Schleppt noch jemand? Kann überhaupt noch jemand Tragen ertragen? Kohle hochtragen ist heute nicht mehr vorstellbar. Koffer tragen? Nicht mal bezahlte Kofferträger lassen sich so weit herab. Hart kritisiert werden Lehrer, die ihre Schüler noch Bücher schleppen lassen. Nichts mehr kann, darf oder muss getragen werden. Nur eins tragen Krethi und Plethi, Arm und Reich, Hochwohlgeboren und Hartz IV oft und klaglos: den Einkauf.

Plastiktüten, Einkaufstaschen, Körbe, Umhängebeutel, Rucksäcke – die verschiedenen Traggefäße taugen zwar als Zeichen der Schichtzugehörigkeit, aber geschleppt wollen sie alle sein. Dieser Gedanke führt uns zum Hackenporsche, auch »Zwiebelmercedes« und (in der DDR) »Rentnervolvo« geheißen: eine große Einkaufstasche mit langem Griff und Rädern drunter. Er ist nicht neu, seit einem halben Jahrhundert wird er produziert, aber er beendet mit einem Schlag alle Schleppprobleme und deren Folgen: Rücken- und Muskelschmerzen.

Doch der Hackenporsche darf seit seinen Anfängen nur von alten Mütterchen benutzt werden. Wer ihn dennoch einsetzt, wird mit Verachtung oder Auslachen bestraft. Weil sich dieses anachronistische Sozialdiktat nun radikal wandelt, wollen wir uns hier ausnahmsweise mit einem Produkt beschäftigen, dessen Technik uns nicht den Atem raubt. Das dafür aber einen Megatrend markiert.

»Marktroller« hieß das Gerät ursprünglich, als es aus Dänemark nach Deutschland einwanderte. In der Nachkriegszeit gab es gerade mal noch in England vergleichbare Komfortelemente, wahrscheinlich Derivate von Golftrolleys. Neben der Lex Oma schien es vom Start weg ein zweites unumstößliches Gesetz zu geben: Schottenmuster war das einzig denkbare Design der Rolltaschen. Bis tief in die achtziger Jahre blieb der Hackenporsche in seiner Marktnische. Gelegentlich erkannten Konsumenten seine Verwandtschaft mit der Sackkarre – dann trug der Hackenporsche zwei Kästen Bier. Um ihr Image unbesorgte Mütter nutzten ihn, um auf Ausflügen das reiche Kinderzubehör zu verstauen. Immerhin bescherte die alternde Gesellschaft den Herstellern sanft steigende Umsätze.

Für weitere Artikel der Serie klicken Sie auf das Bild

Doch wenn man heute nach Satrup an der dänischen Grenze fährt und bei Andersen reinschaut, bleibt einem der Mund offen: Deutschlands größter Hersteller baut flotte und schicke, seriöse und verspielte, kühlende und regenfeste »Shopper« – den Namen hat man sich schützen lassen. Es gibt sie mit vier Rädern – zum Schieben. Mit sechs Rädern zum Treppensteigen. Wasserdicht verschweißt und mit Kupplung für das Fahrrad. Und mit ausklappbarem Stühlchen. Hier allerdings wird die wesensmäßige Nähe zum Rollator unübersehbar, und das könnte dem neuen Image schaden: jung, flott, trendy.

Gipfel der Coolheit sind Geräte mit Alugestellen, Schutzblechen und Taschen aus gebrauchter Lkw-Plane. Das reißfeste Material ist schon länger ein Hit bei Umhängetaschen; den Spediteuren werden alte Planen, die sie früher entsorgen mussten, neuerdings abgekauft! Planen, die wie stonewashed aussehen, sollen auch im Hackenporschesegment für Furore sorgen.

Die Mutmaßung, dass selbst designinteressierte Jüngere auf Omas Marktroller abfahren, belegen zwei Beobachtungen. Auch der Hersteller von Edelreisegepäck – Reisenthel – bietet ihn an, zum Beispiel als »Carrycruiser artdeco«. Zweiter Hinweis: Andersen hat in den vergangenen Jahren zwar weniger Shopper abgesetzt, doch der Umsatz blieb stabil. Der Trend geht also zum hochwertigen, schicken Produkt. Bis zu 200 Euro kann man loswerden. Und der Chef zuckt nicht mal zusammen, wenn er das Wort Karbon hört: Denkbar wäre heute sogar ein Gestell aus sündteuren, aber federleichten Kohlenstofffasern.

Ein anderer Trend wird dem Hackenporsche womöglich zusätzlichen Aufwind geben: Zumindest in Großstädten gehen die Leute immer häufiger zu Fuß einkaufen, weil es keine Parkplätze gibt oder weil das dem Klima weniger schadet. Berlin ist nicht von ungefähr die Hauptabsatzregion des norddeutschen Herstellers. Nur wo niemand zu Fuß geht, da kauft keiner Marktroller: auf dem Land. Und in den USA. Andere haben natürlich auch den Trend gewittert. Ikea bietet im Billigsegment einen »Upptäcka« für 20 Euro an, ohne Komfortbereifung und edle Anmutung. Wer noch sparsamer ist, bedient sich beim Chinaimport. Für 15 Euro kriegt man einen Hackenlada. Zum Transport von Schonkost fürs Wochenende reicht der auch.

Die Probefahrt gerät schließlich doch zur Mutprobefahrt. Man ist ja Avantgarde; an aktive Geschäftsleute, die ein Rollköfferchen hinter sich herziehen, hat sich die Welt gewöhnt – aber ein gesund erscheinender Mann mit Hackenporsche? Immerhin, mit dem trendigen Lkw-Plan-Wagen erntet man keinen Spott. Der Kontrollblick ins Schaufenster schockiert, aber die Umwelt scheint das weniger eng zu sehen. Zum Glück vergisst man nach wenigen Minuten, dass es kein Business-Köfferchen ist, das man hinter sich herzieht.

Der Wochenendeinkauf passt rein. Das Lieblingsrevier ist der Markt; im Supermarkt gibt es die Unsicherheit, ob man den Wagen eingangs parkt oder als Einkaufswagen benutzt und den Inhalt an der Kasse aufs Band lädt. Die Reaktion der Supermarktangestellten ermutigt: »Machen ja andere auch!« Ein Treppenhaus lässt sich dank schaumgepolsterter Räder gut hochsteigen. Die Ausführung »Scala Shopper« mit beidseits drei sich um eine Achse drehenden Rädchen braucht es dazu nicht. Und bereits nach wenigen Tagen weiß man nicht mehr, wie man jemals Waren heimschleppen konnte, statt sie zu rollen. Treppab wird der Hackenporsche mit Müll und Altglas gefüllt. Das Kind zieht ihn freiwillig. Das Leben wird leichter.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio