Zeitungen und Zeitschriften Deutschland, entblättertSeite 5/5
Ob ihn das wehmütig stimme?
»Hier geht es runter, dort geht es rauf«, sagt er. »Das ist der natürliche Lebenszyklus von Märkten.« Buchholz trifft nicht immer den richtigen Ton.
Am Ende des Gesprächs mit der ZEIT sagt er über seine Branche: »Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.«
Es hat einen Bruch gegeben zwischen Managern, die ein Produkt verkaufen, und Journalisten, die es erarbeiten. Gerade erst haben Redakteure der Magazine stern, Geo und Brigitte einen Brandbrief geschrieben: Der Vorstand habe »allem Anschein nach jedes Vertrauen in die Stärke seiner Print-Produkte verloren«. Um den Verlag zu stärken, müssten die Eigentümer erkennen, dass ihre Renditeerwartungen unrealistisch seien. »Das zu vertreten, hielten wir für eine Aufgabe, die eines Vorstandes würdig wäre.«
»Ehrabschneidend und damit beleidigend« sei der Brief, schrieb Vorstandschef Buchholz zurück. »Wir erwarten Ihre schriftliche oder persönliche Entschuldigung.« Inzwischen hat es einen Krisengipfel gegeben.
Das Büro von Peter-Matthias Gaede ist fast so groß wie das von Bernd Buchholz. Seit 15 Jahren ist er Chefredakteur des Reportagemagazins Geo – keiner, der einen Kampf derer da unten gegen die da oben anführen würde. Vom Ton des Briefes hat er sich distanziert. Es ist einige Wochen her, da sagte er leise und abwägend: »Die Frage ist doch: Ab wann begeht man aus Angst vor dem Tod Selbstmord?«
Geo macht Gewinn, trotzdem muss Gaede ständig neue Sparvorschläge bringen. Trotzdem legen die Geschäftsführer ihm ständig neue Benchmarks vor, die er erreichen soll – die Rentabilität von Kunstmagazinen zum Beispiel, die mit nur sechs Angestellten auskommen. Gaede sagt: »Aber wir berichten nicht über die jährliche Kunstmesse, wir fliegen nach Afghanistan oder zum Rio Negro, wo unvorhergesehene Dinge passieren. Journalismus ist auch ein Abenteuer. Eines, wofür man neben Wissen auch Emphase braucht.«
Gaede kennt noch die Zeit, als Journalisten Businessclass flogen, Whisky tranken und sich aufführten wie der große Zampano. Dahin wolle er nicht zurück, sagt Gaede und fügt etwas Erstaunliches an für einen Mann in seiner Position: Er wünsche sich etwas anderes zurück, er wolle Respekt. Respekt vor den Hauptakteuren in einer Wertschöpfungskette.
Bernd Ziesemer, der Chefredakteur der Wirtschaftszeitung Handelsblatt, die inzwischen zur Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH gehört, wie auch die Hälfte der ZEIT (die andere Hälfte gehört nach wie vor zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck), kann sich sogar richtig aufregen. Er denkt daran, was in früheren Jahren all die Berater und Verlagsmanager von ihm verlangt haben: Auch er wollte nicht unmodern sein, nicht sperrig. Doch jetzt sei ein Punkt erreicht, an dem man sich wehren müsse, sagt Ziesemer in seinem Büro in Düsseldorf.
Wenn die Controller des defizitären Handelsblatts durch die Bilanzen gingen, wollten sie von Ziesemer wissen: Muss das sein? 18 Korrespondenten? Und Ziesemer antwortete ihnen: Ja, in einer global verflochtenen Wirtschaft muss das sein. Man könne, sagt er, den Fall Opel aufschreiben, indem man zu Pressekonferenzen mit der Bundesregierung gehe. Um wirklich etwas herauszufinden, müsse man aber auch in Amerika recherchieren, in Italien, in Russland. Und wenn einer über Josef Ackermann schreiben solle, müsse es ihm vom Arbeitgeber möglich gemacht werden, »eine bürgerliche Existenz zu führen. Er muss Gegenwind aushalten können.«
Unter Verlagsmanagern, sagt er, gebe es aber die weitverbreitete Vorstellung, Journalismus sei, jemandem ein Mikrofon hinzuhalten und seine Sätze abzuschreiben. Dabei sei nichts schwieriger, als exklusive Meldungen über Unternehmen zu recherchieren, Meldungen, die das Unternehmen nicht in der Zeitung lesen will.
Den Rest gegeben habe ihm dieses Meeting mit einer Beraterfirma, die eine Strategie für die Verlagsgruppe Handelsblatt entwerfen wollte. Da warfen Mittdreißiger PowerPoint-Präsentationen an die Wand, deren Kernvorschlag es war, die Redaktion mit der Anzeigenabteilung zu verzahnen. Ziesemer kann es immer noch nicht fassen. »Die hätten wenigstens mal das Pressegesetz lesen können.« Selbst sein Anzeigenleiter war erschüttert.
Weil es schon so lange in ihm gärte, hat Ziesemer im Frühjahr diese Rede gehalten, auf dem Kölner Tag für Wirtschaftsjournalismus. »Wir sind dabei, unseren Berufsstolz zu verlieren«, rief er den versammelten Journalisten zu. »In den Verlagen haben oft kulturelle Analphabeten das Sagen, die schon lange keine Zeitung mehr lesen, aber sich berufen fühlen, uns Journalisten zu erklären, wie man eine Zeitung macht. Sie behandeln uns wie die Bandarbeiter der Lückenfüllproduktion zwischen den Anzeigen. In solche Hände dürfen wir uns nicht begeben!«
Ziesemer ist heute ein Marktliberaler, kein linker Revoluzzer.
Ziesemer und Gaede haben Angst vor dieser Abwärtsspirale: Erst spart man an der Qualität, dann verliert man Leser, dann spart man noch mehr, um die Verluste aufzufangen, und am Ende hat man die Zeitschrift kaputtgespart.
Warum bloß?
Der Spiegel hat im vergangenen Jahr eine seiner erfolgreichsten Auflagen mit seiner Titelgeschichte Der Bankraub erzielt – einer kostspieligen Recherche von acht Reportern, die dokumentieren, wie die weltweite Finanzkrise entstand. Der Daily Telegraph war im Mai 2009 tagelang ausverkauft – 25 Reporter hatten über Wochen die Selbstbedienung britischer Parlamentarier beschrieben.
Warum investieren so wenige in guten Journalismus? In einer Zeit, in der es ein großes Bedürfnis nach Einordnung, kritischer Aufklärung und verlässlicher Information gibt? Warum setzt man nicht auf die ureigensten journalistischen Stärken? Auf Ausdauer und Tiefe?
Wer es tut, wird belohnt: wie die Magazine brand eins und Cicero, die ZEIT, das Jugendmagazin Spiesser, das Wall Street Journal. Wie der Münchner Merkur , der über Jahre seinen Lokalteil stärkte. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Keine Frage, sie alle leiden unter der Krise, bei allen sinken die Gewinne, aber sie verfallen nicht in Panik.
Das Gruner+Jahr-Magazin Neon hat in nur fünf Jahren eine Auflage von 245000 erreicht. Es trifft das Lebensgefühl der Generation. Der Generation der 20- bis 35-Jährigen, jener Altersgruppe, die angeblich für Gedrucktes verloren ist.
Die niederländische Tageszeitung nrc.next hat ihre Auflage dank eigenständiger Themensetzung binnen zwei Jahren beinahe verdoppelt – auch ihre Leser sind im Schnitt jünger als 35.
Und das amerikanische Onlineportal Politico hat mit seiner intelligenten politischen Kommentierung im Schnitt drei Millionen monatliche Leser gefunden. Es schreibt schwarze Zahlen – jetzt, da es auch gedruckt verkauft wird.
- Datum 30.11.2009 - 10:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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Wenn Volk und Meinungsmacher so wie in den letzten Jahren auseinander driften, bleiben die Meinungsmacher eben auf der Strecke. Nicht das Internet ist schuld, sondern der Inhalt der Zeitungen geht den Leuten auf den Keks. Für Propaganda, will man in Zeiten knapper Kassen nicht auch noch bezahlen.
Die Berichte über die Abstimmung in der Schweiz, sowie der mediale Umgang mit Sarrazin, sind da beispielhaft!
"Für Propaganda, will man in Zeiten knapper Kassen nicht auch noch bezahlen."
Müssen Sie doch auch gar nicht - es gibt die Junge Frrrrrreiheit, die Nazional-Zeitung, die Doitsche Stimme... und wenn Ihnen die auch noch zu teuer sind, nur zu, das Internet ist voll von garantiert unverschwulten, nicht dhimmifizierten, absolut propagandafreien Bösmenschen-Portalen, die alle keine Gebühren für ihre unverfälschte Volkswahrheit (tm) nehmen!
"Für Propaganda, will man in Zeiten knapper Kassen nicht auch noch bezahlen."
Müssen Sie doch auch gar nicht - es gibt die Junge Frrrrrreiheit, die Nazional-Zeitung, die Doitsche Stimme... und wenn Ihnen die auch noch zu teuer sind, nur zu, das Internet ist voll von garantiert unverschwulten, nicht dhimmifizierten, absolut propagandafreien Bösmenschen-Portalen, die alle keine Gebühren für ihre unverfälschte Volkswahrheit (tm) nehmen!
Warum sollte das Spiel innerhalb von Verlagen anders laufen, als in der Restrealwirtschaft. Das Minimax-Prinzip regiert seit Jahren, die Investoren wollen "ihr" Geld und der eigentliche Leistungserbringer hat sich zu sputen. Wenn Sie hier ausgerechnet die Brandeins anführen, sollten Sie dabei auch berücksichtigen, dass dort eben nicht ein renditeorientiertes Verlagshaus regiert, dem Inhalt eigentlich völlig gleichgültig ist. Die Brandeins - und auch andere Magazine - arbeiten nicht für Zuhälter, die nur Mietmäuler verkaufen wollen und im Zweifelsfall auf "Leserreporter" zurück greifen.
Unter dem Strich ist die Entlaubung als positiv anzusehen - vor dem Hintergrund, dass journalistisch seriöse Blätter - ob zeitgeistig modern oder klassisch - dennoch eine Zukunft haben, da der Bedarf vorhanden ist.
Lasst sie sterben und pflanzt den eigenen Baum.
Die Brandeins hat genau das übrigens vorgemacht.
Welches Holzmedium glänzt denn noch mit Nutzung der Pressefreiheit (welche noch dazu weltweit abnimmt)?
"Auf dem Spiel steht unsere Meinungsvielfalt" - wie bitte? Die Meinungsvielfalt ist schon lange wirtschaftlichen Zwängen gewichen. Medialer Einheitsbrainwash, kritische Töne werden allenfalls bei den Onlineablegern leise angestimmt - zielgruppenorientierte Produktion nennt man das.
Auch am Wandel der Konnotation des Begriffs "Leitmedium" und am Niedergang ehemals großer, bedeutender Zeitungen kann man den Generationenwechsel erkennen - echte Nachrichten und Diskussionen findet man heute in Blogosphäre, bei Twitter und ambitionierten Schreibern. Online, wo man weder von Anzeigenkunden noch von der Zielvorgabe des Redakteurs und Verlegers abhängig ist.
Trotz des herrschenden Pessimismus verweise ich immer wieder gerne auf das Rieplsche Gesetz, das sich schon oft bewährt hat:
"Eingebürgerte Medien werden niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt […], sondern sich neben diesen erhalten, nur dass sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.“
...dann müsste es heutzutage eigentlich auch noch den einen oder anderen Bänkelsänger geben!
Es ist abzusehen, dass im Zuge des durch Peak Oil und sonstige Rohstoff- und Energieverknappung ausgelösten allgemeinen weltweiten Zusammenbruchs der modernen Zuvielisation auch alles, was man "mediale Öffentlichkeit" nennt, schon recht bald unwiderruflich der Vergangenheit angehören wird.
"tootsie" aus dem Assoziations-Blaster (www.a-blast.de) sieht es zum Beispiel so:
"2025:
Klimaveränderungen führen zu katastrophalen Ernteausfällen. Menschen auf dem Land versorgen sich selbst; in den Städten herrschen Armut und Hunger. Das Gesundheitswesen ist verkümmert. Menschen sterben wieder an Kinderkrankheiten. Wenige kennen die alten Gemüsesorten oder wissen, wie man eine nahrhafte, dicke Suppe aus Steckrüben zubereitet. Internet und Fernsehen funktionieren nicht mehr, Radio hin und wieder. Informationen aus der weiten Welt sind nur noch wenigen zugänglich. Tootsie gehört zu ihnen. Er übersetzt wichtige Dokumente, die von berittenen Boten bei Nacht gebracht werden. "
Auf die Zukunft!
...dann müsste es heutzutage eigentlich auch noch den einen oder anderen Bänkelsänger geben!
Es ist abzusehen, dass im Zuge des durch Peak Oil und sonstige Rohstoff- und Energieverknappung ausgelösten allgemeinen weltweiten Zusammenbruchs der modernen Zuvielisation auch alles, was man "mediale Öffentlichkeit" nennt, schon recht bald unwiderruflich der Vergangenheit angehören wird.
"tootsie" aus dem Assoziations-Blaster (www.a-blast.de) sieht es zum Beispiel so:
"2025:
Klimaveränderungen führen zu katastrophalen Ernteausfällen. Menschen auf dem Land versorgen sich selbst; in den Städten herrschen Armut und Hunger. Das Gesundheitswesen ist verkümmert. Menschen sterben wieder an Kinderkrankheiten. Wenige kennen die alten Gemüsesorten oder wissen, wie man eine nahrhafte, dicke Suppe aus Steckrüben zubereitet. Internet und Fernsehen funktionieren nicht mehr, Radio hin und wieder. Informationen aus der weiten Welt sind nur noch wenigen zugänglich. Tootsie gehört zu ihnen. Er übersetzt wichtige Dokumente, die von berittenen Boten bei Nacht gebracht werden. "
Auf die Zukunft!
Da seit 1993 die etablierten Medien bzw. das Management es in meinen Augen verschlafen hat, neue Erlösmodelle fernab des Vertriebs von Printmedien zu entwicklen, wird es Zeit für etwas Neues. Warum sollen interessierte Leser für verflachte, unkritische redaktionelle Beiträge Geld bezahlen? Es liegt nicht am I-Net, sondern nachwievor am Content. Wo lese ich denn im Jahr 2009 noch kritische Artikel?
Früher zog man als "Printredakteur" mit einem eigenen Fotografen los, heute habe ich Kamera, Videokamera, Laptop und Tonbandgerät in der Hand und liefere Beiträge in Wort, Bild und Ton für einen "Appel und Ei". Klar, ist man als Freelancer selber schuld - aber es gibt immer andere die billiger Artikel liefern und dementsprechend schlecht ist die veröffentliche Qualität...
Egal, ob ich die Süddeutsche,die Zeit oder den Tagesspiegel nehme-es steht inhaltlich überall das Gleiche.
Unabhängige Medien haben wir doch schon seit dem Jugoslawienkrieg nicht mehr (DIE MEDIEN STEHEN STRAMM las ich damals in einer seltenen Zeitung).
Vielleicht sind alle Medien von Springer, Bertelsmann, dem FBI, dem Mossad oder von Scientology unterwandert.
Noch gibt es in einem Treppenhaus in Deutschland mehr unterschiedliche Meinungen als in der usa-domestizierten Medienlandschaft
In Thüringen wurde Herr Lochthofen samt Frau aus der TA entfernt, Herr Koch bestimmt den Inhalt des Zdfs,immmer öfter muß man das Radio abschalten vor lauter englischen Dudelliedern.
Wie wollen Sie im Ausland unter diesen Tatsachen
Demokratie vorzeigen?
Ich habe mein Abonnement des Vereinsblättchens der INSM gekündigt und überweise den eingesparten Betrag an die www.Nachdenkseiten.de
fordern die sterbenden Medien nun auch noch Mittleid für ihre selbstverschuldete Dekadenz?
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