Krise in IslandEinmal über alles reden

Was macht ein kleines Volk in einer großen Krise? Es setzt sich an einen Tisch. So geschehen am vergangenen Wochenende in Island

Am Samstag fand in Reykjavík ein weltweit vielleicht einzigartiges Experiment statt: das Þjóðfundur, ein »Treffen der Nation«. Dazu eingeladen waren 1200 zufällig aus dem Nationalregister ausgewählte Isländer, die einen Querschnitt der Bevölkerung bilden – die jüngste Teilnehmerin war 17, der älteste 88. Außerdem noch 300 Mitglieder von Arbeiterbewegungen, Umweltgruppen und anderen Interessenverbänden. Immerhin 1231 Teilnehmer erschienen tatsächlich am frühen Morgen in der Reykjavíker Sporthalle Laugardalshöll. Bei einer Gesamtbevölkerung von 320.000 ist das eine beachtliche Gruppe.

Ihre Aufgabe an diesem Tag: einmal über alles reden! Island steckt tief in der Krise, nun will sich das Volk überlegen, wie man wieder herauskommt, Ziele für den Neuanfang definieren und eine Zukunftsvision entwerfen. Die Ergebnisse sollen allen gehören. Bürgerinitiativen hatten sich das ausgedacht, und die Popsängerin Björk warb ebenso für das Treffen wie die isländische Umweltministerin.

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Unter den Teilnehmern sind fünf Minister. Als der links-grüne Finanzminister Steingrímur J. Sigfússon die Halle betritt, klopft ihm eine Organisatorin auf die Schulter und sagt: »Heute musst du nichts kontrollieren, heute kannst du ganz auf dein Herz hören!« Er lächelt kurz und geht dann an den ihm zugewiesenen Tisch. Natürlich ohne Leibwächter, so etwas hat man nicht in einem Staat, in dem selbst Minister geduzt werden. Viele Isländer schätzen Sigfússon; einige glauben sogar, er könnte der zukünftige Premierminister werden.

Es gibt keine langen Reden auf der Bühne, sondern nur die Gespräche an den 150 Tischen. Bis zu neunt sitzen sie dort jeweils und diskutieren zunächst über die großen Werte für das kleine Island. Damit alle gleichberechtigt zu Wort kommen, leitet jeweils eine weitere Person die Diskussion.

Über jedem Tisch baumelt an einem langen Band ein weißer Luftballon mit der Tischnummer, das Kordelende ist um einen Lavastein gewickelt. Drum herum breiten die Teilnehmer Zettel aus, auf denen sie ihre Ideen festhalten. »Familie« und »Nachhaltigkeit« liest man bei Tisch A41, an dem der Autor, Umweltaktivist und vierfache Vater Andri Snær Magnason seine Vorschläge einbringt. In der Gruppe des 36-Jährigen sind auch ein Arbeiter aus einer Aluminiumfabrik und ein Farmer. Eigentlich sollten die Teilnehmer nicht sagen, was sie beruflich machen, um Vorurteile zu vermeiden. Die meisten reden dann doch über ihre Arbeit – sofern sie ihren Job noch haben.

Am Ende des Vormittags werden alle Vorschläge von den Tischen eingesammelt und ausgewertet. Die wichtigsten Werte projizieren die Veranstalter auf Leinwände: Heiðarleiki – Ehrlichkeit, sieht man dort an erster Stelle. »Vor der Finanzkrise hätte das sicherlich nicht ganz oben gestanden«, sagt Magnason. Danach folgen die Werte Gleichheit, Respekt und Gerechtigkeit.

In den kurzen Pausen schlendern die Teilnehmer und freiwilligen Helfer durch die Reihen – viele kennen sich, sind miteinander verwandt. Eine kleine Gesellschaft wie Island hat Vorteile, denn die Vernetzung ist stärker. »Doch das kann auch zu einem korrupten System führen, in dem Verwandte oder Freunde bevorzugt werden«, sagt Magnason.

Leserkommentare
  1. Was Island gestartet hat, ist ein einmaliges Beispiel eines offenen demokratischen Dialogs.
    Großgruppenveranstaltungen sind inzwischen nichts Neues. Firmen laden Ihre Mitarbeiter ein, um an Zielen bzw. an der Strategie mitzuarbeiten. Vielfach geht es dabei um die Motivation und das Gefühl des gemeinsamen Gestaltens.

    Island macht den Rahmen aber viel weiter auf. Das Thema ist das, was für alle wesentlich ist - die Zukunft des Landes. Und das Besondere ist: die Stimme eines jeden zählt, und zwar Wort wörtlich. Aber nicht nur das. Mitmachen, einen Dialog starten und das was unangenehm ist besprechbar machen - mit dem Fokus auf die Zukunft - heißt immer auch Hoffnung geben. Was auch immer passiert ist, es geht nicht darum sich in Schuldfragen (Vergangenheit) zu verlieren, sondern den Bilck nach vorne zu richten und anzupacken.
    Viele Unternehmen können sich hier etwas abschauen und am Beispiel Island lernen. Wenn sie den Mut zur Veränderung haben und das Vertrauen in die Menschen.

  2. Island zeigt einmal mehr: das gemeinsame Gestalten von Gemeinschaft geht, wenn man es will, wenn man Bürger ernst nimmt. Allerdings zeigt das Beispiel auch, dass sich gemeinschaftliche Dialoge besonders gut organisieren lassen, wenn die Community überschaubar ist. In Deutschland mit seinen vielfach zersplitterten Interessen und regional völlig unterschiedlichen Problemlagen wäre so etwas auf staatlicher Ebene wahrscheinlich kaum möglich. Kann Demokratie 2.0 also nur auf regionaler oder gar lokaler Ebene funktionieren?
    [...] (Bitte verzichten Sie auf das Posten von Werbung. Die Redaktion /ft)

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