Katholizismus Gestorben muß seyn
Über Tod und Leben, Armut und Luxus konnte Abraham a Sancta Clara predigen wie kein Zweiter. Noch immer fasziniert seine barocke Sprachfantasie. Doch leider war er auch ein fanatischer Mönch. Ein Porträt zum 300. Todestag des Wiener Augustiners.
© Gemeinde Leibertingen/dpa

Ein Denkmal für den Theologen Abraham a Sancta Clara steht in Kreenheinstetten. Der Augustinermönch brachte im 17. Jahrhundert völlig neue Töne in die Kirche und begeisterte die Massen
Allein der Name ist schon Verkündigung. Er kündet von den weiten Glaubensbögen, die dieser wortgewaltige Augustinermönch zu schlagen pflegte, sobald er auf die Kanzel stieg: von den Ursprungsmythen des Alten Testaments zur christlichen Ordensfrömmigkeit. Geradezu heilsprogrammatisch steht in seinem Namen der biblische Übervater neben der heiligen Klara von Assisi, die im 13. Jahrhundert den Klarissenorden gründete, den weiblichen Zweig der Franziskaner. Mit »Sancta Clara« könnte aber auch eine wie immer geartete »heilige Klarheit« gemeint sein – und mit ihr der Versuch, dem noch tief im Mittelalter wurzelnden Katholizismus ein Quäntchen Vernunft einzuflößen.
Seiner barocken Opulenz zum Trotz geht der Name ganz leicht von den Lippen. Das rührt vom A her, dem König der Vokale. Doch der Name klingt auch wie ein Zauberwort, ähnlich dem Abrakadabra. Und muss ein Prediger nicht mit Worten zaubern, zumal bei solch einem Namen? Nicht von ungefähr steht das A in allen magischen Formeln, ebenso in den Gebeten und Predigten, für die Anrufung einer höheren Macht. Zudem ist das A der Vokal des Staunens, der Bewunderung, der Zuneigung und des Beifalls. Und nicht zuletzt ist uns das A vertraut als Vokal des Lachens. Wer sich solch einen Namen wählt, und zwar nicht als Possenreißer, Zauberkünstler oder Scharlatan, sondern als Ordensmann, dessen Seele muss von Grund auf heiter gestimmt sein und sich als kraftvolles Sprachrohr des Allerhöchsten verstehen.
Das kleine Dorf, in welchem Abraham am 2.Juli 1644 das Licht der Welt erblickte, liegt am Fuß der Schwäbischen Alb, genauer: auf dem badischen Ausläufer des Heubergs bei Meßkirch – und sprachlich exakt auf der Grenze zwischen dem Alemannischen und dem Schwäbischen. Der Ort hieß dereinst Krähenheimstetten und nennt sich heute Kreenheinstetten.
Der Junge ist das achte von zehn Kindern einer leibeigenen Gastwirtsfamilie und trägt den schlichten Namen Johann Ulrich Megerle. Die Leibeigenschaft lässt eine ärmliche Kindheit vermuten, doch dem ist nicht so. Der Vater hat mit seinem »Wirtshaus zur Traube« ein gutes Auskommen, was immer das in den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs bedeuten mag. Der Junge zeigt Talent und Fleiß, er darf auf die Lateinschule, dann aufs Jesuitengymnasium von Ingolstadt, schließlich macht er in Salzburg sein Abitur. Er will Priester werden, das Predigen ist seine Leidenschaft.
1662 tritt der junge Mann in den Bettelorden der Reformierten Augustiner-Barfüßer ein und begibt sich ins Kloster Maria Brunn bei Wien. Dort nimmt er den Namen Abraham a Sancta Clara an. Nach dem Noviziat folgen Studien in Wien, Prag und Ferrara. 1666 wird durch die Priesterweihe in der Wiener Augustinerkirche aus dem Frater Abraham ein Pater.
Seinen Einstand als Prediger gibt er ein Jahr darauf im Kloster Maria Stern zu Taxa in Odelzhausen bei Augsburg. Innerhalb kürzester Zeit gelangt er dort zu einer erstaunlichen Popularität, weshalb man ihn 1669 wieder nach Wien zurückbeordert, um zu sehen, ob das junge Talent auch vor großstädtischem Publikum zu bestehen vermag. Bis 1672 predigt Pater Abraham sonn- und feiertags abwechselnd in allen Kirchen und Klöstern Wiens. Am 15. September 1673 wird ihm erstmals die Ehre zuteil, vor Kaiser Leopold I. und seinem Hofstaat auf die Kanzel steigen zu dürfen. Die hochwohlgeborene Zuhörerschaft ist nicht minder beeindruckt von seiner »wunderbarlichen und angenehmen Red-Art« als das gemeine Volk. Geschickt versteht er es, die Gestalt des heiligen Leopold, dem die Predigt gilt, mit dem anwesenden Kaiser zu verschmelzen, sodass sich dieser am Ende selbst als Heiliger fühlen darf. Die Majestät dankt es ihm einige Jahre später, indem sie ihn zum Subprior und Kaiserlichen Hofprediger ernennt.
Doch Abraham fühlt sich von Gott dazu erkoren, mehr als nur brillante Sonntagsreden zu halten. Er schreibt sein erstes Buch. Denn in Wien bricht 1679 die Pest aus und zwingt den großen Prediger zum Schweigen. Und weil jeder, der es sich leisten kann, aus der verseuchten Stadt flieht – voran der Kaiser mitsamt seinem Gefolge –, sucht auch Abraham Schutz vor dem Schwarzen Tod. Er findet ihn im Hause eines wohlhabenden Gönners, des niederösterreichischen Landmarschalls Johann Balthasar Graf Hoyos.
Hier arbeitet Abraham an seinem ersten umfangreichen Werk:
Merck’s Wienn!
Diese Standessatire, die 1680 in Druck geht und seinen Ruhm als Autor begründen wird, ist ganz der Endlichkeit des menschlichen Daseins gewidmet – einem der großen Lebensthemen Abrahams. »Es sey gleich morgen oder heut / Sterben müssen alle Leuth.« Der Tod hat vor niemandem Respekt. »Ich hab gesehen, daß der Todt ein Fischer [ist], der nicht allein kleine Schneiderfischel ziehet, sondern auch grosse Wahlfisch; ich hab gesehen, daß der Todt ein Mader [ist], der mit seiner Sensen nicht allein abschneidet die niderige Klee, sondern auch das hochwachsende Graß []. Ich hab gesehen, daß es muß gestorben seyn, und unser Alles nichts seye.«
Und noch ein anderes großes Thema schlägt er gleich in seinem ersten Werk an: Wissen ohne Gewissen taugt nichts. »Deßwegen, o ihr eytle Welt-Menschen, thut euch wegen eurer Wissenschafft nit aufblähen, sondern gedencket, daß derselbe der Gelehrteste ist, welcher in der Tugend-Schuel gestudiert hat [], sonst ist die Scienz ohne Conscienz wie ein Pferdt ohne Zam, ein Spiegel ohne Rahm, ein Kleid ohne Bram und ein Marckt ohne Kram.«
1680, das Jahr nach der Pest, ist für Abraham ein äußerst produktives und erfolgreiches. Neben der Schrift Merck’s Wienn! erscheint noch die Predigtsammlung Lösch, Wienn! zum Gedenken an die Pestopfer, diese große »Todten-Bruderschafft«, welche die Stadt zu beklagen hat. Was Wien mit der Macht des Gebetes löschen soll? Nichts Geringeres als die Flammen des Fegefeuers, von denen die Seelen der armen Sünder, der Pestopfer, gepeinigt werden.
Mit Lust predigt er gegen die »Schlecker-Sucht« der reichen Wiener
Auf der Karriereleiter nimmt Abraham derweil eine weitere Sprosse: Er wird Prior seines Wiener Mutterklosters. 1682 versetzt man ihn als Sonntagsprediger an ein Kloster in Graz, wo er nach drei Jahren ebenfalls das Amt des Priors übernimmt.
Kaum hat sich Wien von den Folgen der Pest erholt, wird die Stadt im Jahre 1683 von den Türken belagert – zum zweiten Mal in ihrer Geschichte. Der Kaiser geht nach Linz. Von dort aus will er mit den Fürsten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, den Ständen und dem König von Polen eine »Heilige Allianz« schmieden. Er plant, eine Streitmacht aufzustellen, die der 100000 Mann starken Armee der Osmanen widerstehen kann.
Wien leidet. Der Beschuss verursacht Feuersbrünste. Eine Ruhrepidemie verschlimmert die aussichtslos scheinende Lage. Die Legende will, dass Abraham auf den Plätzen der Stadt vor Tausenden von Menschen flammende Reden hielt. Tatsächlich lebt er zu dieser Zeit in Graz. In seinen dortigen Sonntagspredigten schildert er mit eindringlichen Worten die Gefahr, die der Christenheit droht und die sie seiner Meinung nach selbst verschuldet hat: »Eure Sünden sind daran schuld, die Strafe Gottes kommt über euch!« In Gefahr und höchster Not versiegt Abrahams Sprachkraft merklich. Er bedient sich vor allem der stereotypen Angstbilder mittelalterlicher Bußpredigten, beschwört das göttliche Strafgericht und die ewige Verdammnis herauf.
Seine Grazer Predigten werden zum Teil als Flugschriften nach Wien gebracht, solange die Stadt noch nicht gänzlich eingeschlossen ist. Zusätzlich verfasst er in kürzester Zeit die Kampfschrift Auff, auff, ihr Christen!, ein scharfzüngiges Kreuzzugspamphlet, das er selbst als »eine bewegliche Auffrischung der christlichen Waffen wider den türkischen Blutegel« bezeichnet. Der Mönch verhehlt allerdings nicht, dass ihm »der Türk« Respekt abnötigt, weil er fünfmal am Tag sein Gebet verrichtet. Das ändert freilich nichts daran, dass er besiegt werden muss.
Tatsächlich halten die Bürger Wiens, betend oder nicht, so lange durch, bis endlich das Entsatzheer unter Führung des polnischen Königs Johann III. Sobieski eintrifft und die gemarterte Stadt befreit. Am 12. September 1683 wird die osmanische Streitmacht nach zwölfstündigem Kampf am Kahlenberg in die Flucht geschlagen. Zurück bleibt das ganze Feldlager, darunter auch 500 Riesensäcke mit schwarzen, wohlriechenden Körnern. So kommt, in dieser Kriegsbeute, die mancher brave Wiener zunächst noch für Kamelfutter hält, der Kaffee nach Wien – und mit ihm ein neues Laster ins allerchristlichste Europa.
Vom Kaffeetrank beflügelt, steigt Wien, die größte Stadt des deutschen Reiches, zur europäischen Metropole auf. Barocke Pracht beginnt die mittelalterlichen Straßen zu überstrahlen. Die Bevölkerung wächst rasant. Wenige Menschen leben im Luxus, viele in Wohlstand, die meisten aber fristen als Tagelöhner oder gar als Bettler ihr Dasein. Für Abraham in Graz ist die Genussgier der Reichen ein wundervolles Thema: »Schaut meine Wienner! Der sterblichen Wampen, dem fuetergirigen Schmeer-Bauch, [] disem verklaydten Sau-Trog, dem Leib schlagt man nichts ab, es koste, was es wolle. [] Bald wird man nach Indianischen Bachsteltzen auff der Post schreiben, bald wird die Schlecker-Sucht also wachsen, daß man auß Zeißig-Hirn wird Baffesen backen, bald wird man die Span-Säu mit Zucker mesten, es koste, was es wolle.«
1686 reist Abraham im Auftrag seines Ordens erstmals nach Rom zum Papst. Aus Graz zurück in Wien, wird er 1690 zum Provinzial für die deutsch-böhmische Ordensprovinz der Augustiner-Barfüßer ernannt. In diese Zeit fällt das Erscheinen seines vierbändigen Hauptwerks Judas, der Ertz-Schelm, einer Sammlung von Schriften, Predigten und Gedichten. Weitere Werke folgen, etwa Wunderlicher Traum von einem großen Narren-Nest (1703), Heilsames Gemisch-Gemasch (1704) und schließlich zwei seiner besten, auch heute noch vergnüglich zu lesenden Bücher: Huy! und Pfuy! der Welt (1707) und Etwas für alle (1699 bis 1711).
Diese Schriften, zumeist aus seinen Predigten und Traktaten hervorgegangen, zeigen, wie sehr der Katholizismus nach dem Ende der Gegenreformation bemüht ist, sich wieder ganz auf sich selbst zu konzentrieren und zumindest nach außen hin so zu tun, als gäbe es keine Protestanten. Wenn Abraham von »den Christen« spricht, meint er die Katholiken. Die Protestanten, so scheint es, sind ihm ferner als die Muslime, und wenn er mal, ganz nebenbei, vom »sauberen Luther« spricht, dann fügt er spöttisch hinzu, dass er den »Saubeern Luther« meint.
Und doch hat gerade er von Luther gelernt, von dessen Kunst, dem Volk aufs Maul zu schauen und Klartext zu reden. Wo, so fragt Abraham zum Beispiel, wo wird am meisten gelogen? »Wo? Auf dem Markt. Wo? In Handelsgewölbern. Wo? In den Wirtshäusern. Wo? In den Kanzleien. Nein! Nein! In der Kirchen, wahrhaftig in der Kirchen, und zwar mitten im Gebet.« Ein schlechter Mensch, das weiß auch Abraham, wird in der Kirche nicht gebessert – und ein guter Mensch im Gasthaus nicht verdorben.
Abraham, der Sohn eines Wirts, bleibt sein Leben lang ein Wirtshauskind. Bei allem Sprachwitz, aller Bildung haben seine Predigten etwas von Stammtisch-Tiraden. Das steht durchaus nicht im Widerspruch zu seinem Mönchstum. Augustiner, Benediktiner oder Franziskaner waren (und sind!) vorzügliche Bierbrauer und Gastwirte. Und ist nicht der ganze süddeutsche Katholizismus bis auf den heutigen Tag der durchaus sympathische Versuch, die Kirche nicht nur im Dorf, sondern gleich neben dem Wirtshaus zu lassen, jener anderen Kirche, in der die Gebetbücher Henkel haben?
Er liebt skurrile Titel und dadaistische Wortspiele
Die Sprache ist Abraham der Schlüssel zur Welt. Mit seinen oftmals fast dadaistischen Wortspielen, dem Wechsel von Prosa und Reim, den eingestreuten Zoten und Scherzen, den Wiederholungen, Übertreibungen und Lügengeschichten lockt er die Zuhörer, damit er »die jetzt verkehrte Welt durch dergleichen Köder desto ehender fange, welche sonsten an dem bloßen Angel der Wahrheit ein Abscheuen trägt«. Reichlich setzt er auch den Köder des Wunders ein. Durch seine Predigten geistern Scharen blutender, tränender und sprechender Heiligenstatuen. In einem Werk mit dem skurrilen Titel Gack, Gack, Gack, Gack a Ga. Einer Wunderseltszamen Hennen in dem Herzogtum Bayern erzählt er die Gründungslegende des Klosters Maria Stern in Taxa. Hier legte 1618 ein Huhn auf einem Ziegelstein ein Ei mit dem Bildnis der Jungfrau Maria. Der Stein wurde zum Grundstein von Wallfahrtskirche und Kloster.
Ob Abraham selber alles glaubt, was er erzählt? Immerhin ist er ein naturwissenschaftlich gebildeter Mann. Der Astronomie gibt er den Vorzug vor der Astrologie, und die Chemie stellt er über die Alchimie. »Goldmachen«, so meint er, »wär die beste Kunst, wann nur nicht alle Müh umsunst.« Und er erweist sich geradezu als ein Vorbote der Aufklärung, wenn er schreibt: »Es ist vielleicht kein Zufall, daß das Wort ›Esel‹, von hinten nach vorne betrachtet, den Befehl ›lese!‹ ergibt.« Wer seinen Verstand nicht durch Lektüre schärfe, verdumme. Auch genüge es nicht, Folianten anzuhäufen, um sich an den schönen Rücken aus Schweinsleder zu erfreuen. Wer nur an Äußerlichkeiten Gefallen findet, wird von den Büchern »das empfangen, was sie verunstaltet – ein Eselsohr«. So sind dem Menschenfischer alle Mittel recht, die des Verstands wie die des Aberglaubens.
Gegen den Kaiser zeigt er sich untertänig. Scharf geißelt er nur den Hofstaat: »O, ihr lappische Kammerbrut, zieht ein wenig eure gekrausten Haarlocken auf die Seiten, damit ihr könnt recht in die Höhe schauen…« Uns mag das erstaunen, doch im Barock ist das nichts Ungewöhnliches. Auch auf dem Theater der Zeit werden den Herrschenden die Fehler und Intrigen ihrer Hofschranzen vorgehalten. Als Kritiker der Reichen und Mächtigen wird der Mönch durchaus zum politischen Autor. In seinem Hauptwerk
Judas, der Ertz-Schelm
betont er den »scharpfen Ernst«, mit dem er den großen Herren rät, »sie sollen doch mit der Justiz nicht umgehen wie mit einem Spinngeweb, allwo die großen Vögel durchbrechen, die kleinen Mucken aber hangen bleiben«.
Abraham indes ist kein Freund der Extreme. Selbst wenn er die Drohkulisse des Fegefeuers aufbaut – was er genüsslich tut –, so wirkt sie alles andere als bedrohlich; sie mutet eher an wie ein türkisches Dampfbad. Als Prediger des mittleren Maßes sucht er den Ausgleich zwischen widerstreitenden Kräften: dem Bedürfnis der Menschen nach Lebensintensität und den christlichen Idealen der Askese. Er beklagt den allgemeinen Sittenverfall, versteht ihn aber auch als Krankheitssymptom einer wirren Zeit nach einem grauenvollen Krieg, der den Glauben an Gott zutiefst erschüttert hat. Abraham ist viel zu intelligent, auch zu sensibel und sinnenfroh, um dem Lebenshunger der Menschen mit dem öden Mahlwerk der Frömmelei zu begegnen.
Was er aber am meisten hasst, sind »die Weiber« und »die Juden«
Der Prediger hat seine Lieblingsthemen. Vor allem über zwei von ihnen redet er sich in Rage: die Teufelsmacht des Geldes und die »der Weiber«. Münzengeklimper ist ihm das hässlichste Geräusch auf Erden – neben dem von keifenden Frauenzimmern. »Das Weib« bleibt eine ständige Bedrohung für den Mann: »Wieviel Unheil haben doch die Weiber in die Welt gebracht! Der Adam hat ein Weib gehabt – es hat ihn und uns alle ins Elend gestürzt.« Hätte er mehrere Weiber besessen, wie das bei den Türken der Brauch ist, was wäre ihm dann erst widerfahren? »So viele Weiberzöpfe, so viele Fallstricke. Deshalb hält man sie sich besser vom Leibe.«
Aber mehr noch als »die Weiber«, unter denen es immerhin auch bewundernswerte Jungfrauen und Heilige gibt, sind ihm die »geldgierigen« Juden ein ewiger Grund, sich zu ereifern. Wenn es um die Juden geht, versagen bei ihm Humor und Satire, da mischt sich in seine Reden der rigorose Ton des Fanatikers. Seine Hetztiraden stehen jenen des »Saubeern Luther« in nichts nach. Aus seinem katholisch fundierten Judenhass, nicht anders als aus seinem Aber- und Wunderglauben, spricht das trübste Mittelalter. So inbrünstig er das Alte Testament, das heilige Buch der Juden, zitiert, so sehr ereifert er sich über das »Volk der Gottesmörder«: »Was hat endlich anderst Gottes Sohn an das Kreuz genagelt als der boshaften Juden verdammter Neid?« Abraham a Sancta Claras antijüdischer Furor wird heutzutage gern versteckt, in modernen Auswahlbänden seines Werks sind diese Hetzschriften ausgespart. Das war im 20. Jahrhundert anders. Die Nazis hatten ihre Freude daran. Der spätere Gauleiter von Wien, Baldur von Schirach, ließ im Jahre 1938 denn auch gleich eine Gesamtausgabe vorbereiten; es kam aber nur zu einer dreibändigen Auswahl mit entsprechendem Inhalt.
Abraham erkannte viele Widersprüche und Ungerechtigkeiten seiner Zeit und benannte sie mit drastischen Worten. Gern übersah er jedoch die Widersprüche und Idiosynkrasien des eigenen theologischen Systems, zu denen auch die Judenfeindschaft zählte. Als skeptischer Realist hätte er das Zeug zum großen Aufklärer gehabt, doch die Theologie hinderte ihn daran, zur sancta clara, zur heiligen Klarheit, durchzustoßen und den Glauben mit der Vernunft zu versöhnen.
Bleibt seine Sprachkraft, seine Sprachfantasie, die nach wie vor in ihren Bann zieht. Sie lässt ihn uns heute geradezu als Ahnherrn der modernen Poesie erscheinen, als einen Barockpoeten, abgestoßen und fasziniert vom großen »Hui und Pfui der Welt«. An diesem hat sich Abraham a Sancta Clara mit seinem gewaltigen Werk, das rund 600 Einzelschriften umfasst, buchstäblich müde geschrieben und zu Tode gepredigt. Schon lange Zeit an der Gicht leidend, stirbt er am 1. Dezember vor genau 300 Jahren in Wien. Sein Grab findet er in der Augustinerkirche, in der er so oft gepredigt hatte – eifernd und heiter, weltfern und weltklug.
Der Autor ist Wissenschaftspublizist und lebt in Berlin. Zur ersten Begegnung mit Abraham a Sancta Clara empfiehlt sich eine Auswahl seiner Texte, die gerade im Manesse Verlag erschienen ist (»Hui und Pfui der Welt«; 377 S., 22,95 €). Fortgeschrittene Leser seien auf den exzellenten Band der Bibliotheca Suevica hingewiesen: »Reimb dich, oder Ich Liß dich«; herausgegeben von Inga Pohlmann; Edition Isele; 757 S., 35,– €
- Datum 27.11.2009 - 15:59 Uhr
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- Serie Zeitläufte
- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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