Finanzkrise Vorsicht, Panik
Die einen warnen vor neuen Spekulationsblasen. Die anderen finden übertriebene Vorsicht noch gefährlicher. Wer hat denn nun recht?
© Jed Jacobsohn/ Getty Images

Platzt die Blase?
Nouriel Roubini gefällt sich in der Rolle des einsamen Mahners. Der streitbare New Yorker Wirtschaftsprofessor sah schon die große Krise kommen, als kaum sonst jemand Böses ahnte. Nun warnt Doktor Untergang, wie Roubini seither genannt wird, vor der nächsten Katastrophe: Das viele Geld, das Zentralbanken und Regierungen in die Wirtschaft pumpten, fülle eine gefährliche »Monsterblase«, schrieb er kürzlich in einem Kommentar für die Financial Times .
Diesmal trifft Roubini den Geist der Zeit. Die Angst vor der großen Blase geht um die Welt. Eben noch wurden die Staaten für ihre milliardenschweren Rettungsprogramme gefeiert, jetzt sollen sie plötzlich das Gegenteil tun: das viele flüssige Geld wieder einsammeln und schnell die Schulden senken. Die Zinspolitik der USA, monierte kürzlich Liu Mingkang, der oberste chinesische Bankenkontrolleur, verursache »spekulative Investitionen an den Aktien- und Immobilienmärkten«. Die expansive Wirtschaftspolitik, warnte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vergangene Woche, lege die Basis für die nächste Krise.
Stimulus fatigue nennen die Amerikaner dieses Phänomen. Wenn die Konjunktur wieder halbwegs läuft, wird die Bevölkerung der steigenden Schulden und der lockeren Geldpolitik überdrüssig. So war das auch in der Weltwirtschaftkrise der dreißiger Jahre. Der New Deal war kaum verabschiedet, da schwenkte der damalige US-Präsident Franklin Delano Roosevelt schon wieder auf einen Sparkurs ein. Wiederholt sich die Geschichte?
- Immobilienblase Nr. 2
-
An den internationalen Finanzmärkten bricht also nun Angst vor einer nächstenBlase aus? Das sind vielleicht Probleme! In den Vereinigten Staaten ist man in diesen Tagen noch schwer damit beschäftigt, auf das Platzen einer ganz alten Blase zu warten. Einige Spekulationsblasen sind ja in den vergangenen Monaten schon spektakulär zerborsten, allen voran der Markt für Subprime-Hypothekenkredite und die Wertpapiere ringsherum.
Doch Finanzexperten warnen davor, dass in einer weiteren Riesenblase, bei den gewerblichen Immobilien nämlich, noch immer gefährlich viel Luft steckt. Auch dort sind die Preise jahrelang rasant gestiegen, sie sind hochgradig mit Hypotheken belastet, aber viele Immobilienbesitzer finden in diesen Krisenzeiten nicht mehr genug zahlungskräftige Mieter. Die Preise fallen. Und niemand weiß ganz genau, wo im Finanzsystem all diese Hypothekenkredite stecken. Der Großinvestor und Milliardär Wilbur L. Ross hat Anfang November gewarnt: Da komme noch ein »großer Crash« auf die Finanzwelt zu.
- Dollar-Spekulation
Allen Mahnungen zum Trotz haben die anhaltenden wirtschaftlichen Sorgen um Amerika aber an anderer Stelle schon wieder die Risikofreude der Investoren angefacht – und die Gefahr neuer Spekulationsexzesse vergrößert. Der Dollar ist billig, und viele Investoren rechnen noch mit einem weiteren Kursverfall. Sie folgern daraus: Alles kaufen, bloß keine Dollars. Oder sogar: Dollars ausleihen und sie anschließend in riskante Wertpapiere stecken. In welchem Umfang solche Spielchen tatsächlich am Finanzmarkt gespielt werden, ist noch umstritten.
- Gefahr aus China
-
Immerhin fällt auf, dass spekulative Investitionen in Bereiche des Finanzmarkts wandern, die bis vor Kurzem noch als sehr gefährlich galten: Wertpapiere aus Schwellenländern wie Brasilien. Anteile an Erzminen. Gold. Diamanten. Öl. Nahrungsmittel. Erlesene Luxusimmobilien.
Und nicht zuletzt Anlageobjekte in China. Internationale Anleger spielen dabei gar nicht mal die größte Rolle. Die Chinesen investieren selbst nach Kräften. China werde bald seine »ganz eigene Blase« haben, warnt Bill Gross, ein Investitionsstratege beim Investitionsfonds Pimco, der zur Allianz gehört.
Tatsächlich geht es an den Finanzmärkten gerade spektakulär aufwärts. Der Dax hat seit seinem Tiefpunkt im März um 40 Prozent zugelegt, das amerikanische Kursbarometer S&P 500 um 62 Prozent. Vor allem in den Schwellenländern boomt es an allen Ecken und Enden. In China verdoppelten sich die Aktienkurse in den vergangenen zwölf Monaten. In Hongkong kostet eine Einzimmerwohnung inzwischen so viel wie anderswo eine Luxusvilla. Der Kupferpreis ist um 133 Prozent gestiegen, der Rohölpreis um 112 Prozent.
Nur: Der Einbruch zuvor war nicht weniger spektakulär. Wenn man es etwas längerfristiger betrachtet, liegt beispielsweise der Dax immer noch deutlich unter dem Niveau des Jahres 2007. Die Kurswerte an den Börsen in den Industriestaaten haben sich nicht allzu weit von der ökonomischen Realität entfernt (die in Asien und Lateinamerika aber vermutlich schon, siehe Kasten).
Nach Berechnungen des Londoner Investmentexperten Andrew Smithers liegt das Verhältnis von Aktienkursen zu Unternehmensgewinnen in den USA um etwa 40 Prozent über dem historischen Durchschnitt – in den neunziger Jahren waren es mehr als 100 Prozent. Auch in Europa gebe es wenig Anzeichen, dass die Märkte »schon wieder in Partylaune sind«, sagt Dieter Wermuth von der Vermögensverwaltung Wermuth Asset Management. Wo Roubini eine Monsterblase zu erkennen glaubt, entdeckt Wermuth nur ein Bläschen.
Man kann in diesen Tagen also trefflich darüber streiten, ob es wirklich schon wieder eine große und bedrohliche Spekulationsblase gibt.
- Datum 03.12.2009 - 17:14 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Das was die Banken treiben hat mehr mit Hütchenspielen und Zaubertricks zu tun als mit echtem Wirtschaften d.h. es handelt sich um Betrug mithilfe von Aufmerksamkeitslenkung und der Ausnutzung begrenzter Wahrnehmungskapazitäten bzw. Instinktiver Interpretationsmuster.
Nettes Analogon sind die Unmöglichen Objekte
http://de.wikipedia.org/w...
Der Trick bei den Unmöglichen Objekten ist, das man immer nur einen Teil des Objektes mit seinem Blick und damit auch mit seinem Verstand erfassen kann. Der erfassbare Auschnitt
enthält nicht genug Informationen um den Fehler im Gesammtsystem auf anhieb erkennen zu können. Viele "schlüssige" Teile die ein "schlüssiges " Bild ergeben.
Bei Ihren Argumentationen nutzen die Banker es außerdem aus das ein normalsterblicher selten einen Blick auf das ganze Bild sondern nur seine "schlüssigen" Einzelteile werfen kann.
Für Wirtschaftwissenschaftler die sagen sie "können nicht wissen was sie nicht wissen können" lasse ich diese Außreder aber nicht gelten. Die sollten den Überblick eigntlich besitzen.
hätte ich dem Artikel gern entnommen, wie groß sie(gemessen am BIP) tatsächlich ist und nicht, um wie viel sie in den letzten Monaten weniger gewachsen ist!
Im eklatanten Missverhältnis zwischen "M3" und den real vorhandenen Gütern und Dienstleistungen einer oder den Volkswirtschaften liegt nämlich finanz- und währungstechnisch der Hund begraben. Die Geldmenge ist über Gebühr aufgebläht worden, und niemand der Verantwortlichen weiß so richtig, wie dieses virtuelle Spondolix wieder einzusammeln wäre, bevor es hyperinflationär zu wirken beginnt.
....große Antworten. In meiner Diplomarbeit schrieb ich über die Bewertung urbaner Hotelprojekte.
Im Zuge dessen habe ich einen kurzen Einblick bekommen wie das Ganze offensichtlich funktioniert.
Architekten und Errichtergesellschaften gaben mir die Auskunft das "Nachhaltiges bauen" erst jetzt in die Gedankenwelt der Verantwortlichen kommt.
Bis jetzt lief es oft so ab. Es gibt eine große Anzahl an Institutionen welche über eine unglaubliche Menge an Geld verfügen. Diese wissen größtenteils nicht mehr wohin mit dem Geld. Daher sind sie immer auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten.
Durchaus üblich sind die Errichtung von Einkaufscenter, Büro-, Hotel- oder andere Bauten welche oft keinen anderen Zweck erfüllen als zu existieren.
Rentabel sind diese Bauten selten, weil der Bedarf sekundär ist und nie überprüft wurde. Und wenn gilt die Regel "Es gibt keine negative Machbarkeitsstudie!"
Die daraus erzielten Gewinne sind meist rein spekulativ und bestehen nur am Papier. Zu unterstreichen ist, daß dies durchaus auch das Verhalten seriösen Investoren ist. Es ist nicht einmal böse Absicht dabei. Es ist einfach nur das viele Geld das sie gewinnbringend anlegen sollen. Dafür gibt es aber zu wenig Möglichkeiten.
Das so etwas nicht funktionieren kann versteht auch der Laie. Und so kann ich auch nur unterstreichen "Da kommt noch Einiges auf uns zu!"
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren