Schulabschluss im Gefängnis
Drinnen lernen für draußen
Am Pädagogischen Zentrum der JVA Münster können Gefangene ihren Schulabschluss nachholen. Leander Galanis ist einer von ihnen
© Friso Gentsch/dpa

Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Münster lernen Rechtschreibregeln
In Leander Galanis’ Klasse sind sie zu acht, inklusive Klassensprecher und Tafeldienst. Wenn alles gut läuft, wird der 27-Jährige im Sommer den Hauptschulabschluss haben. Wann genau er hier rauskommt, weiß er trotzdem nicht: Galanis ist Schüler am Pädagogischen Zentrum der JVA Münster, eines der ältesten Bildungszentren in deutschen Gefängnissen.
Die Gefangenen bewerben sich aus ganz Nordrhein-Westfalen hierher. In einer Konferenz wird entschieden, wer am Unterricht teilnehmen darf. Geprüft werden Wissen und Vorbildung – und ob der Gefangene gewalt- und drogenfrei lebt. Der Bedarf an Bildung im Gefängnis ist riesig, mehr als die Hälfte der Insassen kommt ohne Schulabschluss, nicht selten als Analphabet. Früher galt für sie nur die Arbeitspflicht, bestenfalls wurden Ausbildungen in der Küche oder der Schreinerei angeboten. Aber seit Ende der siebziger Jahre steht in der Dienst- und Vollzugsordnung des Strafvollzugsgesetzes das Wort »Bildung« gleichrangig neben »Arbeit«. Heute sind vom Alphabetisierungskurs bis zum Studium alle Weiterbildungswege offen: Nicht wenige verlassen das Gefängnis mit Gesellenbrief, einem Schul- oder sogar Studienabschluss, Münster hatte in den vergangenen 38 Jahren 1500 erfolgreiche Abgänger.
Leander Galanis sitzt vorn links, der Lehrer am Pult heißt Joachim Gahlmann. Er unterrichtet Deutsch und Biologie. Im Februar, als er das erste Mal mit seiner Klasse allein hier unten war, im Keller der Haftanstalt, fragte ihn ein verurteilter Mörder: »Haben Sie Angst?« Das war ein Scherz. Joachim Gahlmann antwortete: »Nein.« Das war sein Ernst. Gahlmann ist einer von sieben Lehrern, die hauptberuflich im Gefängnis unterrichten. Er füllt Wahrnehmungsbögen aus, schreibt Hausverfügungen, korrigiert Arbeiten, besucht Fortbildungen. Eigentlich aber arbeitet er sich täglich an der einen Frage ab: Kann Bildung den Menschen bessern?
Leander Galanis’ Tag beginnt mit dem Frühstücksfernsehen und endet manchmal schon um vier, wenn ein Beamter seine Zellentür abschließt: »Dann macht es bum im Kopf, und ich vegetier nur noch vor mich hin.« Oder er blättert in seinen Lehrbüchern wie andere Leute im Reisekatalog.
In der Deutschstunde lesen sie Liebesgedichte von Erich Fried . Heute lernen sie, was Metaphern sind. Hausaufgabe übers Wochenende: metaphorische Begriffe für Frauen auflisten, Ziege zum Beispiel. Herr Wille, zweite Reihe links, meldet sich und sagt, er habe seine Frau früher Fregatte genannt. Herr Wehmann sagt, er habe ein Buch für Autoren, in dem viele Metaphern stehen, Schlachtross für Rentner zum Beispiel. Die Lernmaterialien sind teilweise alt, im Geschichtsbuch steht noch Neger, auch deshalb arbeitet Gahlmann lieber mit Kopien. Im Biologieunterricht demonstriert die Lehrerin mit Dominosteinen die Reizübertragung, und in der vierten Stunde diskutieren sie im Englischunterricht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Galanis sei ein Überflieger, sagt Gahlmann. Und clever obendrein. Die Hausaufgaben mache er mit eben so viel Aufwand, dass niemand sagen könne, er habe sie nicht gemacht. Dann nämlich würden sich seine Bezüge verringern. Bei guten Noten erhöht sich das Hausgeld im Gegenzug, diesen Monat hat Galanis sich so 17,98 Euro verdient. Wer im Klassenraum sitzt, wird von der sonst geltenden Arbeitspflicht befreit. Mit ihrem Hausgeld dürfen die Gefangenen im Gefängnisladen einkaufen. Einmal im Monat verwandelt sich so die Anstrengung in Apfelsaftschorle, Mühe in Pulverkaffee, Leistung in Rasierschaum.
In Galanis’ Zelle hängt der Stundenplan über dem Bett, die Griechenlandflagge an der Schrankwand, und drei Paar Turnschuhe stehen davor. Er ist schlecht in Rechtschreibung, mag die x-Gleichungen in Mathe und kann fast jeden im Tischtennis schlagen. Früher einmal, bevor er zum Einbrecher wurde, wollte sein Vater, dass er Tennislehrer wird. Galanis sagt, nach seiner Entlassung werde er sich erkundigen, wie das geht, das Tennislehrerwerden. Außerdem wolle er nach Griechenland fahren, die Nichte sehen, die er nur von Bildern kennt. Und schön essen gehen. Gyros Spezial.
- Datum 27.11.2009 - 12:16 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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Machen sie mal lieber Reportagen über die Opfer und was die alles durchmachen.
War bestimmt nicht einfach, jemand mit nem halbwegs deutschen Namen zu finden...
Auch wenn die Begriffe "Ethik und Moral" geschunden und abgegriffen sind,- so sollte dieser Bereich an vorderster Front eines schulischen Unterrichts stehen.
Für "Drinnen lernen für draußen" wäre dies wohl das wichtigste, im Gegensatz zu "Handwerken" und "Jobtauglich" werden.
Warum?
Was bringt´s, wenn einer "drinnen" Schlosser lernt, aber "draußen" dem nächstbesten mit dem Hammer den Schädel einschlägt!?
Grundsätzlich jedoch, ist der gesetzte Rahmen "Bildung" alleweil der richtige Weg!
Möchte mich mit meiner Aussage sogar soweit aus dem Fenster lehnen:
"Auch für alle draußen gilt,- lieber "Erdkäs" wegfallen lassen... ...dafür einen Grundkurs in Ethik und Moral!"
ist ein solches Angebot allemal. Es kann nur genau darum gehen, denen die sich motivieren lassen eine Chance zu geben, die viele vermutlich vorher nie wirklich gehabt haben. Auch wenn bezweifelt werden darf, dass die Aussichten auf einen Job oder gar eine Ausbildung nicht wesentlich erhöht werden.
Aber: Besser als nichts.
Natürlich sollte dies alles so gestaltet sein, dass ein "gewolltes, gesellschaftlich anerkanntes Wertgefüge" erkennbar wird. Ethik und Moral mit dem Zeigefinger werden nicht helfen. Nur wenn nach dem Lernen Drinnen auch ein Leben Draussen möglich wird, kann es wirklich Sinn machen.
@luzius: 8 Schüler drinnen und 30 draussen sind nicht ungerecht. Bei einer solchen Ausgangssituation machen größere Gruppen kaum Sinn. Dies gilt natürlich auch für draussen, aber dafür will keiner Geld ausgeben - so nötig wie es wäre.
2. Bei so geringen Möglichkeiten kann ich nicht jeden abholen, so schön wie das wäre, aber das kostet wohl auch zuviel.
Zu beiden Punkten gilt wie in vielen anderen Bereichen auch: Man verlegt sich auf kurzfristige Verschiebungen der Probleme. Zu verhindern, dass so viele in diese Situation kommen, kostet kurzfristig zu viel Geld. Das wir die Ergebnisse dann lebenslänglich finanzieren, interessiert die zuständigen Gremien scheinbar wenig.
Hausaufgabe übers Wochenende: metaphorische Begriffe für Frauen auflisten, Ziege zum Beispiel.
-.-
liebe redaktion, diesen teil meines kommentares, den sie als diskriminierend entfernt haben, ist ein zitat aus dem text dort oben!!!
soll das ein witz sein, das zu entfernen?
liebe redaktion, diesen teil meines kommentares, den sie als diskriminierend entfernt haben, ist ein zitat aus dem text dort oben!!!
soll das ein witz sein, das zu entfernen?
mein kommentar hierzu bestand in dem untenangefügten smily (-.-), welcher meinen unmut über genau diese diskriminierung zum ausdruck bringt.
Ja, ja, "er Kam" mit Rechtschreibfehler lernen und dazu "langer Vokal = Doppelkonsonant" - das gibt einen tollen Schulabschluss! Da tät ich als Ich-kann-Schule-Lehrer auch mit Schule abschließen.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe
Prinzipiell finde ich es gut, dass jugendlichen Straftätern durch Bildung Perspektiven aufgezeigt und Möglichkeiten der Selbstidentifikation geboten werden. Auch die Möglichkeiten, die ein Hauptschulabschluss eröffnet senken die Gefahr, dass einer der Schüler rückfällig wird.
Was mich aber stört ist die konkrete Umsetzung:
1. Eine Klasse mit 8 Schülern ist den Schülern an gewöhnlichen Schulen, die 30 Leute in ihren Klassen haben gegenüber ungerecht.
2. Ein Auswahlverfahren, das auf Vorwissen setzt lässt bewusst Potential aussen vor.
3. Die Häftlinge sollten wissen, dass sie fürs Leben lernen. Deswegen finde ich eine Entlohnung für gute Noten kontraproduktiv.
Man sollte eher den Ansatz verfolgen, dass jeder eine Chance erhält, der auf Gewalt und Drogen verzichtet, dann aber beim Stören des Unterrichts 'rausfliegt. Und weil die Bildung nicht finanziell entlohnt wird werden sich die durchsetzen, die den meisten Eifer an den Tag legen.
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