Da ich oft vergesse, wo genau ich welchen Akzent beim Wort Deja-vu setzen soll, habe ich es nachgeschlagen. Déjà-vu (frz. »schon gesehen«): psychologisches Phänomen, das sich in dem Gefühl äußert, eine neue Situation schon einmal erlebt, gesehen oder geträumt zu haben.

Zwei Wochen lang stand er vor meiner Tür, der neue Golf GTI – und irgendwie verfolgte mich das psychologische Phänomen, das alles schon einmal erlebt zu haben. Konnte es Zufall sein, dass zeitgleich mit diesem Auto auch wieder eine christliberale Koalition in mein Leben kam? Wieder eine tiefe Weltwirtschaftskrise bewältigt schien? Und Wetten, dass …? mit 11,29 Millionen Zuschauern die beste Quote seit Ewigkeiten einfuhr? Der GTI, er war und ist ein Sinnbild der achtziger Jahre, in denen die Wörter »Bundeskanzler« + »Helmut« + »Kohl« zu einem einzigen Bundeskanzlerhelmutkohl verschmolzen – während sich die Gesellschaft, wie an einer Straßenkreuzung, in Besorgte und Sorglose teilte.

Drei Buchstaben als Klassendefinition. Das "I" stand übrigens einst für "Injection", also Einspritzung. In den Siebzigern machte sie den Unterschied zum Normal-Golf © Volkswagen

Die Besorgten sorgten sich um die Umwelt. Wegen der Atomkraft. Wegen der christliberalen Koalition. Die Sorglosen fuhren GTI. Ein Auto für junge Männer, bei denen Autofahren keinen Zweck erfüllen sollte, sondern selbst der Zweck war. Manche sagten Sätze wie: »Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt.« Andere klebten Rammel-Rabbits auf ihren GTI. Ein Bursche namens Markus (vermutlich auch GTI-Fahrer) sang: »Ich will Spaß, ich geb Gas.«

Der GTI im Jahr 2009 – in dem die Wörter »Bundeskanzlerin« + »Angela« + »Merkel« auch schon ziemlich ineinanderlaufen – hat sich kaum verändert: 210 PS, 240 km/h Spitze, 2 rote Streifen im grimmigen Gesicht, 4 Alufelgen, groß und glänzend wie Kreissägeblätter, 0 Gewissensbisse. Zwar wirkt der GTI innen jetzt kommod wie ein Herrensalon (alles schwarz, alles Leder), sein Motor klingt im sechsten Gang sonor wie Egon Hoegen damals im 7. Sinn, und er hat nun sogar Tempomat (als Pendant zur Schuldenbremse). Doch er ist – sorry, VW! – das Auto für den gehobenen, sorgenfreien Proll geblieben. Den Proll mit zu viel Geld für einen alten Manta und zu wenig Geld für einen neuen Porsche.

Ich habe den GTI in den ganzen zwei Wochen nie vor unserem Haus geparkt. Einmal aber bin ich mit ihm übers Wochenende zu einer Verwandten gefahren und habe ihn direkt vor ihrer Haustür abgestellt (denn Mann und Auto waren weg). Später habe ich erfahren: Sofort witzelten die Nachbarn was von »Bums-Besuch«.