Literaturverfilmung "Tannöd"
Schnaps fließt
Aber sonst ist der Film »Tannöd« einfach nur öd
Der Film von Bettina Oberli ist ein antiidyllischer Heimatfilm – ein Genre, das von der Gefahr der holzschnittartigen Verblödung ebenso betroffen ist wie die süßliche Variante. Hier ist der Pfaffe hartherzig, die Tannen biegen sich im Wind, der Schnaps fließt, und die Wallungen der Lenden sind sündig, sündig, sündig: ganz, wie es zu erwarten steht. Hinter den Kulissen hätte aber ein spannender Kriminalfall erzählt werden können: Auf dem Tannödhof wurde eine sechsköpfige Familie erschlagen, bestialisch.
Dieser Mord ist ein Trauma für das Dorf, aber weil der Tannödbauer mit Grund der verhassteste aller Menschen war, will niemand weltliche Gerechtigkeit. Nach zwei Jahren kommt Kathrin ins Dorf, weil sie ihre Mutter beerdigen muss. Ohne dass sie es will, rüttelt sie am Schweigegebot. Das Dorf saugt sie förmlich auf. Der geistige Kollektivmord fordert seinen seelischen Tribut: Die Verstockten vibrieren vor Offenbarungszwang. Am Ende weiß Kathrin, wer der Täter war, aber es ist moralisch gesehen leider der Falsche.
Aus dieser Geschichte hätte man etwas machen können, auch aus seinem psychischen Konfliktstoff, doch das hätte gleichsam Disziplin erfordert. Man hätte lakonisch und schauspielerisch streng erzählen müssen. Der Regiewille zum großen Gefühl inszeniert die Geschichte kaputt: Hier sollten vor allem deutsche Jungschauspieler in Szene gesetzt werden, mit bedeutungsvollen Großaufnahmen und Theatergesten. Jeder darf brillieren, und der deutsche Film will vorführen, wie intensiv er sein kann. Das geht nicht gut. Julia Jentsch als Kathrin wirkt engelhaft und langweilig. Die Kamera ist eher zittrig, als dass sie Dramatik erzeugt, und das rudimentäre Kunstbayerisch lächerlich. Kurz: Tannöd ist ein mäßiger Fernsehfilm für die Zeit nach 23 Uhr. Thomas E. Schmidt
- Datum 20.11.2009 - 07:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
- Kommentare 3
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Schade. Das Buch war genialisch. Darf man trotzdem mal den Film angucken oder ist das "bäh"? *schüchtern fragt*
Katastrophenfilm wird hier neu definiert: unmotivierte Wackelkamera meets pseudo-bedeutungsschwangere Bilder. Und dazu noch gleichgültig inszenierte Schauspieler auf Bauerntheater-Niveau. Lieber Buch lesen, das ist in diesem Fall das wesentlich bessere Kino!
Natürlich trotzdem den Film angucken - er ist ein Kunstwerk, das für sich steht. Darauf muss man sich antürlich einlassen wollen. Die Atmosphäre, die schon das Buch so stark gemacht hat, ensteht im Film ebenso stark und baut einen ungeheuren Sog auf.
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