DIE ZEIT: Herr Bundespräsident, was dachten Sie als Erstes, als Sie nach Ihrem Herzstillstand am 24. September 2008 aus dem Koma aufwachten?

Hans-Rudolf Merz: Am ersten Tag war da nur Erstaunen. Ich stellte fest, dass ich im Spital liege und an Schläuche angeschlossen bin. Dann kam ein Oberarzt und erzählte mir, was passiert ist.

ZEIT: Waren Sie erstaunt, dass Sie noch da sind?

Merz: Im ersten Moment nicht. Erst später erfuhr ich, dass pro Jahr 8000 Menschen in der Schweiz einen Herzstillstand haben – und nur 400 überleben. Aber ich war klinisch tot gewesen. Also musste ich herausfinden, ob in meinem Kopf noch alles funktioniert. Deshalb habe ich mir am nächsten Tag das bebilderte Verzeichnis mit den Damen und Herren Parlamentariern geben lassen. Ich schaute, ob ich noch alle kenne – und bis auf zwei, drei Ausnahmen kannte ich noch alle. Da war für mich klar: Ich habe es überstanden und ich werde und will wieder zurückkehren.

ZEIT: Sie haben sich nie gefragt, ob Sie wirklich zurückkommen wollen?

Merz: Nein, nie.

ZEIT: Aber das ist doch ein natürlicher Gedanke.

Merz: Bei mir nicht. Ich war mitten in einem Prozess, mehrere Dossiers waren fortgeschritten, aber noch keines dort, wo ich es haben wollte. Deshalb hatte ich das Gefühl, ich könnte mich nicht zurückziehen. Und ich sah die Schwierigkeiten, die im Gefolge der Bankenkrise auf uns zukommen werden.

ZEIT: Fünf Tage vor Ihrem Zusammenbruch brach die Bank Lehmann Brothers zusammen.

Merz: Jawohl. Ich habe früher eine Bank und eine Versicherung präsidiert, ich wusste deshalb, dass so ein Zusammenbruch an der Schweiz nicht spurlos vorbeigehen wird.

ZEIT: Trotzdem. Ein Herzstillstand lässt einen doch über die Prioritäten im Leben nachdenken.

Merz: Wieso? Ich habe jetzt einfach fünf Bypässe in mir mit körpereigenem Material. Und ich war vorher fit und bin es jetzt erst recht. Ich habe noch keine Nacht an diesem Herzstillstand herumstudiert. Während der Sommerferien bin ich völlig allein auf Dreitausender gestiegen. Ich hatte keine Sekunde das Gefühl, mir könnte etwas widerfahren. Es ist wichtig, dass man nicht ängstlich wird. Ich habe diese Krankheit einfach weggesteckt.

ZEIT: Sie kennen keine Ängste?

Merz: Physische Ängste kenne ich keine. Ich bin so viel geflogen, dass es eineinhalb Mal auf den Mond gereicht hätte. Ich habe in schwierigen Ländern gelebt, in Bogotá musste ich mich während einer Schießerei in einer Buchhandlung verstecken.

ZEIT: Psychische Ängste haben Sie auch keine?

Merz: Nein. Eher habe ich Angst um andere, etwa um meine Söhne, als sie in der Pubertät waren.

ZEIT: Haben Sie nicht manchmal gedacht: War es wirklich richtig, zurück ins Amt zu kommen?

Merz: Nein. Ich bin bis zum Ende der Legislatur vom Parlament gewählt und ich werde so lange bleiben. Es war richtig, zurückzukommen.

ZEIT: Es gab seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie einen Bundespräsidenten, der ein solches Präsidialjahr durchstehen musste.

MERZ: Ich kam am 3. November zurück, da war erst die UBS-Geschichte virulent. Dass aber der Druck der internationalen Finanzmärkte auf die Schweiz so schnell zunehmen würde, war damals nicht abzusehen. Ja, ich habe ein schwieriges Jahr erwischt. Bis jetzt ist mir nur – touch wood eine Naturkatastrophe erspart geblieben. Bloß, der Orkan Lothar kam damals auch erst am 26. Dezember. Sonst aber ist alles passiert, was passieren konnte. Das war mein annus horribilis.

ZEIT: Und die Welt veränderte sich dramatisch.

Merz: Gewiss. Obama wurde zum Präsidenten der USA gewählt. Ich hatte mit dem Finanzminister von Präsident Bush, Hank Paulson, einen guten Kontakt gehabt. Tim Geithner wurde aber erst im Februar zu seinem Nachfolger bestimmt. Das war ein mehrwöchiges Vakuum. Wenn ich im US-Finanzdepartment anrief, nahm kein Gegenpart ab. Das war in der Angelegenheit UBS fatal.

ZEIT: Auch der Bundesrat veränderte sich.

Merz: Mit Ueli Maurer bekamen wir einen neuen Kollegen. Dann wurde Oswald Sigg als Bundesratssprecher pensioniert, und am 12. Juni gab Pascal Couchepin seinen Rücktritt auf Ende Oktober bekannt. Es war eine permanente Unruhe.

ZEIT: Gesund kann das nicht sein.

Merz: Ich verwende jeweils den Sonntagmorgen dafür, meine Gesundheit zu pflegen. Ich gehe oft wandern im Vorarlberg. Unbewaldete Panoramahügel, wunderschön, es kennt mich niemand.

ZEIT: Sie fühlen sich stark?

Merz: Ja, sehr.

ZEIT: Wie kann man sich stark fühlen, wenn die veröffentlichte Meinung unisono lautet: Merz hat versagt.

Merz: Ganz einfach, weil ich diese Meinung nicht teile. Ich bekam dieses Jahr Tausende von Bürgerbriefen, die mich bestätigen. Wissen Sie, ich habe früher, als ich noch Zeit hatte, viel gelesen, zum Beispiel Jeremias Gotthelf. Der hat die tiefenpsychologischen Beziehungen zwischen dem Volk und der Politik beschrieben. Sie finden dort viele Beispiele, wie die Berner ihre Regierung beschimpft haben. Dieses Schimpfen auf einen Bundesrat ist also nichts Neues.