Katholizismus Gestorben muß seyn
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Was er aber am meisten hasst, sind "die Weiber" und "die Juden"

Gegen den Kaiser zeigt er sich untertänig. Scharf geißelt er nur den Hofstaat: »O, ihr lappische Kammerbrut, zieht ein wenig eure gekrausten Haarlocken auf die Seiten, damit ihr könnt recht in die Höhe schauen…« Uns mag das erstaunen, doch im Barock ist das nichts Ungewöhnliches. Auch auf dem Theater der Zeit werden den Herrschenden die Fehler und Intrigen ihrer Hofschranzen vorgehalten. Als Kritiker der Reichen und Mächtigen wird der Mönch durchaus zum politischen Autor. In seinem Hauptwerk

Judas, der Ertz-Schelm

betont er den »scharpfen Ernst«, mit dem er den großen Herren rät, »sie sollen doch mit der Justiz nicht umgehen wie mit einem Spinngeweb, allwo die großen Vögel durchbrechen, die kleinen Mucken aber hangen bleiben«.

Serie: ZEITläufte
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Abraham indes ist kein Freund der Extreme. Selbst wenn er die Drohkulisse des Fegefeuers aufbaut – was er genüsslich tut –, so wirkt sie alles andere als bedrohlich; sie mutet eher an wie ein türkisches Dampfbad. Als Prediger des mittleren Maßes sucht er den Ausgleich zwischen widerstreitenden Kräften: dem Bedürfnis der Menschen nach Lebensintensität und den christlichen Idealen der Askese. Er beklagt den allgemeinen Sittenverfall, versteht ihn aber auch als Krankheitssymptom einer wirren Zeit nach einem grauenvollen Krieg, der den Glauben an Gott zutiefst erschüttert hat. Abraham ist viel zu intelligent, auch zu sensibel und sinnenfroh, um dem Lebenshunger der Menschen mit dem öden Mahlwerk der Frömmelei zu begegnen.

Was er aber am meisten hasst, sind »die Weiber« und »die Juden«

Der Prediger hat seine Lieblingsthemen. Vor allem über zwei von ihnen redet er sich in Rage: die Teufelsmacht des Geldes und die »der Weiber«. Münzengeklimper ist ihm das hässlichste Geräusch auf Erden – neben dem von keifenden Frauenzimmern. »Das Weib« bleibt eine ständige Bedrohung für den Mann: »Wieviel Unheil haben doch die Weiber in die Welt gebracht! Der Adam hat ein Weib gehabt – es hat ihn und uns alle ins Elend gestürzt.« Hätte er mehrere Weiber besessen, wie das bei den Türken der Brauch ist, was wäre ihm dann erst widerfahren? »So viele Weiberzöpfe, so viele Fallstricke. Deshalb hält man sie sich besser vom Leibe.«

Aber mehr noch als »die Weiber«, unter denen es immerhin auch bewundernswerte Jungfrauen und Heilige gibt, sind ihm die »geldgierigen« Juden ein ewiger Grund, sich zu ereifern. Wenn es um die Juden geht, versagen bei ihm Humor und Satire, da mischt sich in seine Reden der rigorose Ton des Fanatikers. Seine Hetztiraden stehen jenen des »Saubeern Luther« in nichts nach. Aus seinem katholisch fundierten Judenhass, nicht anders als aus seinem Aber- und Wunderglauben, spricht das trübste Mittelalter. So inbrünstig er das Alte Testament, das heilige Buch der Juden, zitiert, so sehr ereifert er sich über das »Volk der Gottesmörder«: »Was hat endlich anderst Gottes Sohn an das Kreuz genagelt als der boshaften Juden verdammter Neid?« Abraham a Sancta Claras antijüdischer Furor wird heutzutage gern versteckt, in modernen Auswahlbänden seines Werks sind diese Hetzschriften ausgespart. Das war im 20. Jahrhundert anders. Die Nazis hatten ihre Freude daran. Der spätere Gauleiter von Wien, Baldur von Schirach, ließ im Jahre 1938 denn auch gleich eine Gesamtausgabe vorbereiten; es kam aber nur zu einer dreibändigen Auswahl mit entsprechendem Inhalt.

Abraham erkannte viele Widersprüche und Ungerechtigkeiten seiner Zeit und benannte sie mit drastischen Worten. Gern übersah er jedoch die Widersprüche und Idiosynkrasien des eigenen theologischen Systems, zu denen auch die Judenfeindschaft zählte. Als skeptischer Realist hätte er das Zeug zum großen Aufklärer gehabt, doch die Theologie hinderte ihn daran, zur sancta clara, zur heiligen Klarheit, durchzustoßen und den Glauben mit der Vernunft zu versöhnen.

Bleibt seine Sprachkraft, seine Sprachfantasie, die nach wie vor in ihren Bann zieht. Sie lässt ihn uns heute geradezu als Ahnherrn der modernen Poesie erscheinen, als einen Barockpoeten, abgestoßen und fasziniert vom großen »Hui und Pfui der Welt«. An diesem hat sich Abraham a Sancta Clara mit seinem gewaltigen Werk, das rund 600 Einzelschriften umfasst, buchstäblich müde geschrieben und zu Tode gepredigt. Schon lange Zeit an der Gicht leidend, stirbt er am 1. Dezember vor genau 300 Jahren in Wien. Sein Grab findet er in der Augustinerkirche, in der er so oft gepredigt hatte – eifernd und heiter, weltfern und weltklug.

Der Autor ist Wissenschaftspublizist und lebt in Berlin. Zur ersten Begegnung mit Abraham a Sancta Clara empfiehlt sich eine Auswahl seiner Texte, die gerade im Manesse Verlag erschienen ist (»Hui und Pfui der Welt«; 377 S., 22,95 €). Fortgeschrittene Leser seien auf den exzellenten Band der Bibliotheca Suevica hingewiesen: »Reimb dich, oder Ich Liß dich«; herausgegeben von Inga Pohlmann; Edition Isele; 757 S., 35,– €

 
Leser-Kommentare
  1. wohl bekehrte, einschüchterte und maßregelte. Leider Gottes ... http://kallewestrich.blog...

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