Stilkolumne Eine kleine Dosis Monarchie
Tillmann Prüfer über die Rückkehr des Samts
Es gab eine Zeit, da hatte sogar die Stadt Krefeld etwas Glamouröses. Denn vom 17. bis zum 20. Jahrhundert war Krefeld das internationale Samtzentrum. Die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten hatte dort die Samtweberei etabliert. Weshalb der Name Krefeld einst einen ganz anderen Klang hatte als heute: Samt galt – seit dem 13. Jahrhundert schon – als Stoff der Könige.
Samt verschafft selbst einem Klingelbeutel einen königlichen Auftritt: Clutch Bag von Emporio Armani
Samt war einer der ersten dreidimensional anmutenden Stoffe, denn seine spezielle Webart verschafft ihm einen "samtigen" Flor. Während des europäischen Samtbooms, der vom 15. bis zum 17. Jahrhundert dauerte, entwickelte man gemusterte und bedruckte Samte und stellte sie in allen Florhöhen her. Es gab den glänzenden Spiegelsamt und den pompösen Brokat mit Goldfäden.
Dass der Samt unsere Vergangenheit beherrschte, hat es ihm in der Gegenwart etwas schwer gemacht. Ihm haftete stets etwas Gestriges an. Aus den achtziger Jahren kennen wir noch das Samtjackett, danach verschwand der repräsentative, aber auch etwas steife Stoff in der Subkultur und wurde eigentlich nur noch bei Gothic-Festivals im großen Stil aufgetragen.
Nun ist er zurück – und zwar überall. In Form von Kleidern, Blusen, Hosen, Jacken und Accessoires beherrscht er die Kollektionen. Ihn verwenden unter anderem Chloé, Miu Miu, D&G, Marc Jacobs, Etro und Karl Lagerfeld. Man fragt sich: Warum war der Samt eigentlich so lange weg? Er lässt sich zu jeder Gelegenheit tragen. Tagsüber gibt er klassischen Outfits eine Dosis Glamour, abends kann man sich damit in Szene setzen, wie es bislang nur Monarchen (und eben Gothics) konnten.
Dass immer mehr Samt zu sehen ist, hat mit dem Comeback der Silhouetten der achtziger Jahre zu tun, die sich bestens für diesen harten Stoff eignen. Die Schulter wird wieder betont und modelliert – Samt ist wie geschaffen dafür, Jacken und Blazern den gewissen Halt zu geben. Und wo Samt ist, da ist immer ein großer Auftritt. Wer Samt trägt, kann sich nicht verstecken. Samt ist der Stoff der starken Frauen. Bis Männer darin wieder königlich aussehen, dauert es allerdings noch ein bisschen. Und Krefeld, das sich heute noch "Stadt von Samt und Seide" nennt? Sorry: Um Krefeld wieder Glanz zu verleihen, müsste das Samt-Comeback noch 300 Jahre dauern.
- Datum 23.11.2009 - 14:32 Uhr
- Serie Stilkolumne
- Quelle ZEITmagazin, 19.11.2009 Nr. 48
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