Personenrätsel Lebensgeschichte

Im fortgeschrittenen Alter packte ihn noch einmal das Reisefieber. Genau genommen war es eher so etwas wie Entdeckerlust in Bezug auf das eigene Land, das er umrunden wollte. Von Nord nach Süd, von West nach Ost wollte er reisen und mit den Menschen über ihren Alltag und ihre Träume reden. Nach dem mittlerweile zweiten Schlaganfall ahnte er das allmähliche Schwinden seiner Kräfte, und so schnappte er sich seinen vierbeinigen Freund und zog los.

Natürlich hätte er weibliche Begleitung vorgezogen, aber so hatte er es sich nun mal in den Kopf gesetzt: Es sollte ein nomadenhaftes Abenteuer werden für einen Kerl von altem Schrot und Korn, als den er sich immer noch sah. »Mir war klar, dass es Schwerarbeit sein würde, … zehn- bis zwölftausend Meilen weit zu fahren, allein und unversorgt. … Aber für mich stellte es das Antidot gegen das Gift des berufsmäßig kranken Mannes dar.« Als einem Menschen mit klarem Blick auf die Realität lag ihm jede Form von Selbstmitleid fern: »Sollte sich die geplante Reise als zu anstrengend erweisen, dann war es ohnehin Zeit abzutreten.«

Anzeige

Ein Mann, ein Hund, ein Auto. So waren die drei für fast drei Monate zusammengeschweißt, und als sie zurückkamen, hatte er zumindest ein Ziel erreicht: Er hatte sich selber bewiesen, dass er kein »ältliches Wickelkind« war, sondern immer noch Herr seiner körperlichen und geistigen Kräfte.

Ansonsten haderte er allerdings mit dem Resultat des Unterfangens: »Wie schön wäre es, wenn ich über meine Reise sagen könnte: Ich bin ausgezogen, um die Wahrheit über mein Land zu finden, und ich habe sie gefunden. … Aber was ich im Kopf und tiefer in meinen Empfindungen hatte, war ein unentwirrbares Knäuel.« Er hatte viel gesehen, viel erlebt – doch irgendwann hatte sich Enttäuschung in ihm breitgemacht über seine Landsleute: »Was uns drückt, sind unsere Schulden, was wir uns wünschen, sind noch mehr materielle Spielsachen, und was uns quält, ist die Langeweile.« Klingt das heute nicht ziemlich aktuell?

Trotzdem gelang es ihm, der Tour im Rückblick auch gute Seiten abzugewinnen. Vor allem die Schönheiten der Natur hatte es ihm immer wieder angetan und tröstete ihn über die Schwächen der Menschen hinweg. Womit sollte er letztlich auch hadern?

Sein Leben war so glücklich verlaufen, wie er es sich erträumt haben mochte, und dafür war er dankbar. Er hatte sein Talent zum Beruf gemacht und war berühmt und reich geworden. Er hatte sich nie verbiegen lassen, auch nicht, als seine politischen Überzeugungen nicht mehr en vogue waren. Er hatte drei große Lieben erlebt, zwei Söhne und eine Stieftochter großgezogen. Und zum Schluss, zwei Jahre nach seiner Rundreise, hatte man ihm noch den Hauptpreis der Branche verliehen.

Übrigens kann man sein Reisemobil heute noch bewundern – in einem Museum, mit dem sein Geburtsort an ihn erinnert.

Wer war’s?

Lösung aus Nr. 47:
Lady Mary Wortley Montagues (1689 bis 1762) Mann Edward wurde als Botschafter nach Konstantinopel geschickt. Ihre Briefe aus dem Orient schildern vorurteilslos die fremde Kultur. Neben vielen orientalischen Kuriositäten brachte sie auch die Praxis der Pockenimpfung nach England. Alexander Pope, der sie mit romantisch-erotischen Versen bestürmt hatte, fühlte sich wohl in seiner Männlichkeit gekränkt. Mit fast 50 Jahren verliebte sie sich in Francesco Algarotti, der Voltaire zufolge der Liebhaber Friedrichs II. wurde und in Preußen Karriere machte, während sie in Italien und Frankreich auf ihn wartete

 
Service