Weiterbildung Von wegen zu Hause hocken
Der weltgrößte Druckmaschinenhersteller schickte seine Angestellten in die Kurzarbeit – und viele in die Fortbildung.
Sie sind der Weltmarktführer. Normalerweise heißt das bei der Heidelberger Druckmaschinen AG: riesige Werkhallen voller Menschen, eine Produktionslogistik, die nie stillsteht. Normalerweise. Denn von den 18.000 Mitarbeitern der größten Druckmaschinenfabrik der Welt befinden sich 90 Prozent in Kurzarbeit. Viele von ihnen schon seit einem Jahr. "Wir sind weltweit einem massiven Wettbewerbsdruck ausgesetzt", sagt Klaus-Dieter Hohr, Leiter der Personalentwicklung. "Dem können wir nur standhalten, wenn wir den neusten Stand der Technik kennen, innovativ sind und höchste Standards setzen – auch und gerade während der Krise."
9000 Mitarbeiter nehmen deshalb während der Kurzarbeit an Weiterbildungsprogrammen teil, die nächsten 3000 haben sich schon angemeldet – freiwillig, weil allen bewusst ist, dass nur ein Wissensvorsprung sie retten kann. Entwicklungsingenieure sind darunter, Servicetechniker, Verwaltungskräfte. Aber auch Abteilungsleiter und Manager. Die meisten von ihnen werden intern geschult, einen Großteil der Kosten übernimmt die Bundesagentur für Arbeit (BA). Gerade bei der Qualifizierung von Fach- und Führungskräften ist die Materie komplex: Wie nutzt man Wettbewerbsvorteile effektiv? Wodurch kann der Produktionsprozess verbessert, wie die Logistik eines weltweit agierenden Unternehmens optimiert werden?
Wissenschaftliche Antworten auf hohem Niveau und von großer Aktualität will ihnen die RWTH International Academy bieten. Die Weiterbildungsakademie der Technischen Hochschule Aachen hat ein bislang einmaliges "Qualifizierungsangebot zur Überwindung der Krise 2009/2010" initiiert, das sich an Fach- und Führungskräfte in Kurzarbeit richtet. Das modulare Programm umfasst rund 30 Kurse zu nachhaltiger Ergebnissteigerung, Sensibilisierung auf künftige Herausforderungen und Methoden zur Qualitätssicherung.
Gemeinsam mit der Heidelberg AG durchforschte das Hochschulteam die Probleme und Chancen der Firma und schnürte dann ein spezielles Weiterbildungspaket für rund 100 Mitarbeiter in gehobenen Positionen. Zweimal fünf Tage lang kamen drei Professoren, dazu Oberingenieure und Assistenten der Uni ins Unternehmen und dozierten über Prozessmanagement und Logistiklösungen. Am Ende standen für jeden Kursteilnehmer eine individuelle Leistungsüberprüfung – und ein Fragebogen zum Erfolg des Programms. "Das Feedback war überragend", sagt Hohr. "Nun gilt es, die wissenschaftlichen Impulse konkret umzusetzen und die gewonnenen Kenntnisse effektiv zu nutzen." Dafür wurden interne Lernnetzwerke geschaffen, Know-how-Träger ernannt. Mit ihrer Hilfe soll sich beispielsweise das Bestandsmanagement verbessern, sollen Lieferzeiten künftig noch genauer eingehalten werden.
Bislang ist der Druckmaschinenhersteller das einzige Unternehmen, das das akademische Weiterbildungsangebot der RWTH wahrgenommen hat. Denn anstatt die Zeiten der Kurzarbeit dazu zu nutzen, sich durch Wissensvertiefung, Innovationsanalyse und Management-Training fit für den Aufschwung zu machen, reduzieren 31 Prozent der Unternehmen ihre Weiterbildungskosten oder fahren sie gar auf null herunter – das ergab die Studie Vergütung im Abschwung der Hay Group Deutschland von 2009. "Weiterbildung wird leider immer noch von vielen als Ausgabe, nicht als Investition verbucht", sagt Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der RWTH International Academy. "So steuern wir in einem Land, das von Innovationen lebt, geradewegs von einer konjunkturellen in eine strukturelle Krise."
Dabei könnte das wissenschaftliche Angebot kaum zu einem günstigeren Zeitpunkt kommen: Alle Aachener Akademie-Kurse sind von der Zulassungsstelle der Bundesagentur für Arbeit zertifiziert, sodass 60 bis 80 Prozent der Kosten auch von der BA getragen werden. Zusätzlich werden dem Arbeitgeber die Sozialversicherungsbeiträge in voller Höhe erstattet, wenn der betroffene Kurzarbeiter mindestens die Hälfte seiner Ausfallzeit für die Weiterqualifizierung nutzt.
- Datum 27.11.2009 - 10:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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Den Absatz über die RWTH International Academy haben Sie aus einem Prospekt herauskopiert?
[...] (Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion /ft)
Wochen einen kritischen Bericht gesehen, der sich mit Kurzarbeit auseinandergesetzt hat. In dem war zu sehen, wie viele Betriebe sich mit dem Geld eine "schöne Zeit" machen... Sprich würden sie ihre Mitarbeiter auch ohne die staatliche Unterstützung in eine Fortbildung geben? Ist nur eine Anmerkung.
habe ich einen Artikel gelesen, dass 10.000 Daimler-Mitarbeiter streiken wollen, weil man aus Währungsgründen den größten Standort ggf. nach Amerika verlegen will. Nun glaube ich, dass die Daimler-Mannschaft nicht gerade schlecht qualifiziert ist und die Autos auch das Ergebnis dieser hohen Qualifikationen sind.
Nun frage ich einfach mal in die Runde: "Was nützt die Qualifikation, wenn das Know-How vieler Jahre letzlich verschenkt wird, nur weil der Dollar künstlich gesenkt wird.
Die Cleveren beherrschen nämlich die Welt und nicht die Naiv-Intellektuellen, die vor lauter dickem Kopf von all den Schulungen in der Kurzarbeit nicht mehr verstehen, warum sie am Ende trotzdem auf der Strasse stehen.
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