Feuerwehreinsatz im Sumpf Löschtrupps im Moor
Intakte Torfmoorwälder bieten Zuflucht für viele bedrohte Arten und speichern gigantische Kohlenstoffmengen. Wenn sie brennen, schadet das dem globalen Klima. Ein Besuch bei Waldschützern in Indonesien.
© Dagny Lüdemann

Hier stand einst ein dichter Regenwald. Entwässerungsgräben haben den Torfboden ausgetrocknet – seitdem zerstören Waldbrände jedes Jahr die nachwachsende Vegetation auf Borneo
Am morastigen Ufer des Sebangau-Flusses, in einer Holzhütte auf Stelzen, hat die freiwillige Feuerwehr von Mohammed Abdullah Ramadani ihre Basis. Er und seine 14 Mann kämpfen gegen die größte Gefahr, die Borneos wertvollen Torfmoorwäldern droht. Seitdem der Mensch fast die Hälfte des Waldes auf Borneo zerstört hat, wüten jedes Jahr Brände auf der Insel.
Doch abgesehen von den orange leuchtenden Schulterklappen auf ihren Uniformpullovern und den Abzeichen, die jenen des New York Fire Department in nichts nachstehen, ist die Ausrüstung der Feuerwehrmänner dürftig: Ein kleines grünes Holzboot mit Außenbordmotor, zwei marode Kanus und eine Generatorpumpe – mehr haben sie hier nicht.
Dabei ist Ramadanis Arbeit sogar im globalen Interesse. Wenn Borneos Torfmoorwälder (klicken Sie hier für eine Infografik) brennen, werden gewaltige Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid frei. Die Bewahrung dieses Waldtyps ist also von enormer Bedeutung für den Klimawandel. Deshalb fördert der World Wide Fund for Nature (WWF) hier, neben anderen Projekten, auch den Aufbau lokaler Feuerwehren.
Im Sebangau-Nationalpark, der knapp 600.000 Hektar groß ist, schieben mittlerweile 16 Brigaden Dienst, so wie Mohammed Abdullah Ramadani und seine Männer. Doch das Beispiel Borneo lehrt auch, wie schwer es solche lokalen Initiativen haben, wenn ein internationaler rechtlicher Rahmen fehlt.
»Wenn wir von einem Feuer hören, fahren wir auf den Kanälen bis zur Brandstelle und machen uns ein Bild«, erzählt Ramadani. Selbst löschen können sie nur kleine Brände. Meist müssen sie Hilfe holen – Profis aus der Stadt, die größere Boote und bessere Pumpen haben. Bis Ramadani von einer Beobachtungstour zurück ist, kann ein ganzer Tag vergehen – das Feuer hat unterdessen schon verheerend gewütet
Noch in den siebziger Jahren kannten die Menschen hier keine Waldbrände
© Dagny Lüdemann

Die Männer aus den Dörfern rund um den Sebangau-Nationalpark im indonesischen Teil Borneos haben sich zu 16 Feuerwehrbrigaden zusammengeschlossen. Mit einfachen Mitteln kämpfen sie gegen riesiege Waldbrände
Auf den ersten Blick ist kaum vorstellbar, dass der feuchte Torfboden und die üppig mit Schilf und Gräsern bewachsenen Ufer hier in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos, Feuer fangen können. Doch schon bei der Fahrt mit dem Schnellboot entlang der Grenze des Sebangau-Nationalparks ragen zwischen saftig grünen Uferpflanzen verkohlte Baumstümpfe hervor.
Statt des ursprünglichen Blätterdachs, unter dem noch in den siebziger Jahren Orang-Utans, Nashörner, Schlangen und unzählige Pflanzenarten Schutz vor der Tropensonne fanden, prägt jetzt eine bizarre Formation aus vertrockneten Baumgerippen und verschmorten Büschen die Landschaft. Ab und zu flattert ein Vogel in der Hitze durchs Gestrüpp. Andere Tiere sind nicht zu sehen.
Jedes Jahr werden in Indonesien durchschnittlich 1,3 Millionen Hektar Wald zerstört – und damit auch der Torfboden, auf dem die Bäume in den Küstenregionen wachsen. Diese Torfmoorwälder enthalten mit 3000 bis 6000 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar bis zu 50-mal so viel Biomasse wie ein herkömmlicher Wald. Sie gelten damit als kohlenstoffreichste Ökosysteme der Erde. Ihre dicht gepressten Pflanzenreste werden im sauren Wasser wie Gurken im Glas konserviert.
Wird das Moor trockengelegt, wird der gespeicherte Kohlenstoff frei und gelangt als Treibhausgas CO₂ in die Atmosphäre. Wiederkehrende Brände beschleunigen diesen Prozess. Moor- und Klimaforscher warnen, dass bereits etwa 15 Prozent aller Moore der Erde zerstört und zu Kohlendioxid-Quellen geworden seien, die jedes Jahr zwei Gigatonnen CO₂ abgeben.
Einer Studie des WWF zufolge entfallen zwei Drittel davon auf die Zerstörung der Torfmoorwälder Indonesiens – das entspräche etwa acht Prozent der CO₂-Emissionen, die Menschen pro Jahr durch Verbrennen fossiler Energieträger verursachen. Der Moorforscher Hans Joosten von der Universität Greifswald hält zwar die »zwei Drittel« für etwas zu hoch gegriffen und schätzt, dass »etwa die Hälfte des CO₂-Ausstoßes aus Indonesiens Mooren kommen dürfte«. Gleichwohl ist das immer noch ein gewaltiger Anteil.
Wie schwer der Schutz dieses wichtigen CO₂-Speichers fällt, zeigt sich aus der Luft. An Bord eines Wasserflugzeugs überfliegen wir den Nationalpark und Teile jenes eine Million Hektar großen Gebiets, das General Suharto Ende der neunziger Jahre roden und durch ein 4600 Kilometer langes Netz von Kanälen entwässern ließ. Mit Reisanbau wollte der Diktator Bauern ernähren, die er im Kampf gegen die Überbevölkerung von der Hauptinsel Java nach Borneo umgesiedelt hatte. Doch der Moorboden erwies sich als ungeeignet. Reis wuchs hier nie.
Während der Motor der Cessna knattert, sieht man am Boden ein Bild der Zerstörung: Baumstämme liegen wie Streichhölzer verstreut herum. Dort, wo noch Wald zu erkennen ist, ragen hellgraue tote Bäume wie Geister aus der dunklen Erde. Sie erinnern an die Sümpfe der Traurigkeit aus Michael Endes Unendlicher Geschichte. Suhartos »Mega-Reisprojekt« wurde zu einer der größten von Menschen verursachten Umweltkatastrophen. Auf die Verwüstung des Waldes folgten Feuersbrünste. In dem bis zu 20 Meter dicken Torfboden kann das Feuer tagelang lodern, um dann in einem anderen Waldstück wieder aufzuflackern.
In den Jahren 1997/98 verlängerte das Wetterphänomen El Niño die Trockenzeit. »Damals brannte es zehn Monate lang, insgesamt wurden neun Millionen Hektar Fläche zerstört«, sagt Florian Siegert von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der im Auftrag des WWF und im Hinblick auf die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen Satellitenaufnahmen von Borneo auswertet. »Dabei gingen 1,5 Gigatonnen Kohlenstoff in Rauch auf.« Dieser zog bis nach Singapur. Tausende Indonesier mussten mit Lungenbeschwerden behandelt werden.
Die Moorschützer hoffen auf die Weltklimakonferenz in Kopenhagen
Doch allein mit der Bekämpfung der Brände lässt sich Borneos Problem nicht lösen. Denn einmal ausgetrocknete Moore erholen sich nicht von selbst, und die nur sehr langsam wachsenden Tropenbäume können sich nicht wieder ansiedeln, wenn es jedes Jahr brennt.
Deshalb unterstützt der WWF auch den Bau von Dämmen im Nationalpark. Sie stauen das Wasser in den Entwässerungsgräben, sodass der Torfboden wieder durchfeuchtet wird. Mit nachgezüchteten, besonders feuerbeständigen Bäumen wird der Regenwald wieder aufgeforstet.
Bislang aber bekommen sie von den lokalen Regierungsvertretern wenig Unterstützung. Denn diese verdienen nichts am Waldschutz, umso mehr dafür an den Steuern aus dem Gewinn der Plantagenbetreiber. Zwar stehen intakte Torfmoorwaldflächen inzwischen auch in Indonesien gesetzlich unter Schutz. Aber in vielen Provinzen zerstören illegale Holzfäller den Wald im Auftrag von Großkonzernen. Ist die Fläche einmal degradiert, wird häufig die Umwandlung zur Nutzfläche genehmigt.
»Wir hoffen, dass bei der Klimakonferenz in Kopenhagen endlich ein Kyoto-Nachfolgeabkommen beschlossen wird, das eine finanzielle Vergütung für den Waldschutz vorsieht«, sagt Guénola Kahlert, Wald- und Klimaexpertin beim WWF. Seit dem Klimagipfel 2007 auf Bali diskutieren die Vereinten Nationen diese Option unter dem Namen REDD – Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation.
Der REDD-Mechanismus sieht vor, Entwicklungsländern Zertifikate für jenes Kohlendioxid zu geben, das sie durch Waldschutzmaßnahmen einsparen. Damit könnten sie am internationalen Emissionshandel teilnehmen und hätten einen finanziellen Anreiz, ihre Wälder zu schützen. »Die Moorböden müssen unbedingt in die REDD-Bilanz aufgenommen werden und nicht nur die oberirdische Waldbiomasse, wie bislang vorgesehen«, fordert Moorforscher Hans Joosten. »Ansonsten sehe ich kaum eine Chance für die letzten Torfmoorwälder in Indonesien.«
Der Naturschutz auf Borneo wird von der eigenen Regierung konterkariert
© Dagny Lüdemann

Hier stand einst ein dichter Regenwald. Entwässerungsgräben haben den Torfboden ausgetrocknet – seitdem zerstören Waldbrände jedes Jahr die nachwachsende Vegetation auf Borneo
Wie viele Umweltschützer und Entwicklungshelfer auf Borneo kämpft auch Tampung Saman mit teils korrupter, teils chaotischer Bürokratie. Der Wissenschaftler für Sozialentwicklung in der Provinzhauptstadt Palangkaraya baut mit WWF-Unterstützung auf einem kleinen Acker in seiner Heimat Kautschukbäume an, als Alternative für die Bevölkerung zur Knochenarbeit auf Palmölplantagen oder zum illegalen Holzhandel.
Doch eine gut gemeinte Verordnung hat sein Pilotprojekt zum Stillstand gebracht. »Im Moment kann ich nicht weitermachen, weil die Regierung den Acker zum Waldschutzgebiet erklärt hat«, erzählt Saman. »Man darf hier keine Landwirtschaft mehr betreiben. Auch nicht für den Naturschutz.«
Das Zentrum für internationale Forstwissenschaft (Cifor) rechnet damit, dass sich die Vereinten Nationen im Dezember in Kopenhagen darauf einigen werden, REDD in das Kyoto-Nachfolgeabkommen aufzunehmen. Die kritischen Punkte, wie der Waldschutz entlohnt werden soll und vor allem, wie sich verhindern lässt, dass Entwicklungsländer erst an der Abholzung verdienen, um dann für die Wiederaufforstung UN-Gelder zu bekommen, werden bis dahin wohl nicht geklärt. Dabei sind diese Fragen nicht nur für Indonesien entscheidend: In Afrika und Südamerika vermutet Moorforscher Joosten riesige Flächen unentdeckter Torfmoore. Nicht alle sind mit Bäumen bewachsen. »Die UN sollten auch den Schutz unbewaldeter Moore attraktiv machen«, sagt er.
Staaten, die an REDD verdienen wollen, werden nachweisen müssen, wie viel CO₂ sie durch welche Waldschutzmaßnahmen eingespart haben. In Indonesien sind bereits 20 REDD-Pilotprojekte zur freiwilligen CO₂-Einsparung angelaufen. Auf Borneo hilft unter anderem der Münchner Forscher Florian Siegert dabei, mit Radar- und Satellitenaufnahmen zu bestimmen, wie viel Kohlenstoff die Torfmoorwälder speichern und wie viel CO₂ ihr Schutz einsparen könnte. Solange in Indonesien allerdings Korruption und Bürokratie herrschen, wird es schwer sein, die UN-Kriterien für einen lukrativen Waldschutz zu erfüllen.
Bis dahin kämpfen die Feuerwehrleute und Naturschützer im Sebangau-Nationalpark ziemlich allein gegen die Zerstörung ihrer Heimat. Auch heute steht Borneo wieder in Flammen. Kilometerweit erstrecken sich die Brände dort, wo die Flammen noch Nahrung finden. Aus der Cessna sind Rauchschwaden zu erkennen, beißender Qualm dringt durch das kleine Fenster der Maschine. Für ihre Löscharbeit bekommen Ramadani und seine Männer kein Geld. Wer Schicht hat, übernachtet in der Hütte auf dem Boden. Weshalb sie trotz allem weitermachen? Klare Antwort: »Weil das gut für unsere Zukunft ist.«
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- Datum 19.11.2009 - 12:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Natur geht es zielgerichtet weiter ... Wälder, Wasser, Luft, Meere ... http://viereggtext.blogsp...
Es gibt keine Flusspferde in Borneo/ Kalimantan. Flusspferde gibt's nur in Afrika !!!
Und ich war mir so sicher, ich hätte in einem der zahlreichen Archiv-Artikel über Borneo von Zwerg-Flusspferden gelesen. Gesehen habe ich auf meiner Reise in der Tat keines. Dann muss ich das wohl tatsächlich mit dem Borneo-Nashorn verwechselt haben - wird sofort geändert. Danke für den Hinweis.
Und ich war mir so sicher, ich hätte in einem der zahlreichen Archiv-Artikel über Borneo von Zwerg-Flusspferden gelesen. Gesehen habe ich auf meiner Reise in der Tat keines. Dann muss ich das wohl tatsächlich mit dem Borneo-Nashorn verwechselt haben - wird sofort geändert. Danke für den Hinweis.
Und ich war mir so sicher, ich hätte in einem der zahlreichen Archiv-Artikel über Borneo von Zwerg-Flusspferden gelesen. Gesehen habe ich auf meiner Reise in der Tat keines. Dann muss ich das wohl tatsächlich mit dem Borneo-Nashorn verwechselt haben - wird sofort geändert. Danke für den Hinweis.
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