des Standard gefragt, wie er seine Jungköche kultiviere. Die Antwort des Meisterkochs macht deutlich, dass es in der Kochkunst auf mehr ankommt als auf den perfekten Umgang mit einem Rührgerät. Er sprach: "Wenn meine Köche hier mit MP3-Playern im Ohr ankommen und diese Techno-Musik hören, sage ich ihnen: Nimm diesen Schrott raus! Hör doch lieber Jazz oder Klassik! Streng dich an, geh ins Museum!"
Diese "Kultivierung" steht in krassem Gegensatz zu den Erziehungsmaßnahmen anderer Chefköche, die ihre Jungmannen ermuntern, Fußballmannschaften zu bilden und mit den Köchen des Kollegen um die Goldene Bratwurst zu spielen.
Und vielleicht liegt in dieser elitären Mentalität überhaupt der Unterschied zwischen Spitzenköchen und den anderen, ebenfalls hervorragend kochenden Vertretern der Zunft. Im Allgemeinen unterscheiden sich Gourmetrestaurants voneinander durch kleinste stilistische Unterschiede und, möglicherweise, durch den Umstand, dass einer wie Tim Raue bei der Arbeit Hip-Hop hört – wie ich vermute –, Ferran Adrià aber wohl eher Bach. Oder Mozart? Jedenfalls ist es nie allein eine Frage des jeweiligen Kochbuchs, nach dem in einer Küche gekocht wird, sondern auch die nach der ästhetischen Empfindsamkeit, die einer besitzen muss, der sich der kulinarischen Verfeinerung widmet.
Das gilt übrigens nicht nur für die Kochenden. Auch ein Esser, also der Gast im Restaurant, sollte über mehr verfügen als über ein grobes Instrumentarium seiner Sinne, wenn er sich einem gastronomischen Kunstwerk nähert. Hunger allein genügt nicht.
- Datum 18.11.2009 - 10:19 Uhr
- Serie Siebeck
- Quelle ZEITmagazin, 19.11.2009 Nr. 48
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Wahr gesprochen! Und das ohne jede Arroganz. Wer die Unterschiede zwischen Roland Kaiser, Gerry Mulligan und Mozart nicht erkennt, wird auch beim Kochen und Essen so verfahren. Niemand, der Hip Hop hört ist dumm und muss abqualifiziert werden, aber die Unterschiede muss man erkennen. Und analysieren. Und werten. Und an den Unterschieden lernen. Sonst kann man Biolek nicht von Haeberlin unterscheiden. Wir reden hier nicht über das, was uns schmeckt. Ich mag Grünkohl, W.S. nicht. Aber wir beide mögen Kalbshirn, Bries oder Austern. Ich würde nie auf die Idee kommen, mich deswegen mit W.S. auf eine Stufe zu stellen. Denn was man gerne isst oder nicht, ist eine Frage des individuellen Geschmacks. Aber die Fähigkeit, das vorgesetzte Essen objektiv und vorurteilsfrei (Iiiiiggittt! Innereien!) zu beurteilen, ist direkt abhängig von den persönlichen Ansprüchen und der Bereitschaft, sie umzusetzen. Goethe hat mal über Beethovens Streichquartette (sinngemäß)geschrieben, sie seien "wie ein Gespräch unter vernünftigen Leuten", wobei "Vernunft" hier im Sinne Kants gebraucht wird. Ich glaube nicht, dass ihm das zu Techno, Rap oder einem Cheeseburger eingefallen wäre. Kochen ist kreativ. Wir Esser müssen das Ergebnis annehmen wie wir Bach anhören, Picasso anschauen oder Schiller lesen. Mit allen dazu gehörigen Sinnen. Und uns nie (!!!) in die intellektuelle Konformität zwingen lassen, in die uns Lebensmittelkonzerne und Restaurantketten als "zeitgemäß" oder "trendy" einbinden wollen.
Jemand der Stopfleber serviert, ist genauso sehr oder wenig kultiviert, wie seine Angestellten. Wer im 21. Jahrhundert Teile von aufs barbarischste ausgebeuteten und gequälten Tieren ins Blätterröckchen packen muss, um sich zu profilieren, dem fehlt meines Erachtens nach die kulturelle Bildung.
Wer sich aufschwingt, darüber richten zu wollen, wie seine Gäste ans Essen heranzutreten haben, der sollte sich wohl zuerst an die eigene Nase fassen. Tierqual als Gaumenkitzel und das unter dem Deckmantel der elitären Küche, da kommt mir das kalte Grausen. Nicht umsonst wurde die "Produktion" von Stopfleber in Deutschland verboten.
"Auch ein Esser, also der Gast im Restaurant, sollte über mehr verfügen als über ein grobes Instrumentarium seiner Sinne, wenn er sich einem gastronomischen Kunstwerk nähert. Hunger allein genügt nicht."
Ach was, ein Esser in einem solchen Restaurant sollte nur über drei Dinge verfügen:
Platz im Magen
ein leicht zu beruhigendes Gewissen
ein großes Portemonnaie
http://www.stopgavage.com...
GUTEN APPETIT
Wer Mozart wahrhaft genießen will, muss über Empathie verfügen.
Wer Stopfleber genießen kann, darf nicht über Empathie verfügen.
Mozart und Stopfleber zusammen geht nicht.
Wer Mozart wahrhaft genießen will, muss über Empathie verfügen.
Wer Stopfleber genießen kann, darf nicht über Empathie verfügen.
Mozart und Stopfleber zusammen geht nicht.
Wer Mozart wahrhaft genießen will, muss über Empathie verfügen.
Wer Stopfleber genießen kann, darf nicht über Empathie verfügen.
Mozart und Stopfleber zusammen geht nicht.
Wo gibt's eigentlich dieses von-der-Leyensche Filterprogramm für Gänseleber, Fleischverzehr und ähnlich perverse Vergnügen? Wenn doch nur alles so gut funktionieren würde wie die Gänseleberpolizei!
... ist das, auf das man sich da begibt. Die geforderte Kunstsinnigkeit nur auf klassische- oder Jazzmusik zu beziehen ist mindestens hochnäsig (falls die Potagonisten überhaupt was von Klassik oder Jazz verstehen). In den meisten Fällen würde ich einfach mal 'nen bescheuerten Dünkel unterstellen, zu dem das ziemlich angeberische Getue mit der kulinarischen Kompetenz auch noch passt.
Gibts vielleicht was zwischen Siebeck und Rezeptor?
OK Ok natürlich gibts das...
Nichts anderes spricht aus diesem "Kultivierungswahn". Die Qualität der Gerichte eines spitzenkochs ist zu 90 Prozent von gutem Handwerk und guten Produkten bestimmt. Für die restlichen 5 Prozent Kochbegabung oder gar Genie ist es völlig egal, ob der Koch gerne Mozart, Coltrane, Ice-T oder die Schürzenjäger hört.
Aber im Lucas-Carton sah die Leber, oder sahen zumindest die Beilagen, doch sehr anders aus, als ich vor etwa 20 Jahren dort aß.
Der inzwischen wohl vergessene (was mich von Herzen schmerzt) Hubert Freund (Eichhalde, Freiburg), gewiß einer der aufregendsten Köche Deutschlands von ca. 1975 bis er enttäuscht (hat nie den zweiten Stern bekommen) sein Restaurant schloß, war ein Liebhaber Moderner Musik (womit ich Stockhausen, Berio, Cage und Kollegen meine).
Vielleicht kann man nur dann "Spätzle ohne Mehl" ersinnen, oder eine Radieschensauce zum Huhn. Und natürlich noch viel, viel mehr.
Ich empfinde es nachgerade als Gnade, daß ich oft bei ihm essen konnte.
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