Syrien Der Schurke als Freund
Eben war Syrien als »Terrorsponsor« geächtet. Nun pilgern Staatsmänner nach Damaskus. Wer hat sich da geändert: Syrien oder die Welt?
© Louai Beshara/AFP/Getty Images

Vereinte Idole: Ein Jugendlicher in Damakus trägt während einer antiisralischen Demonstration ein Plakat mit den Konterfeits von Präsident Bashar al-Assad neben Irans Präsident Mahmud Ahmadineschad (l) und Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah (r)
Der Mittelpunkt der Welt, sagen manche Syrer, sei Syrien. In einem prächtigen Haus in der Altstadt von Damaskus hat der Bildhauer Mustafa Ali sein Atelier. Er sitzt unterm Granatapfelbaum im Hof des Anwesens. Ein Brunnen plätschert. Der Bildhauer hat schon einige Berühmtheiten durch seinen Altstadtpalast geführt: Könige und Königinnen, Staatschefs und deren Ehefrauen. Ali Mustafas Präsident hält es ganz genau so. Baschar al-Assad schüttelte in diesem Jahr zahlreichen Staatsmännern und Diplomaten in Damaskus die Hände. Frankreichs Präsident Sarkozy war darunter, hochrangige US-Diplomaten, der türkische Ministerpräsident Erdoğan, der saudische König Abdallah. Der syrische Herrscher sonnt sich in der neuen Beliebtheit. Sein Poster hängt in der ganzen Stadt, mit vorgestreckter Hand. Syrien ist in.
Aber war Syrien nicht gerade eben noch isoliert? Es stand auf der US-Liste der »Schurkenstaaten« und galt als »Terrorsponsor« und Verbündeter von Iran und Hisbollah. 2005 wurde Syrien als strippenziehende Macht hinter dem Mordanschlag auf den libanesischen Expremier Hariri verdächtigt und musste sich von Amerika, Saudi-Arabien und Frankreich abstrafen lassen. So war’s, und doch ist es heute schon wieder alles ganz anders. Syrien hat aufs internationale Parkett zurückgefunden. Ob in Paris auf dem Mittelmeergipfel der EU oder in Istanbul auf den Treffen der Organisation Islamische Konferenz – Baschar al-Assad lächelt mit. Wie er das geschafft hat, bedarf der Erklärung. Hat sich das autoritär regierte Land verändert? Eine Antwort findet sich vielleicht in den Höfen, Kellern und Kontoren von Damaskus.
Im jüdischen Viertel der Altstadt wohnen nicht mehr viele Juden. Viele haben die Stadt in den Jahrzehnten des Konflikts mit Israel verlassen. Der Bildhauer Mustafa Ali hat eines dieser Häuser bezogen. Er arbeitet mit Holz und Metall. Etruskische Figuren zieren den Hof, Sarkophage im phönizischen Stil, jüdische Mesusot-Schriftrollen, in Holz eingedrechselte Bronzefiguren. »Für einen Künstler ist es wichtig, nicht festgelegt zu sein«, sagt Mustafa Ali. Damaskus, betont er, sei der Schlüssel zum bunten Nahen Osten. Deshalb käme hier irgendwann jeder vorbei. Die Syrer und ihre Regierung seien »aufgeschlossen und vorurteilsfrei«. Doch gelinge es nicht immer, »diese Botschaft nach außen zu tragen«, sagt er. Das stimmt. »Aber wer hierher reist, ist begeistert von der Gastfreundschaft.« Stimmt auch. Freundlich gegenüber Fremden, aber wie steht es mit der Behandlung der eigenen Leute?
»Im Knast landen mehr Oppositionelle als zuvor«
Präziser: Wie geht es der Opposition? Einige Telefonnummern von Regimekritikern habe ich noch von einer Reise nach Syrien 2006 dabei. Doch keiner hebt ab. Bis auf einen. Als wir uns treffen, erzählt er mir von den anderen. Sie säßen im Gefängnis. »Die Opposition hat es schwer«, sagt er. Die Prozesse gegen sie seien zwar höflicher geworden, man lasse die Angeklagten neuerdings ausreden. »Aber im Knast landen mehr als zuvor.« Die Regierung habe den Ruf nach dem »regime change« irgendwie falsch verstanden. Ändern solle sich nur die Opposition, hinter Gittern. Der Damaszener Frühling seit 2001 mit öffentlichen Erklärungen und Versammlungen sei endgültig vorbei.
In einem Keller unter der weitläufigen Stadt finden heute andersdenkende Syrer ihr Nachtasyl. Es ist brechend voll, die Luft zum Anfassen dick. An der Wand hängen Plakate von Gandhi und Che Guevara. Bier, Raki und Nüsse machen die Runde. Auf einem Pult steht ein Leselämpchen. Dort rezitieren arabische Autoren ihre Gedichte. »Komm nicht zu mir«, trägt einer vor, »und wenn du kommst, klopf nicht an meine Tür. Und wenn du klopfst, tritt nicht ein. Und wenn du eindringst, umarme mich nicht. Erstich mich zuerst, erst dann umarme mich – so zeigst du wenigstens Reue.«
Hinter diesem Gedicht steht die Hoffnung, noch im Scheitern, noch im Tode einen kleinen Sieg davonzutragen. Doch selbst diese Erwartung dürfte illusorisch sein. Reue ist keine Regung, die sich die syrische Macht in jüngster Zeit zu eigen gemacht hätte. Regierung und Präsident standen vor allem nach dem Hariri-Mord in Beirut unter starkem Druck des Westens und der arabischen Partner. Ohne Folgen. Was die Frage aufwirft: Haben die westlichen Wirtschaftssanktionen nicht gewirkt?
Zurück im hellen Tageslicht, treffe ich Khaldoun Azrak, Geschäftsführer der syrischen Handelskammer. Während des Gesprächs unterzeichnet er laufend Papiere, er ist in der Hektik sehr entspannt. Das Embargo des US-Kongresses habe vor allem die Syrian Airlines getroffen, sagt er. Deren Flugzeugen fehlten nun Ersatzteile, weshalb sie weniger flögen. Aber die syrische Industrie und der Handel hätten kaum Einbußen erlitten. »Wir produzieren vieles selbst«, sagt Azrak. »Und was uns fehlt, kaufen wir jetzt in China oder in Russland.« Dazu komme die Türkei, mit der Syrien im Oktober gerade Visafreiheit, davor schon zollfreien Handel vereinbart hat. »Amerika ist nicht die Welt«, sagt Azrak. »Ich esse koreanisch, reise nach Europa, fahre in Taxis chinesischer Bauart und benutze deutsche Wasserhähne. Ich bin ein globaler Bürger.«
Mustafa Ali kann dem nur zustimmen. Künstlerisch lässt er sich aus allen Himmelsrichtungen inspirieren. Studiert hat er in Italien, bewundert hat er Giacometti. Aber: »Kunst ist wie ein Pendel«, sagt er. Mesopotamische Bildhauerei, die Keilschrift von Ugarit, die Ruinen von Palmyra und Baalbek faszinieren ihn. In jüngster Zeit erschütterte ihn der Gazakrieg. Er ist nicht politisch, beteuert Ali, aber »ein Mensch«. »Schauen Sie!«, winkt er und geht in den Keller. Die Augen müssen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Dann wird eine Metallfigur sichtbar, ein Pochen dringt ans Ohr. Eine zusammengekrümmte Frau liegt da, mit offenem, rot gerändertem, elektrisch bewegtem Herzen, darin ein Lautsprecher. Nicht so feinsinnig wie seine Statuen. »Im Krieg muss man klar sprechen«, sagt Ali. Nur so könne der »Widerstand gegen die Zionisten« Erfolg haben. Gemeint sind Hisbollah und Hamas, deren Allianz mit Syrien von den USA und der EU heftig kritisiert wird.
Hat vielleicht Syriens Unterstützung für die islamistischen Gruppen nachgelassen? Löst Assad angesichts der Offerten aus Paris und Washington das enge Bündnis mit Iran? In einem Vorort von Damaskus fällt es schwer, daran zu glauben. Hier befeuert Geld aus Teheran das Leben. So wurde der berühmte schiitische Schrein von Sajjida Zainab, einer Enkelin des Propheten, restauriert. Die darüber gespannte Moschee ist ein üppiges Festival von Keramikkacheln, Silberschmuck, Blattgold und Facettenspiegeln. Ganze Stadtviertel in Damaskus leben von Teherans Mitgift. Hier befinden sich ein Krankenhaus und iranisch finanzierte Wohnviertel. Anderswo stehen iranische Schulen und Kulturzentren. Auf dem Basar verkauft ein syrischer Händler iranischen Frauen Stoffe. Sie zahlen mit iranischen Rial, er gibt syrische Pfund zurück. Natürlich spricht er Farsi: »Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt.« Nur sein Papagei, der auch Farsi plappert, macht es aus reinem Vergnügen.
Die antiisraelische Allianz verfügt in Syrien über eine dichte Infrastruktur. Iran hat Syrien eine Autofabrik gebaut, der Hamas-Chef Chaled Meschal lebt in Damaskus, Hisbollah unterhält hier Warenlager für Widerstandsartikel, Plaketten, T-Shirts und Rüstzeug, finanziert mit iranischem Geld. Mit Iran, sagt ein Damaszener Politikberater, »verbindet uns eine Vernunftehe«. Schon seit der iranischen Revolution 1979 helfe Teheran Syrien. »Ob uns Devisen fehlten oder Öl, ob wir wie 2005 sogar in der arabischen Welt isoliert waren – immer stand Iran für uns ein.« Manche im Westen mögen spekulieren, die neue Freundschaft mit der Türkei könnte Irans Rolle irgendwann ersetzen. Vergebliche Hoffnung, sagt der Berater, die offenen Arme Syriens reichten für Iran und die Türkei zugleich. »Ohne Iran wären wir wie eine Katze ohne Krallen, eine Art zweites Jordanien.«
»Syrien liegt in der Mitte, kein Weg führt um uns herum«
Hier stellt sich die Frage, was sich denn nun geändert hat seit 2005 und was Frankreich und die USA zur Umarmung Assads bewogen hat. Westliche Diplomaten in der Hauptstadt verweisen auf Syriens Kooperation an der Grenze zum Irak oder auf die Verhandlungen mit Israel 2008, die erst der Gazakrieg unterbrach. Sie zeigen auf die vom Westen geforderte Öffnung der syrischen Botschaft in Beirut, womit Syrien Libanons Unabhängigkeit unterstrich. Ist das alles?
Ein syrischer Direktor eines Thinktanks für Außenpolitikberatung, Samir al-Taqi, hält eine bessere Deutung parat: Der Westen hat sich geändert! Vor 20 Jahren erlebte Europa seine beste Stunde, aber auch den Beginn seines Abstiegs. Mit George W. Bushs Kriegen begann der Verfall der USA, heute regiere Obama viel defensiver. »Nun nehmen die Länder der Region ihr Schicksal in die eigene Hand«, sagt al-Taqi. Das Vakuum werde von aufsteigenden Mächten der Region – Syrien, Türkei, Iran – gefüllt. Neue Zentren entstünden. Keine klare Hierarchie sei mehr zu erkennen, nur eines: »Syrien liegt in der Mitte, kein Weg führt um uns herum.« Es werde gebraucht für Frieden mit Israel, für Ruhe in Palästina, im Libanon und Irak, für Transport von Öl und Gas nach Europa. Der Westen erkenne das an.
Vielleicht ist es aber auch der ungeliebte Nachbar Israel, der Syrien wieder besser ins Spiel gebracht hat. Zunächst durch die Verhandlungen mit Syrien über türkische Unterhändler 2008, dann durch den Gazakrieg 2009. Während des Bombardements von Gaza-Stadt konnte sich Baschar al-Assad mit seinem Protest bestens in Szene setzen. Während Saudis und Ägypter schwiegen, gab er der arabischen Straße eine Stimme. Doch er überzieht nicht. Von türkischen Journalisten befragt, wie er den lautstarken Streit zwischen Türken und Israelis sehe, rief er beide Staaten zur Versöhnung auf: »Wie soll die Türkei sonst ihre wichtige Rolle im Friedensprozess spielen?« Assad, vorige Woche noch auf Blitzbesuch in Paris, schnitzt am Bild des Staatsmannes, der mit allen kann.
Das war nicht immer Syriens Markenzeichen. Die ehemaligen jüdischen Besitzer des Hauses von Mustafa Ali seien noch zu Zeiten von Baschar al-Assads Vater ausgezogen, erzählt der Bildhauer. Er habe den Palast wiederum von Irakern gekauft. Heute wohnen die früheren jüdischen Bewohner im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Doch auf einer Reise waren sie schon zum Tee bei Mustafa Ali. »Sie freuten sich sehr über das Haus als Atelier«, sagt er. »Und über die Tora-Rollen in meinem Büro.« Allein die Skulptur der Frau aus Gaza mit offenem Herzen im Keller konnten sie nicht sehen. Die war noch nicht fertig.
- Datum 19.11.2009 - 15:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Der Westen kann sich seine Partner im Nahen Osten nicht backen. Da ist Syrien sicher noh das kleinere Übel, außerdem hat dort religiöser Fanatismus keine Tradition,
wie übrigens auch im Irak nicht - vor dem militärischen Eingreifen der USA und Englands.
www.edithwerner.com
Was soll das sein ein "globaler Bürger"?
Ach so, "Ich esse koreanisch, reise nach Europa, fahre in Taxis chinesischer Bauart und benutze deutsche Wasserhähne. Ich bin ein globaler Bürger", deshalb! Ich Dummerchen aber auch!
Die Aussage ist doch Unfug. Erstens hat ein Wasserhahn nichts mit Bürgersinn zu tun und zweitens werden Kulturen durch das Tauschen von Kochrezepten nicht kompatibel.
Da der Westen jeden Sinn für die Wichtigkeit eigener Werte verloren hat, kann man dieser Qualifikationsliste für das Weltbürgertum noch hinzufügen das er zum Steinigen finnischen Granit benutzt. Gegen solch entzückenden Lokalkolorit kann doch keiner im Westen was haben!
Weltbürger! Das sind doch linke Hirngespinste aus dem Quartier Latin der späten '60er wo die Söhne des europäischen Großbürgertums sich mit den Söhnen arabischer Großgrundbesitzer zugekifft und dabei die Welt neu verteilt haben. Neuerdings gierig aufgegriffen von den gleichen Typen die eine Kairoer Erklärung der Menschenrechte verfasst haben um diese westliche Bevormundung endlich abzuschaffen.
Aber irgendwann lernt auch bestimmt die Zeitredaktion das nicht alle Menschen gleich sind nur weil wir uns alle die Hände waschen nachdem wir auf dem Klo waren.
[...] Schurken kommen mal mit Schurken zusammen. Also alle Bosse, die mit Hafez al-Assad oder seinem Sohn und Nachfolger Baschar al-Assad zusammenkamen waren bzw. sind eben auch Schurken - oder haben Sie da in der ZEIT rassische Bedenken!?
Syrische Juden hatten das Land freiwillig verlassen, um in der globalen Machtzentrale USA und in Westeuropa ihren Gott "das Geld" (Karl Marx) anzubeten, diese mögen dort ewig hängen bleiben - denn Syrien kann auch ohne sie weiter leben!
[Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]
Die westlichen Staaten machen es sich einfach, Ländern den Stempel mit der Aufschrift "Schurkenstaat" oder "Terrorsponsor" je nach Laune aufzudrücken oder wieder abzuwischen. Es liegt in dieser Logik, dass ein Land, das mit dem "Musterschurken" Iran seit Jahren gute Beziehungen pflegt, keinesfalls unbescholten sein kann.
Doch diese Einteilung der Welt in Gut und Schlecht à la "Achse des Bösen" ist nicht zufällig das Markenzeichen der verhassten Bush-Ära gewesen. Sie ist eine an Opportunismus grenzende Anmaßung - jetzt, wo den Staatschefs die strategische Rolle Syriens klar geworden ist, klopfen sie plötzlich bei Baschar al-Assad an die Tür und bitten um Einlass.
Dabei sollten die Politiker des Westens wissen, dass sie es mit Syrien nicht nur mit einer Quasi-Diktatur, sondern auch mit einem Land zu tun haben, in dem es eine Toleranz zwischen den Religionen und Bevölkerungsgruppen gibt, die in vielen europäischen Ländern ihresgleichen sucht.
Warum benützt der Author diese Formulierung: "juden haben das jüdische viertel verlassen", wenn sie von Pogromen und staatlichen Repressalien bedroht werden. Man könnte sich vorstellen, man geht der Sache einmal nach, frägt die vertriebenen Juden einmal....
Vielleicht wäre es für die Leser, was Syrien betrifft, auch mal interessant zu erfahren, wie Syrien mit seinen Kurden umgeht. Die "verlassen" nämlich den Grenzstreifen. (Im Falle anderer Länder spricht man eher von Zwangsumsiedlungen. Achtung: Ironie!)
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