Theater Im uncoolen Atlantik

Comeback II: Frank Castorf spielt »Ozean« an der Volksbühne

Berlin ist nicht mehr heiß und kalt, es ist cool«, hat Frank Castorf in einem verzweifelten Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt. Er hat darin zugegeben, dass er nicht mehr weiterweiß. Das Einzige, was der ratlose Mann genau weiß, ist: Er will nicht cool werden.

Wenn man vom Alexanderplatz her auf Castorfs Theater, die Volksbühne, zugeht, ahnt man, was er meint. Man passiert ein Designerhotel, dessen Gäste im Flacker eines künstlichen Kaminfeuers an ihren Laptops sitzen. Man geht vorbei am Sexshop, der mit einem »Seitensprungzimmer« wirbt, man geht zwischen amerikanischen Künstlern hindurch, die sich, über die Straße hinweg, für kommende Woche in Brooklyn verabreden. Man ist in Berlin, Europas Stadt im Fluss, und endlich erreicht man die Volksbühne, die, obwohl sie acht Monate lang geschlossen war und renoviert wurde, so unerlöst aussieht wie immer. Und davor, auf dem gespenstischen dreieckigen Platz, steht das Volksbühnen-Emblem, ein Wagenrad mit Beinchen unten dran: halb Ding, halb Lebewesen, ganz wie Kafkas Odradek, der berühmte Maschinenwicht, der nicht sterben kann.

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Die Volksbühne gibt sich, inmitten einer ins Elegante und Schmerzlose abrutschenden Stadt, als der gute alte Ort des Schmerzes. Coolness ist hier verboten. Man kann sich Castorfs Theater vorstellen wie einen nackten dampfenden Mann, der immerzu aus der Hölle ins Polareis und wieder zurück in die Hölle stürzt, all das, um ja nicht in moderate Berliner Lounge-Temperatur zu verfallen. Man soll es in seiner Gesellschaft nicht gut haben; man soll es mit ihm nicht aushalten.

Die Volksbühne ist stilgerecht wiedereröffnet worden: mit einem unspielbaren Stück, das eine undarstellbare Situation darstellt. »Das Vorspiel, der 1. und der 2. Akt spielen im Zwischendeck eines kleinen Auswandererschiffs; der 3. Akt auf einem Floß.« Man ahnt, wenn man diese Regieanweisung liest, wo der deutsche Dichter Friedrich von Gagern (1882 bis 1947) mit seinem Schauspiel Ozean hinwill: an den Abgrund, in die Tiefe. Seine Figuren – deutsche Huren, Pfarrer, Weber, Hebammen, Schriftsteller, Matrosen, lauter Revolutionsveteranen des Jahres 1849 – wandern aus nach Kalifornien, ins Land des Goldes. Doch Gagern hat sie nur erschaffen, um sie über Bord gehen lassen zu können. Auswandern ist bei Gagern ein anderes Wort für Weglaufen (vor sich selbst und vor Gott). Gagern verwehrt ihnen die Flucht, allerdings erst, als sie sich mitten auf dem Atlantik befinden, und so lernen sie nun sich und ihren Gott kennen.

Ein wesentlicher Satz im Stück lautet: »Was, was weiß der armselige schwache Mensch? Was kann er? Was soll er? Was will er?« Selbst der alte Revolutionär Emerich Herczy, eine der zentralen Figuren, erkennt bei Gagern: »Was sind wir Elenden, Schiffbrüchigen, auf schwankendem Floße im Ozean? Arme verlorene Kinder, die bange im Finstern weinen.«

Rätselhaft ist, was Castorf mit dem Stück anstellt. Seine Spieler sitzen auf Holzpaletten und schauen in den Saal, und im Saal lagern die Zuschauer auf gefüllten Seesäcken, und dann vergeht, bei laut ins Publikum wie in eine Brandung hineingesprochenem Text, viel Zeit. Ein ozeanisches Gefühl stellt sich nicht ein, Castorf will nicht Orkan, Seegang, Meer inszenieren oder solche Mimesis-Anstrengungen auch nur verlachen. Im Grunde will er aus Ozean ein großes Einschlafgespräch, eine Joseph-Conrad-Oberdeck-Meditation machen, und hätten die Zuschauer Decken zu ihren Seesäcken bekommen, so hätten sie sich in Embryohaltung gekrümmt und wären im Morgengrauen gestärkt erwacht.

Deutsche Menschen aller Schichten zerfleischen (und retten) sich auf den Planken eines Auswandererschiffs: Man hätte erwarten können, dass Castorf diesem Schiff eine Form von heute verpasst, dass er uns die Passagiere wie Spiegelbilder vorhält. Aber er tut es nicht. Es dominiert an diesem Abend der hoffnungslose, entschlossene Predigerton. Und es ist bei Castorf auch vorbei mit dem Affirmationsverbot. Es gibt nun lange, öde Strecken, da man, bildlich gesprochen, mal anfassen und einer Figur die Temperatur fühlen darf. Die ewige Castorfsche Brechung, das angewiderte Abschütteln von Zuschauerinteresse, als wäre es etwas Klebriges – das ist vorbei. Aber etwas Neues zeigt sich nicht.

Ein kleines Zwischenspiel vor der Pause verrät dann doch, was Castorf uns sagen will. Der Schauspieler Mex Schlüpfer, die Füße in Ballettschuhen, versucht einen Spitzentanz und singt: »Ich bin zu weich für diese Welt.« Das sind »wir«, und das ist unsere Lebensform, das Leben auf Spitze, die extreme Verfeinerung. Doch warte, sagt Castorf, es werden härtere Zeiten anbrechen, uncoole Zeiten. Und du, Zuschauer, wirst mit deinen Füßen, die jetzt noch auf Spitze tanzen, auch zutreten müssen.

Was aber verrät Castorf mit diesem Stück über sich selbst? Er bereitet uns vor auf das, was von ihm noch kommen wird. Er will gar kein Theater mehr führen, sondern ein Schiff – ein Totenschiff, das bis zum Ende von Castorfs Vertrag (2013), unbeirrt kreisend, auf Grund laufen darf.

Herzczy, der Revolutionär, unsere Lieblingsfigur aus Ozean, sagt einmal beiläufig, wie beim Menschen Hoffnung und Verzweiflung gemischt sind: »Hofft von Tag zu Tag. Verzweifelt von Stund zu Stunde.«

Verzweifle nur im Augenblick, aber hoffe auf das Glück des fernen Tags! Man kann es das Volksbühnen-Gefühl nennen: Genau das erlebt man in einer Castorf-Inszenierung.

 
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