Die beiden Damen sehen sich ratlos an. Die jüngere mit der blondierten Dauerwelle schüttelt den Kopf. Red Bull? Ein neuer Verein namens RasenBallsport Leipzig? Nie gehört. RB? Hier in Markranstädt? Schulterzucken. Die ältere der zwei deutet auf eine Allee: Da gehe es zum Stadion, vielleicht wisse dort jemand was.

Es ist erst wenige Monate her, da kamen Vertreter des Getränkeproduzenten Red Bull in die sächsische Kleinstadt und schlossen mit dem SSV Markranstädt einen Vertrag. Investitionen bis zu hundert Millionen Euro, so Presseberichte, habe Red Bull langfristig versprochen, was der Konzern nicht bestätigen mag. Der Kleinstadtverein gab seine Fußballmannschaften her, auch seinen Oberligisten, Fünfte Liga. Red Bull machte daraus einen komplett neuen Fußballverein – und provozierte heftige Reaktionen: einen Säureanschlag auf den Rasen des Spielfelds, Hasstiraden im Internet, eine Podiumsdiskussion im nahen Leipzig. Hooligans kündigten im Netz an, dass Sturm ernte, wer Wind säe. Journalisten schrieben, ein Ufo sei gelandet. In dem Leipziger Nachbarort selbst scheint das nicht jeder mitbekommen zu haben.

Im Stadion nahe dem Schwimmbad dreht ein Mann in Trainingshose auf einem Minitraktor langsam seine Bahnen. Olaf Brosius, blonde Fußballerlocken, Ohrring, schaltet den Motor des Rasenmähers aus. Die Leute aus Österreich gebe es hier gar nicht, sagt er und zeigt über den Zaun. Anfangs hätten sie drüben in Containern ihre Geschäftsstelle aufgemacht, aber die seien längst wieder abgebaut. Die Spieler, darunter ehemalige Bundesligaprofis, trainierten jetzt in einer Sportschule im benachbarten Abtnaundorf, die Planer hätten ein Büro in Leipzig angemietet, erzählt er. Die erste Überraschung: Die Österreicher sind in Markranstädt ein Phantom. Man sieht keine Spieler, keinen Betreuerstab, keine roten Bullen oder Limodosen auf Plakaten.

Olaf Brosius war mehr als 30 Jahre lang im heimischen Fußballverein aktiv. Jetzt trainiert er die Reserve des neuen Klubs, der seinen komischen Namen trägt, weil ein Verein in Deutschland nicht einfach heißen darf wie sein Sponsor. Aber jeder weiß: RB steht für Red Bull. Brosius blinzelt verschwörerisch. »Uns wurde die Rolle als Steigbügelhalter offeriert«, sagt er. Was hat Markranstädt davon? »Unsere Identität soll wiederhergestellt werden. Dann wird es hier wieder Fußball mit unserem Namen geben.«

Der smarte Emissär von Red Bull hat vorsichtshalber Kreide geschluckt

Der Plan: Der Verein »RasenBallsport« steigt auf, zieht in das riesige Leipziger Zentralstadion um und überträgt dem Kleinstadtverein seine Reservemannschaft wieder zurück. Alles wäre beim Alten. Vielleicht bekämen die Markranstädter, deren lokaler Sponsor in der Wirtschaftskrise schwächelt, noch ein paar Millionen obendrauf, munkelt man im Ort. Dann wären sie nicht das Opfer eines Getränkemultis, sondern Geburtshelfer eines angehenden Bundesligavereins und auch wieder stolze Markranstädter mit eigenem Fußballklub. Ob diese Bauernschläue juristischen Prüfungen standhält, ob der Verband dem Etikettenhandel zustimmt, weiß niemand.

Markranstädt, etwa 15.000 Einwohner, ist der westliche Nachbar von Leipzig. Entlang der Hauptstraße mit der weißen Laurentius-Kirche verteilen sich Diskontmärkte, Apotheken, Optiker, kleine Geschäfte. Einmal im Jahr marschieren hier Tausende mit Fahnen und Kostümen zum Kinderfest. Es gibt 39 Vereine, Markranstädt versteht sich als »Sportstadt«. So liegt die Vermutung nahe, dass der reiche Onkel aus Österreich zwei Befindlichkeiten verletzt: den Stolz des Kleinstädters, dessen wichtigster Verein nach Leipzig exportiert werden soll, und die ostdeutsche Seele mit ihrem tiefen Misstrauen gegen Kommerz und Kapitalismus. Doch merkwürdig – in Markranstädt ist davon nichts zu spüren, obwohl sich in einer Internetumfrage des Sportvereins ein Drittel der Teilnehmer gegen Red Bull aussprach.

Vor dem Aldi-Markt sagt ein 30-jähriger Drucker: »Machen doch alle so, siehe Hoffenheim.« Der Unterschied ist: Milliardär Dietmar Hopp hat in Hoffenheim investiert und Hoffenheim in die Bundesliga geführt, nicht dessen Erfolg in eine Großstadt entführt. So wie der Arbeiter denken viele. Der Optiker sagt, er drücke die Daumen, Erfolg brauche nun einmal Geld. Bei den Leipziger Traditionsvereinen gebe es ja laufend Randale. »Wenn das Tradition ist…«