Es war nicht schwer, Adolf S. zu finden: Sein Name steht im Telefonbuch. Ein Anruf in Duisburg unter dieser Nummer bestätigte, dass es sich um den ehemaligen SS-Unterscharführer handelt, der laut Zeugenaussagen und Akten in ein nahezu vergessenes NS-Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern auf österreichischem Boden verstrickt sein dürfte.

Nun könnte Adolf S. einer der Letzten sein, der sich für Kriegsverbrechen vor Gericht wird verantworten müssen. Vergangene Woche erhob die Staatsanwaltschaft Dortmund Anklage. Dem heute 90-jährigen ehemaligen Mitglied der Waffen-SS-Panzer-Division Wiking wird vorgeworfen, am 29. März 1945 gemeinsam mit zwei anderen SS-Angehörigen in einem Waldstück im burgenländischen Deutsch Schützen 57 jüdische Zwangsarbeiter ermordet zu haben. Weiters wird der pensionierte Fahrdienstleiter beschuldigt, im Anschluss an das Massaker beim Marsch von etwa 450 jüdischen Zwangsarbeitern von Deutsch Schützen nach Hartberg einen nicht mehr gehfähigen Juden von hinten erschossen zu haben.

Auf die Spur des mutmaßlichen Mörders war der Student Andreas Forster im Rahmen eines Forschungspraktikums an der Universität Wien gekommen. Er analysierte einen Prozess, der 1946 in Wien geführt wurde und der die Morde von Deutsch Schützen zum Gegenstand hatte. In diese kleine burgenländische Gemeinde waren zu Beginn des Jahres 1945 etwa 500 Juden aus Ungarn zur Zwangsarbeit deportiert worden. Sie verrichteten Schanzarbeiten für den Bau des sogenannten Südostwalls, eines Grabensystems, das von der Slowakei bis nach Italien verlief und das Vordringen der Roten Armee verhindern sollte. Als Ende März 1945 die Front bereits unmittelbar an der Grenze des damaligen Reichsgebietes verlief, gab der Reichsführer SS Heinrich Himmler den Befehl, alle bei der Fronarbeit eingesetzten Juden ins KZ Mauthausen zu treiben, um sie nicht in die Hände der Sowjets fallen zu lassen.

Im Gerichtsprozess gegen ehemalige HJ-Angehörige, die 1946 wegen ihrer Beteiligung an den Morden in Deutsch Schützen angeklagt und verurteilt wurden, konnte der Tathergang geklärt werden. Aufgrund von zahlreichen Aussagen steht zweifelsfrei fest, dass drei SS-Männer das Massaker an mindestens 57 jüdischen Zwangsarbeitern am Vormittag des 29. März 1945 ausgeführt hatten. Während die Identität von zweien der SS-Männer im Prozess nicht geklärt werden konnte, erinnerten sich mehrere Zeugen an Rang und Namen des dritten Täters: SS-Unterscharführer Adolf S., der daraufhin im staatspolizeilichen Fahndungsblatt unter der Nummer 1800 mit detaillierten Angaben zu seiner Person zur Fahndung ausgeschrieben wurde. Für darüber hinausgehende Ermittlungen der österreichischen Justiz fehlt jedoch jeder Hinweis.

Die Opfer mussten sich in einen Graben legen, dann fielen die Schüsse

Es dauerte 62 Jahre, bis der Student Andreas Forster im Vorjahr den Faden wieder aufnahm. Die Suche in Archiven war erfolgreich: Adolf S., geboren 1919, von 1936 bis 1939 bei der HJ, gottgläubig, NSDAP-Mitglied, seit 1941 bei der SS, im März 1942 freiwillige Meldung zur Waffen-SS, Unterscharführer bei der 5. SS-Panzer-Division Wiking.

Im Juli 2008 flog ich nach Duisburg, um mit Adolf S. persönlichen Kontakt aufzunehmen. Ich läutete an seiner Haustür, stellte mich vor und fragte ihn, ob er bereit wäre, mit mir ein Interview über seine Kriegsvergangenheit zu führen. Zu meiner Verblüffung stimmte er dem zu und bat mich ins Haus. In diesem ersten Gespräch versuchte er den Eindruck eines streng katholischen Rheinländers zu vermitteln, der eher zufällig zur Waffen-SS geraten war. Trotz seiner 89 Jahre wirkte Adolf S. sehr konzentriert und geistig agil. Sein Erinnerungsvermögen erwies sich als ausgezeichnet. In seiner Erzählung über das Kriegsende streifte er auch das Thema Deutsch Schützen. Nachdem er auf dem Rückzug in Ungarn von seiner Truppe versprengt und von der Roten Armee überrollt worden war, hatte er sich allein durch die feindlichen Linien durchgeschlagen und war Ende März 1945 auf österreichisches Gebiet gelangt. Nach Tagen gelangte er nach Deutsch Schützen und traf dort zwei weitere SS-Kameraden, die ebenfalls als Versprengte in diesen Weinort verschlagen worden waren. Nach einer »tollen Nacht«, in der reichlich Alkohol geflossen sein dürfte, sei er am nächsten Tag weitergezogen und bald darauf auf seine SS-Einheit gestoßen. Von Juden in Deutsch Schützen erwähnte er nichts.