Die UBS war mal an der Weltspitze, und dorthin soll sie wieder zurück. Das Ziel, das Bankenretter Oswald Grübel in der vergangenen Woche darlegte, ist klar, fassbar, verständlich: 15 Milliarden Franken Gewinn vor Steuern, gegen 20 Prozent Kapitalrendite, die UBS soll wieder größter Vermögensverwalter der Welt sein – und all dies innerhalb der nächsten fünf Jahre. Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt seit Oswald Grübels Start machte die neue Konzernspitze deutlich, dass sie ihren Platz nicht irgendwo im grauen Mittelfeld der Finanzwelt sieht, sondern an der Weltspitze.

Noch mag man es nicht recht glauben. Die Börse quittierte die Vorstellung im hauseigenen Konferenzzentrum Grünenhof mit einem Kursrutsch, und die Experten beurteilten Grübels Ziele fast durchwegs mit Adjektiven wie "sportlich", "ehrgeizig" oder "sehr ehrgeizig" – ein Analyst der US-Bank J. P. Morgan fand sogar die Steigerung "aggressiv". Mit anderen Worten, man stuft die Gefahr, dass Grübels Plan nicht aufgeht, als beträchtlich ein.

Es war Zufall, also Pech, dass die Ratingagentur Moody’s die Großbank nur einen Tag nach der Präsentation herabstufte. Die UBS bekommt für ihre Finanzkraft nur noch die mittelprächtige Note "C" (woran der Ausstieg des Bundes aus der Bank einen erheblichen Anteil hatte). Insgesamt beurteilten die amerikanischen Firmenprüfer den Ratingausblick für die nächsten ein bis zwei Jahre als "negativ". Weitere Rückstufungen sind also möglich. Mit der C-Note wird die "intrinsische finanzielle Stärke" der Bank umschrieben, also die Gefahr, dass die UBS dereinst wieder Hilfe von außen benötigen könnte.

Was gilt jetzt: 15 Milliarden Vorsteuergewinn? Oder eher Hilfe von außen? Beides sind Szenarien, die bislang in der Schweiz kaum angedacht wurden – schließlich wirken solche mittel- und langfristigen Zukunftsdeutungen rasch einmal unseriös, ja frivol. Oswald Grübel wurde zu seiner mutigen oder, besser: gewagten Prognose durch die Verunsicherung der Investoren gezwungen. Es war ein Ausfallschritt. Die jetzt vorgelegten Fernziele wecken Hoffnung, ohne dass die UBS ihre akuten Probleme leugnet; und im Grunde legte der Konzernchef nur ehrlich dar, dass man weiter Geduld braucht mit der Bank, viel Geduld. Der andere Weg jedoch – das Titanic- Szenario – wird höchstens im privaten Kreis und hinter vorgehaltener Hand angesprochen: Und wenn es die UBS doch nicht schafft?

Dabei berichtet die Wirtschaftsgeschichte von vielen Banken, die einmal stolperten und sich nie mehr richtig erholten, die sich einmal strategisch verrannten und danach keinen Weg zurückfanden an die Spitze: Sie verschwanden. First Boston, einst ein führendes Wall-Street-Investmenthaus, blieb nur noch die Flucht unters Dach der Credit Suisse, nachdem es vom Zusammenbruch des Junkbond-Marktes 1989 voll erwischt worden war. Die Londoner Investmentbank S. G. Warburg bezahlte ihre teure und verunglückte Expansion in den amerikanischen Markt mit der Unabhängigkeit – sie wurde 1995 von der damals aufstrebenden Großbank UBS geschluckt. Und auch in der Schweiz verschwanden einst führende Institute wie die Eidgenössische Bank, die Basler Handelsbank und die Volksbank von der Bildfläche, nachdem sie sich im Markt vergriffen hatten. Der Ablauf ähnelt sich oft: Erstens Missgriff, verschärft durch eine allgemeine Krise. Zweitens Neustart. Drittens chronischer Wettbewerbsnachteil. Viertens die Übernahme durch einen Konkurrenten, der sich nicht so verhauen hatte. Und schließlich, meist einige Jahre später, verschwindet auch die Marke. Die Schweizerische Volksbank? War lange das zweitgrößte Finanzinstitut im Land, geriet in der Weltwirtschaftskrise 1933 an den Rand des Zusammenbruchs, musste vom Bund gestützt werden, leitete eine Schrumpfkur ein und konnte dann, in den Wachstumsjahren nach dem Weltkrieg, nie mehr zu Bankverein, Bankgesellschaft und Kreditanstalt aufschließen. Nach Verlusten mit Silbertermingeschäften und im Immobilienmarkt folgte 1993 die Übernahme durch die Credit Suisse. Drei Jahre später war die Marke weg.

Auch bei der Swissair stellte keiner die Frage: Kann das wirklich gut gehen?

Dass die UBS im Hammelrennen der Finanzwelt einen schweren Nachteil hat, ist spätestens seit dem 3. November klar. Denn da hatten fast alle Großbanken stattliche, überraschende, teils sogar verblüffende Gewinne verkündet, die helvetische Schlüssel-Bank indes musste abermals einen 500-Millionen-Franken-Verlust melden; und sie gab bekannt, dass die Kunden weiter Geld abzogen. Das Vertrauen ist also immer noch nicht zurückgekehrt. Insgesamt muss die UBS seit über einem Jahr beinahe in jedem Quartal die Erwartungen enttäuschen, worauf jeweils wieder vorsichtige Hoffnungen aufkeimen – welche dann, wiederum drei Monate später, durch die nächsten offiziellen Zahlen enttäuscht werden.

Heute wird keine europäische Großbank von der Analystengemeinde so selten als gute Kaufgelegenheit eingestuft wie die UBS. Ihr Markenwert, Mitte September erhoben von der Fachagentur Interbrand, sackte so drastisch ab wie bei keinem anderen Milliardenkonzern. Und eine Auswertung von J. P. Morgan ergab, dass die Erträge des UBS-Investmentbanking in den ersten neun Monaten in allen Sektoren im hintersten Bereich aller global tätigen Großbanken lagen.