Krise in Island Einmal über alles redenSeite 2/2
So war es bei den großen isländischen Banken, die im Oktober des vergangenen Jahres pleitegingen. Der Staat hatte sie nicht retten können: Ihre Schulden betrugen das Zehnfache des Staatshaushaltes. Heute steht Island finanziell schlechter da als manches Entwicklungsland. »Wir müssen die Risiken einer kleinen Gesellschaft vermeiden und sie in Vorteile umwandeln«, sagt der Finanzminister Sigfússon. »Jeder Einzelne ist wichtig.«
Nach ein paar Snacks und dem Auftritt eines Frauenchors, der etliche im Saal zu Tränen rührt, diskutieren die Teilnehmer am Nachmittag über neun Themen, die als wichtig definiert wurden: Dazu zählen Gleichheit und die Wirtschaft. »Wir überlegen, wie man neue Jobs schaffen kann«, sagt Eva Sigurbjörnsdóttir. Die 59-Jährige ist extra aus Djúpavík angereist, einem winzigen Ort in den abgelegenen Westfjorden: »Ich habe mich gefreut wie ein Kind an Weihnachten, dass ich ausgewählt wurde.« Wer keine Einladung bekam, konnte das Þjóðfundur von zu Hause aus live im Internet verfolgen.
Sigurbjörnsdóttir schätzt den Kampfgeist in ihrer Gruppe, Grundsätzliches anzupacken. Zugleich hofft sie darauf, ein recht konkretes Problem lösen zu können: In diesem Winter soll die Straße zu ihrem Dorf nicht mehr geräumt werden, wenn sie zugeschneit ist – weil es an Geld fehlt.
Das Treffen der Nation bringt wenig mehr als hehre Absichten hervor, und doch sind viele der Teilnehmer und Helfer begeistert. Sie haben Mut geschöpft. Beim Schlürfen der heißen Fleischsuppe am frühen Abend beschließen einige, sich wieder zu treffen, um in kleiner Runde weiterzudiskutieren.
»Die Nation gibt nicht auf, das spürt man«, sagt der Finanzminister. »Ich bin jetzt optimistischer, als ich es noch am Morgen war.«
Übrigens lautet das isländische Lebensmotto Þetta reddast: »Das wird schon irgendwie klappen.«
Das Treffen im Netz: http://thjodfundur2009.is
- Datum 19.11.2009 - 18:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Was Island gestartet hat, ist ein einmaliges Beispiel eines offenen demokratischen Dialogs.
Großgruppenveranstaltungen sind inzwischen nichts Neues. Firmen laden Ihre Mitarbeiter ein, um an Zielen bzw. an der Strategie mitzuarbeiten. Vielfach geht es dabei um die Motivation und das Gefühl des gemeinsamen Gestaltens.
Island macht den Rahmen aber viel weiter auf. Das Thema ist das, was für alle wesentlich ist - die Zukunft des Landes. Und das Besondere ist: die Stimme eines jeden zählt, und zwar Wort wörtlich. Aber nicht nur das. Mitmachen, einen Dialog starten und das was unangenehm ist besprechbar machen - mit dem Fokus auf die Zukunft - heißt immer auch Hoffnung geben. Was auch immer passiert ist, es geht nicht darum sich in Schuldfragen (Vergangenheit) zu verlieren, sondern den Bilck nach vorne zu richten und anzupacken.
Viele Unternehmen können sich hier etwas abschauen und am Beispiel Island lernen. Wenn sie den Mut zur Veränderung haben und das Vertrauen in die Menschen.
Island zeigt einmal mehr: das gemeinsame Gestalten von Gemeinschaft geht, wenn man es will, wenn man Bürger ernst nimmt. Allerdings zeigt das Beispiel auch, dass sich gemeinschaftliche Dialoge besonders gut organisieren lassen, wenn die Community überschaubar ist. In Deutschland mit seinen vielfach zersplitterten Interessen und regional völlig unterschiedlichen Problemlagen wäre so etwas auf staatlicher Ebene wahrscheinlich kaum möglich. Kann Demokratie 2.0 also nur auf regionaler oder gar lokaler Ebene funktionieren?
[...] (Bitte verzichten Sie auf das Posten von Werbung. Die Redaktion /ft)
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