Buchdigitalisierung
Alle Bücher der Welt
... will Google haben und wird sie bald auch bekommen, glaubt Josef Joffe
© Justin Sullivan/Getty Images

Alte Werke in einer Bibliothek der Universität Standford. Google will für 100 Millionen Dollar allein 15 Millionen Bücher aus sieben der weltweit bedeutendsten Bibliotheken digitalisieren und online verfügbar machen
Ohne Buch keine Zivilisation – mündliche Überlieferung reicht nicht. Und nun ohne Google bald kein Buch? Hier in Stanford fährt alltäglich ein Lastwagen vor der Green Library vor, um tausend Bücher abzuholen, damit sie irgendwo (Google verrät nicht, wo) eingescannt werden. Ähnliches läuft in Harvard, Oxford und andernorts ab. Irgendwann werden alle Bücher dieser Welt – mindestens 65 Millionen – bei Google landen. Aber schon 2005 ist das Projekt vor zwei Bundesgerichten aufgelaufen. Die amerikanischen Verleger haben geklagt, die Autoren auch. Amazon (das selber digitalisiert) und Microsoft schießen ebenfalls. Gleichzeitig jedoch sind sie eigentlich alle für die Digitalisierung. Wer soll das verstehen?
Vergangene Woche gab’s einen Vergleich: Google darf Millionen Bücher vermarkten, aber (noch) nicht ausländische Bücher; Franzosen und Deutsche sperren sich dagegen. Das zweite Problem sind »verwaiste Bücher«, deren Autoren unauffindbar sind. Diese Bücher will allein Google verkaufen; das aber goutiert das Justizministerium nicht. Das sei ein Monopol, das keinen anderen an die »Waisen« heran- und keine Klagen gegen Google zulasse. Andere sorgen sich ums Copyright: Google dürfe keine Bücher scannen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten.

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier
Und doch wird Google irgendwann als Sieger aus dem Krieg mit den bizarren Fronten hervorgehen. Das Projekt ist zu verführerisch. Da sind einmal die Leser, die von jedem Schreibtisch der Welt aus in eine Universalbibliothek wandern können. Da sind die Autoren und Verleger, deren Bücher schon heute in Google Books auftauchen, aber mit fehlenden Seiten, dafür mit einem Verweis, wo der Band gekauft werden kann. Google will für die Vermittlung nichts haben. Abgesehen von den Bestseller-Autoren, die keine Reklame mehr brauchen, müssten so die Minderbekannten nicht mehr den Sturz ins Vergessen fürchten. Lass jemanden »Luigi Lasagne« eingeben, und er landet bei dessen Lebenswerk, Volk im Fettuccine-Fieber.
Was ist mit den Vergriffenen, die ein besonderer Stein des Anstoßes sind? Sergey Brin, Googles Co-Chef, verspricht, »die Weisheit nutzbar zu machen, die in einer gewaltigen Menge vergriffener Bücher enthalten ist, und dafür einen fairen Preis an die Copyright-Besitzer zu zahlen«. Das Problem der Waisen lässt dem Justizministerium keine Ruhe. Es will Anfang nächsten Jahres neue Bedenken vor Gericht einreichen. Google aber hat schon eine Auffangposition aufgebaut: eine Treuhänderschaft, die das Waisen-Geld gerecht verteilt.
Dennoch sieht es so aus, als gehe es nicht vorweg ums Prinzip, sondern um den Preis, und der ist bekanntlich Verhandlungssache. Welchen Preis will Google für die Millionen Bücher nehmen, die nicht mehr auf dem Markt sind, deren Rechteinhaber aber einen Anspruch auf Bezahlung haben? Im Februar gibt’s einen weiteren Gerichtstermin, und seit 2005 wäre dann schon ein Jahrfünft verflossen. Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen also sehr langsam – viel langsamer, als es die exponentielle Beschleunigung, die im Digitalen herrscht, zulässt. Und schon fährt der nächste Laster vor der Green Library vor, um Scan-Material wegzukarren.
- Datum 20.11.2009 - 19:43 Uhr
- Serie Zeitgeist
- Quelle DIE ZEIT, 19.11.2009 Nr. 48
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Mit Verlaub Herr Joffe,
ich muß für meinen PC, mit dem ich Ihren Artikel hier lese GEZ-Gebühr zahlen.
"Die Gebührenhöhe für neuartige Rundfunkgeräte beträgt lediglich 5,76 Euro/Monat."
( http://www.gez.de/gebuehr... )
Ich gehe gemäß der Werbeschreiben der GEZ davon aus, daß Sie einen durch meine gebührenbezahlte Nutzung des Internet berechtigten Anteil an meiner Zahlung erhalten.
Klappt da was nicht ?
[Entfernt wg. Doppelpostings. /Die Redaktion pt.]
...Google ist als ein neoliberaler Haufen und nicht wie die GEZ eine vertrauenswürdige Bürokratie deutschen Kulturgutes.
Aber im Ernst. Wer kann etwas gegen ein, wenn auch privatwirtschaftlich organisiertes, Angebot raschen Zugangs zu Wissen haben?
[Entfernt wg. Doppelpostings. /Die Redaktion pt.]
...Google ist als ein neoliberaler Haufen und nicht wie die GEZ eine vertrauenswürdige Bürokratie deutschen Kulturgutes.
Aber im Ernst. Wer kann etwas gegen ein, wenn auch privatwirtschaftlich organisiertes, Angebot raschen Zugangs zu Wissen haben?
Nicht jeder wohnt in Hamburg, München oder Berlin. Oft sind die Bestände der großen Bibliotheken auch nicht so einfach für jedermann verfügbar.
Wo kämen wir denn hin, wenn jeder so einfach auf die Bestände der großen Bibliotheken zugreifen könnte?
Oder ist das nicht eigentlich eine schöne Vorstellung: Wissen für alle - am besten auch noch umsonst?
Was wäre denn, wenn man die GEZ-Gebühren dafür verwenden würde, Bücher umsonst zur Verfügung zu stellen. Die Autoren werden die Zahl der abgerufenen Seiten bezahlt. Und das öffentlich-rechtliche Fernsehen könnte man dann von mir aus auf Phoenix und Arte beschränken.
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