Klimajahr 2009 Öko bringt Geld

Wird Amerikas Landwirtschaft grün? Die Farmer wittern jedenfalls neue Subventionen, wenn sie das Klima schützen. Von Christiane Grefe

Auf den Pflug wie hier in New Jersey wollen amerikanische Bauern in Zukunft möglichst verzichten. Das Umgraben setzt Kohlendioxid frei

Auf den Pflug wie hier in New Jersey wollen amerikanische Bauern in Zukunft möglichst verzichten. Das Umgraben setzt Kohlendioxid frei

Bill Richards ist einer der Pioniere. Schon seit Jahrzehnten verzichtet der Farmer aus Ohio darauf, seine Maisfelder am Rande des Städtchens Circleville zu pflügen. Mit positiven Folgen: Dichtere Wurzeln lockern das Erdreich, die Fruchtbarkeit steigt, weil der Kohlenstoff im Boden bleibt. Erst neuerdings erregt Richards mit seinem pfluglosen Anbau außerdem noch als Avantgardist des Klimaschutzes Aufmerksamkeit. Denn die Methode spart CO₂-Emissionen, sie wird jetzt auch "Kohlenstoffernte" genannt.

In einzelnen Bundesstaaten arbeiten schon bis zu 30 Prozent der US-Farmer mittlerweile zumindest ab und an ohne Pflug. Und damit sich noch mehr Bauern darauf einlassen, soll die Technik mit Ausgleichszahlungen aus dem internen Emissionshandel der USA gefördert werden – wenn der denn kommt.

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Diesen Anreiz und noch viele weitere haben die Agrarverbände in jenes Gesetzespaket zum Klimaschutz eingebracht, das die Demokraten Ende Juni mit knapper Mehrheit durch den Kongress boxten. Nach hitzigem Streit – und unter Hochdruck, denn am liebsten hätte Präsident Barack Obama zum Klimagipfel in Kopenhagen schon ein fest verschnürtes Klimapaket vorgelegt. Doch erst hat die Gesundheitsreform die Sache verzögert, und nun versuchen die Republikaner im US-Senat seit Anfang Oktober, das Klimaschutzgesetz zu torpedieren.

Dass gerade die Farmer bei Amerikas Klimapolitik eine wichtige Rolle spielen könnten, hatte anfangs kein Politiker eingeplant. Und nun streitet eine der einflussreichsten Lobbys der Welt, das amerikanische Agrarbusiness, kraftvoll gegen die Erderwärmung? Das klingt doch eigentlich wie eine richtig gute Nachricht aus dem klimapolitischen Entwicklungsland USA.

Bei näherem Hinsehen aber entpuppt sich das Engagement zumindest teilweise als Mogelpackung. Umweltverbände monieren, Obamas Klimagesetz werde durch das vermeintlich grüne Vorpreschen der Farmer tatsächlich geschwächt. Mit geübter Witterung ziele die Branche vor allem auf neue Subventionschancen ab.

"Ein Großteil der Amerikaner glaubt ja den Klimaforschern noch immer nicht", gesteht Ernie Shea. Er ist Chef der 25x25 Alliance, eines Zusammenschlusses von Bauern, Wissenschaftlern und Industrieverbänden. Die Allianz will mit Energie-"Lösungen vom Land" bis zum Jahr 2025 ehrgeizige 25 Prozent zu Amerikas CO₂-Einsparungen beitragen. Um die Farmer auf die neue Strategie einzuschwören, hat Sheas Mitstreiter Fred Yoder sie in die Ohio Hall of Fame in Columbus eingeladen. Der Saal bleibt halb leer, so beginnt der frühere Präsident des größten Maisanbauverbands seine Rede an die Bauern diplomatisch: "Völlig egal, was Sie über den angeblichen Klimawandel denken…" Die Regierung in Washington habe sich dem Kampf dagegen nun mal verschrieben, "deshalb stellen wir Farmer uns am besten darauf ein".

Druck von unten war es also nicht, was die Agrarverbände dazu bewogen hat, sich in die Debatten um Obamas Klimaschutzpaket einzumischen. In Washington tobte schon seit Wochen "die größte Lobbyschlacht, die ich je erlebt habe", wie Annie Petsonk vom Environmental Defense Fund formuliert; die Kohleindustrie und andere energieintensive Branchen waren längst kräftig dabei, die Vorschläge im Kongress zu verwässern. Da erst wurde Amerikas Landwirten klar: Das betrifft ja auch uns!

Zum Beispiel kämen als Folge des geplanten American Clean Energy and Security Act bis zu 14 Milliarden Dollar Mehrkosten wegen der steigenden Energiepreise auf die Agrarindustrie zu, rechnete Richard Stallman vor, Chef der mächtigen American Farm Bureau Federation, für höhere Spritkosten sowie immer teurere Düngemittel und Agrarchemikalien.

Mit mehr als acht Prozent aller CO₂-Emissionen tragen allein die Hightech-Farmer zur Verschmutzung der Atmosphäre bei; bei Methan, das vor allem in der Rinderzucht anfällt, beträgt der Anteil sogar um die 34 Prozent, bei Lachgas rund vier Fünftel. Auf der anderen Seite könnten Landwirte, wenn sie die Kohlenstoffernte durch Bill Richards’ Anbaupraktiken oder mit Aufforstungen optimal ausreizten, jährlich 20 Prozent der amerikanischen Gesamtemissionen ausgleichen. Flexibler und daher schneller als die Industrie – wenn auch beim Boden nur 50 Jahre lang, sagt Rattan Lal von der Ohio State University, dann sei dessen Aufnahmekapazität ausgereizt.

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