DIE ZEIT: Herr Rucht, in über 50 Städten wird gegen schlechte Studienbedingungen protestiert – nur wenige Monate nach den Demonstrationen im Frühsommer. Entsteht gerade eine neue Studentenbewegung?

Dieter Rucht: Nein, ich würde das eher als Protestkampagne bezeichnen.

ZEIT: Was ist der Unterschied?

Rucht: Bewegungen kämpfen für einen grundlegenden sozialen Wandel in der Gesellschaft, etwa die Arbeiterbewegung oder die Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Die Studierenden heute aber fordern primär etwas für sich, sie haben kaum die Gesellschaft im Blick.

ZEIT: Manche sagen, die Protestierenden seien unter den Studenten in der Minderheit.

Rucht: Quantitativ ist das sicher richtig.

ZEIT: Und qualitativ?

Rucht: Das ist schwer zu beantworten. Wir unterstellen immer, die Studierenden wären eine homogene Masse, dabei ist die Realität viel komplexer. Die Studienanfänger müssen sich meist erst orientieren und wissen noch nichts von Missständen. Die älteren Studierenden, die kurz vor dem Examen stehen, sagen: Das betrifft mich alles nicht mehr. Auch deshalb ist die Gruppe der Protestierenden meist klein.

ZEIT: Gab es 1968 mehr Protestierende?

Rucht: Nein, aber die gesellschaftliche Reaktion war heftiger. Das hing mit dem provokativen Gestus der Bewegung zusammen.

ZEIT: Der provokative Gestus fehlt heute, die Studenten sind eher brav. In Hamburg putzen sie jeden Abend ihren besetzten Hörsaal.

Rucht: Alles andere wäre auch unpassend. Die Forderung nach besserer Bildung steht im Einklang mit bürgerlichen Werten. Eine Provokation gegen diese Werte wäre deshalb nicht das adäquate Mittel.

ZEIT: Hochschulen und Bildungspolitiker sympathisieren öffentlich mit den Studenten. Leidet der Protest darunter?

Rucht: Ja, die Studierenden werden durch Umarmung gleichsam entwaffnet. Früher hatten die Studenten alle gegen sich, die Wasserwerfer der Polizei, das Bürgertum, die Springer-Presse. Das hat einen großen Zusammenhalt und viel Reibungshitze erzeugt.

 

ZEIT: Gibt es denn gar keine Feindbilder mehr?

Rucht: Ein Feindbild ist der Neoliberalismus, aber das ist eine abstrakte, nur schwer personalisierbare Struktur.

ZEIT: Den deutschen Studenten wurde politische Apathie unterstellt. Ist das nun widerlegt?

Rucht: Das war immer falsch. Es gab zu jeder Zeit politisch engagierte Studierende.

ZEIT: Aber heute haben sie keine Führungsfiguren mehr, es gibt keinen Rudi Dutschke.

Rucht: Das spricht aber nicht gegen den Protest. Die Frauenbewegung war auch sehr erfolgreich, obwohl sie weder zentral organisiert war noch charismatische Leitfiguren hatte.

ZEIT: Die Studenten sind heute vernetzt, verabreden sich online, es gibt Videokonferenzen zwischen besetzten Unis. Erleichtert das die Mobilisierung?

Rucht: Man darf die alten Medien nicht unterschätzen. Es gab 1986 massenhafte Studentenproteste in Frankreich. Damals wurde per Fax kommuniziert; das klingt heute altmodisch, war aber sehr effektiv.

ZEIT: Deutsche Studenten protestierten 1988/89, 1997/98, 2003/04, 2006, 2009. Muss jede Generation wenigstens einmal Dampf ablassen?

Rucht: Auffällig ist, dass die Forderungen und die Art des Protests über die Jahre gleich geblieben sind. Schon 1988 forderten die Studenten eine bessere Ausstattung und mehr Professoren. Damals schrieb der Spiegel, das sei eine neue Art der Studentenbewegung, "ideologiefrei, pfiffig und nicht allzu frech". Das könnte man heute wieder schreiben.

Die Fragen stellte Justus Bender

Dieter Rucht, 63, ist Soziologe. An der FU und am Wissenschaftszentrum Berlin erforscht er soziale Bewegungen und politischen Protest