Ökotüftler aus der Landwirschaft sind auf dem Vormarsch
Erst in letzter Minute sah sich der Vorsitzende des Agrarausschusses im Kongress, der Demokrat Collin Peterson aus Minnesota, mit diesen komplexen Zusammenhängen konfrontiert. Und begann prompt, mit den Architekten des Klimaschutzpakets, Henry Waxman und Edward Markey, knallhart zu verhandeln. Nun ist die Anerkennung der Agrarlobby groß für die vielen Vergünstigungen, die Peterson als Teil eines 300 Seiten langen Anhangs zum Gesetzentwurf noch durchsetzen konnte.
Allem voran wurde die Landwirtschaft – wie in Europa – aus der Gruppe jener Branchen ausgeklammert, deren CO₂-Emissionen zukünftig gedeckelt werden; sie zu berechnen wäre auch zu kompliziert. Zudem erkennt das Gesetz neben dem Abschied vom Pflügen noch zahlreiche weitere Praktiken als CO₂-Reduzierung an – sodass Farmer als Entschädigung für ihre steigenden Energiekosten Verschmutzungszertifikate an Kraftwerksbetreiber, die Schwerindustrie oder andere Emittenten verkaufen können. Summa summarum, verspricht Agrarminister Tom Vilsack, würden sie, wenn sie in CO₂-arme Anbauweisen und erneuerbare Energien investierten, finanziell mit hoher Wahrscheinlichkeit profitieren.
In letzter Zeit ist es fast schick geworden, bei Dinnerpartys darüber zu reden, wie Hinterwäldler die Zukunft positiv beeinflussen können
Matt Roberts, Ohio State University
Die Aussicht auf Ausgleichszahlungen dürfte einerseits jenen grünen Pionieren auf dem Land Dynamik verleihen, die bisher noch vereinzelt mit CO₂-Einsparlösungen experimentieren. Dem Ökotüftler zum Beispiel, der Algen als CO₂-fressende Quelle für Biomasse züchten will. Dem Saatgutzüchter, für dessen Präriegras und Becherpflanzen sich immer mehr Kunden interessieren, weil diese einheimischen Gewächse ökologisch verträglicher den Rohstoff für Biosprit oder Biogas liefern könnten. Dem Käsefabrikanten, der Wärme und Strom aus Molke gewinnt. "Lange war Landwirtschaft alles andere als sexy", sagt Matt Roberts von der Ohio State University, "in letzter Zeit ist es fast schick geworden, bei Dinnerpartys darüber zu reden, wie Hinterwäldler die Zukunft positiv beeinflussen können."
Andererseits protestieren Umweltschützer von der Environmental Working Group: Die Vergünstigungen für die Landwirtschaft machten es möglich, dass 67 der schmutzigsten Kohlekraftwerke weiterlaufen. Und David Hawkins vom Natural Resources Defense Council schimpft, wegen der vielen Kompromisse werde das ohnehin geschrumpfte CO₂-Minderungsziel der USA noch einmal von 17 auf 11 Prozent sinken.
Alarm schlagen Umweltschützer überdies, weil sie die Nachhaltigkeit der geplanten CO₂-Einsparungen nicht gewährleistet sehen. Die Auflagen für Anbau, Import und Einsatz von Biomasse zum Beispiel ließ der Agrarausschuss-Vorsitzende Peterson vielfältig entschärfen. Die Einzelheiten soll dann die businessfreundliche Agrarbehörde USDA regeln – die Umweltbehörde EPA wurde bisher ausgebootet. Zum Beispiel bei der geplanten Vervierfachung der Bioethanol-Produktion aus Mais: Wird deren Ausbau die ohnehin geschmälerte agrarökologische Vielfalt im Getreidegürtel weiter verringern? Geht sie gar auf Kosten tropischer Wälder im Süden, verursacht dort womöglich Hunger, weil es für Importe so gut wie keine Regeln gibt?
Selbst der Feldarbeit ohne Pflug habe sich die Agrarindustrie auf fragwürdige Weise bemächtigt, kritisieren die Umweltschützer. Denn eine der Nebenwirkungen ist, dass mehr Unkräuter wachsen. Deshalb sprüht Bill Richards Totalherbizide auf seine gentechnisch veränderten Pflanzen, die daran angepasst sind. Auch Richards hatten seinerzeit nicht ökologische Erwägungen, sondern Rationalisierungszwänge zur Direktsaat bewogen. Er wollte vor allem Treckerfahrten sparen, sagt er: "Arbeits- und Energiekosten runter, Profite rauf."
Dass einige Farmer nun aus dem Emissionshandel für etwas belohnt werden sollen, das sie ohnehin tun, ist ein weiterer Punkt im Streit um das Klimaschutzgesetz. Und wie verlässlich die CO₂-Einlagerung überhaupt stattfindet, ist ebenfalls umstritten: Sie ist eigentlich nur unter bestimmten Bodenbedingungen möglich.
Doch ohne die Bauern geht es nicht. Die farm states im Mittleren Westen müssen in der Länderkammer für Obamas Klimapaket gewonnen werden. Sonst kommt keine Mehrheit im Senat zustande. "Also werden wir ohne die CO₂-Ausgleichszahlungen für Landwirte bestimmt kein Klimaschutzgesetz kriegen", meint die Umweltberaterin Sara Hessenflow-Harper.
Andere Klimaschützer fragen sich bereits, was schlimmer wäre: eine Niederlage für Obama – oder Kompromisse, die womöglich ohne Wirkung bleiben? Die meisten jedoch empfinden das geplante Gesetz zähneknirschend schon deshalb als Fortschritt, weil Amerika damit das Problem des Klimawandels endlich anerkennt – und ein wirkungsvolleres Paket noch nicht durchsetzbar wäre.
- Datum 19.11.2009 - 13:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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