Am Anfang des Seminars bekommen die Teilnehmer Namenskärtchen. Auf deren Rückseite steht ein Zitat von Seneca: "Nicht weil die Dinge unerreichbar sind, wagen wir sie nicht – weil wir sie nicht wagen, bleiben sie unerreichbar." Bei Alfred Korte, 65, klingt der schon etwas abgegriffene Spruch so: "E-D-V-D-H – Erheb dich von deinem Hinterteil!" Und das meint er ganz wörtlich. Er lässt die Teilnehmer seines Existenzgründungsseminars in fiktiven Verkaufsgesprächen ihre Produkte anpreisen, sich mit unzufriedenen Kunden herumschlagen, um Preise pokern und sich vor laufender Kamera präsentieren, damit sie das eigene Auftreten anschließend analysieren. "Schrecklich, wie unbeholfen ich wirke!", sagt einer der zehn Teilnehmer mit hochrotem Kopf. Doch Alfred Korte verfolgt mit seiner Strategie ein Ziel: In den nächsten acht Stunden will er aus ihnen bessere Verkäufer machen.

Korte ist Wirtschaftspate. Seit vier Jahren ist der Rentner Mitglied in dem hessischen Verein gleichen Namens und stellt zusammen mit 30 ehemaligen Führungskräften aus der Wirtschaft sein Wissen ehrenamtlich Existenzgründern zur Verfügung. Was sie von anderen Beratern unterscheidet: Keiner der Senioren ist auf Profit aus. So erteilen sie nicht nur fachmännischen, sondern auch ehrlichen Rat. Fast 35 Jahre lang hat Alfred Korte im Vertrieb und im Marketing für weltweit bekannte Unternehmen wie Siemens oder Motorola gearbeitet. Dann kam die Rente. Doch nach einem Jahr hatte er zu Hause alles erledigt: Das Badezimmer war neu gefliest, die Gartenmöbel waren gestrichen, der Zaun repariert. Korte fühlte sich nutzlos und brauchte eine neue Aufgabe. Er recherchierte im Internet und stieß schließlich auf die Seite der Bundesarbeitsgemeinschaft "Alt hilft jung". So landete er bei den Wirtschaftspaten in Hessen.

Nach der Mittagspause in Hanau stellt Alfred Korte seine Seminarteilnehmer auf die Probe. Drei Minuten lang müssen die acht Frauen und zwei Männer über ein Thema seiner Wahl referieren. "Begeistern Sie uns!", sagt er. Einer schwärmt von Flugzeugen, die Nächste ärgert sich lautstark über schlechte Radwege, eine andere hält eine Brandrede über die Notwendigkeit von Ganztagsschulen. Dabei gestikulieren sie, schauen mit weit aufgerissenen Augen in die Runde und versuchen, trotz Anspannung, zu lächeln. Denn was hatte Herr Korte noch gesagt: Hände aus den Taschen! Blickkontakt halten! Selbstsicher wirken! Ihre Nervosität können sie dennoch nicht verbergen: Rote Hektikflecken erscheinen auf den Hälsen, nervös tippeln sie von einem Fuß auf den anderen oder fangen an zu stottern. "Vielleicht bin ich einfach kein guter Verkäufer", sagt ein junger Mann.

Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen zu Alfred Korte: Einige haben bereits ihr eigenes Unternehmen und möchten, dass es besser läuft als bisher, andere wollen sich mit einer Idee oder Dienstleistung selbstständig machen. Viele schickt die Arbeitsagentur zur Weiterbildung zu ihm. Für immer mehr Menschen sei die Selbstständigkeit in der Wirtschaftskrise der einzige Ausweg aus Hartz IV, sagt Korte. Rund 12.000 von ihnen halfen die Jobcenter der Bundesagentur für Arbeit bereits im ersten Halbjahr 2009 bei der Existenzgründung. Doch das Risiko, wieder bei Hartz IV zu landen, ist groß: Ende 2008 konnten laut Arbeitsagentur 114.000 Selbstständige nicht ohne finanzielle Unterstützung leben. Zwei Jahre zuvor waren es lediglich 56.000.

Trotzdem will Elke Behrendt, 50, den Schritt aus der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit wagen. 10 Jahre lang hatte sie als Stewardess gearbeitet, bis sie durch Krankheit fluguntauglich wurde. Dann startete sie eine zweite Karriere als PR-Managerin. 14 Jahre lang arbeitete sie in der Werbebranche. Als die Leitung der Werbeagentur wechselte, trennte sie sich von ihrem Job. Die Rückschläge sieht sie inzwischen als Chance für den beruflichen Neuanfang: In Zukunft will sie als freiberufliche Motivationstrainerin arbeiten. In Kortes Seminar hofft sie auf Tipps.