Als Zarnekow sich im Gemeindesaal umblickt, entweicht seinen Lippen ein Pfiff: keine Konkurrenz. Alles wie immer. Im Gemeindehaus von Anklam ist die Stuhlreihe für Journalisten wieder einmal verwaist. Zarnekow schlägt seinen Block auf. Am runden Holztisch vor ihm werden die Stadtvertreter gleich über Neuwahlen abstimmen. Der Bürgermeister ist suspendiert, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Korruptionsverdachts ermittelt. Trotzdem ist Hartmut Zarnekow vom Nordkurier allein hier. Kein Radioreporter, keiner vom Fernsehen. Niemand.

Im Gemeindehaus ergreift der Fraktionschef der NPD das Wort: »Ich erwarte lückenlose Aufklärung, meine Damen und Herren!« Ein junger tätowierter Parteifreund neben ihm nickt. Die NPD ist hier so stark wie die SPD. Die stärkste Fraktion aber ist eine Partei lokaler Unternehmer, die auch den Bürgermeister stellt. Das ist 17389 Anklam, ein Ort am äußersten Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns. Am Rand der Demokratie.

Der Nordkurier aus dem Neubrandenburger Kurierverlag ist in Anklam die letzte unabhängige Nachrichtenquelle vor Ort. Die Konkurrenz, die Ostseezeitung, hat vor vier Jahren ihr Büro geschlossen – weil es dem Ostseezeitung-Verlag zu teuer wurde. Nur der Anklamer Bote ist auf Wachstumskurs. Inzwischen gibt es auch den Greifswalder Boten, den Boten für Usedom, den Stralsunder Boten . Wie der Anklamer Bote alles Gratisblätter einer NPD-nahen Initiative.

Hartmut Zarnekow und seine drei Kollegen sind die letzten Überlebenden der bürgerlichen Öffentlichkeit in Anklam.

»Die Verdichtung ist schon enorm«, flüstert Zarnekow in seiner Stuhlreihe, während er sich Notizen macht. Hartmut Zarnekow: 52 Jahre, eine Brille mit bunten Bügeln, Jeanshemd, Jeans und Turnschuhe. Rasierapparat und Aftershave auf dem Beifahrersitz seines Autos. 60-Stunden-Woche und fünf Artikel am Tag.

Zarnekow gähnt. Heute früh um acht hat er seinen Wagen über die diesigen Landstraßen zur Redaktion gelenkt, sich mit seiner Grafikerin besprochen und schon einmal drei Artikel vorgeschrieben. Dann ist er noch schnell bei dieser neu ausgehobenen Baugrube vorbeigefahren, um sie zu fotografieren. Bis 22 Uhr wird er seinen Bericht tippen, über diese verdammte Sitzung, die jetzt auch schon zwei Stunden dauert.

»Was muss, das muss«, sagt Zarnekow.

Vier Redakteure produzieren hier in Anklam vier Lokalausgaben und sind manchmal 100 Kilometer für einen Termin unterwegs: von Anklam bis Usedom, von Pasewalk bis Ueckermünde. Wenn mal einer krank wird, wissen sie nicht, wie sie die Seiten füllen sollen. Eine Wirtschaftsseite haben sie schon lange nicht mehr – zu aufwendig zu recherchieren, sagt Zarnekow, zu teuer. Dafür haben sie jetzt eine Babyseite, auf der sie Fotos von den Neugeborenen in der Umgebung drucken.

Sie betreuen nebenher das Lesertelefon, die Abonnenten, das Gewinnspiel. Seitdem der neue Geschäftsführer da ist, heißen sie in Hausmitteilungen nicht mehr Redakteure, sondern Content-Manager.

Die Rechtsradikalen, die neulich Plakatkleber von der FDP verprügelten? »Müsst’ man mal was drüber machen«, murmelt Zarnekow – »nur wann?« Die geschäftlichen Verwicklungen der Unternehmerpartei? »Hör’n Se uff!« Zarnekow winkt resigniert ab. Der suspendierte Bürgermeister wird sich wieder zur Wahl stellen. Er ist haushoher Favorit.

Es ist seltsam. Hartmut Zarnekows Vorgesetzte beim Kurierverlag könnten stolz darauf sein, als Letzte diesen Landstrich nicht aufgegeben zu haben. Doch für sie ist es kein Grund, stolz zu sein, für sie ist es ein Grund zu sparen.

Etwas Grundlegendes geschieht, nicht nur in Anklam, sondern im ganzen Land. In bislang nicht gekanntem Umfang entlassen Zeitungsverlage ihre Leute, schließen ganze Redaktionen, lagern sie aus, ersetzen fest angestellte Redakteure durch billige Leihkräfte. Ein »Revolutionsjahr« nennt es Michael Seidel, der Chefredakteur des Nordkuriers. Über ein »Jahr der großen Transformation« spricht Konstantin Neven DuMont, der Verleger der Berliner Zeitung. Es ist ein Jahr, in dem die Werbeerlöse um schätzungsweise 20 Prozent gesunken sind. Eine der zwei wichtigen Geldquellen der Verlage wurde zum Rinnsal. Die große Frage ist, was bleibt nach diesem Jahr von der Presse übrig? Und wo gibt es trotzdem noch journalistische Erfolgsgeschichten?

Im Schweriner Landtag sitzen oft nur noch drei Journalisten. In Kiel verliest der Ministerpräsident seine Regierungserklärung vor halb leeren Pressebänken. Im Ruhrgebiet hat der WAZ-Konzern Dutzende lokaler Redaktionsbüros geschlossen und sich von 300 seiner 900 Journalisten getrennt. In Hannover baut die Hannoversche Allgemeine Zeitung jede zehnte Stelle ab. In Magdeburg, Chemnitz, Rostock, Mannheim und Berlin will der Springer-Verlag Redaktionen verkleinern. Noch in den fünfziger Jahren gab es in der Bundesrepublik mehr als 624 Zeitungsverlage, heute sind es 353 – obwohl Ostdeutschland hinzukam. In mehr als jedem zweiten deutschen Kreis gibt es nur noch einen Zeitungsverlag: Zuletzt wurden Redaktionen von Lübecker Nachrichten und Ostseezeitung zusammengelegt. Das Monopol wird dazu benutzt, noch mehr zu sparen.

Die Presse soll die Mächtigen kontrollieren, so will es das Grundgesetz, das sie deshalb unter besonderen Schutz stellt. Doch jetzt sieht es so aus, als ob sich die Presse ihrer Freiheit selbst beraubt. Seit Jahren prophezeien Verleger ihrem eigenen Produkt den Tod. Die Zeitung sei »ökonomisch bankrott«, sagte der Zeitungsmogul David Montgomery, eine »sinnlose, egoistische Obsession mit toten Bäumen«. Montgomery hat über 300 Blätter. Warum redet jemand sein eigenes Produkt schlecht?

Die deutschen Tageszeitungen haben innerhalb von zehn Jahren fünf Millionen Käufer verloren; wegen der Wirtschaftskrise schalten die Unternehmen erheblich weniger Anzeigen, Geld, auf das die Verlage angewiesen sind. Und dann gibt es da dieses Problem.

»Das Internet«, sagt Mathias Döpfner, der Chef des Axel Springer Verlags.

»Das Internet«, sagt der Verleger Hubert Burda, der hinter Focus und Bunte steht.

»Das Internet«, sagt Bernd Buchholz, der Vorstandschef von Gruner + Jahr, Deutschlands größtem Zeitschriftenverlag.

»Kostenpflichtiger Universaljournalismus nimmt an Bedeutung ab«, sagt der Medienberater Alexander Kahlmann und meint damit die Zeitungen. Seine Firma hat mehr als hundert von ihnen beraten. Es ist merkwürdig: Auch der Operateur glaubt nicht an das Überleben seiner Patienten.

Aber hat er recht?