Eine neue soziale Bewegung? Studenten protestieren in Freiburg ©  Patrick Seeger/dpa

DIE ZEIT: Herr Rucht, in über 50 Städten wird gegen schlechte Studienbedingungen protestiert – nur wenige Monate nach den Demonstrationen im Frühsommer. Entsteht gerade eine neue Studentenbewegung?

Dieter Rucht: Nein, ich würde das eher als Protestkampagne bezeichnen.

ZEIT: Was ist der Unterschied?

Rucht: Bewegungen kämpfen für einen grundlegenden sozialen Wandel in der Gesellschaft, etwa die Arbeiterbewegung oder die Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Die Studierenden heute aber fordern primär etwas für sich, sie haben kaum die Gesellschaft im Blick.

ZEIT: Manche sagen, die Protestierenden seien unter den Studenten in der Minderheit.

Rucht: Quantitativ ist das sicher richtig.

ZEIT: Und qualitativ?

Rucht: Das ist schwer zu beantworten. Wir unterstellen immer, die Studierenden wären eine homogene Masse, dabei ist die Realität viel komplexer. Die Studienanfänger müssen sich meist erst orientieren und wissen noch nichts von Missständen. Die älteren Studierenden, die kurz vor dem Examen stehen, sagen: Das betrifft mich alles nicht mehr. Auch deshalb ist die Gruppe der Protestierenden meist klein.

ZEIT: Gab es 1968 mehr Protestierende?

Rucht: Nein, aber die gesellschaftliche Reaktion war heftiger. Das hing mit dem provokativen Gestus der Bewegung zusammen.

ZEIT: Der provokative Gestus fehlt heute, die Studenten sind eher brav. In Hamburg putzen sie jeden Abend ihren besetzten Hörsaal.

Rucht: Alles andere wäre auch unpassend. Die Forderung nach besserer Bildung steht im Einklang mit bürgerlichen Werten. Eine Provokation gegen diese Werte wäre deshalb nicht das adäquate Mittel.

ZEIT: Hochschulen und Bildungspolitiker sympathisieren öffentlich mit den Studenten. Leidet der Protest darunter?

Rucht: Ja, die Studierenden werden durch Umarmung gleichsam entwaffnet. Früher hatten die Studenten alle gegen sich, die Wasserwerfer der Polizei, das Bürgertum, die Springer-Presse. Das hat einen großen Zusammenhalt und viel Reibungshitze erzeugt.