Von Mahatma Gandhi stammt der lapidare Satz: »Geschäft ohne Moral ist eine Sünde wider die Gesellschaft.« Dabei stand das Wort »Geschäft« für die private Wirtschaft insgesamt. Von der gleichen Einsicht getragen war im Jahre 1996 Marion Dönhoffs Rede unter dem Titel »Zivilisiert den Kapitalismus!«. Ein unerhörter Appell! Unerhört in einer doppelten Weise. Denn es war unerhört im Sinne von höchst ungehörig, dass eine anerkannte liberale Autorin – weit entfernt von jeglichem Marxismus – den Kapitalismus unserer Tage frontal angriff. Ihr Appell blieb aber auch in dem anderen Sinne unerhört, dass niemand, kein Politiker, keine Regierung, kein Parlament, auch nur den Versuch gemacht hat, Konsequenzen daraus zu ziehen.

Marion Dönhoff wäre nicht erstaunt gewesen, hätte sie miterlebt, wie es 2008/09 zu einer Weltfinanzkrise und in deren Folge zu einer Weltwirtschaftskrise kam. Noch 1997 hatte sie mit Zwölf Thesen gegen die Maßlosigkeit gewettert, Kapitalismus und Marktwirtschaft, forderte sie, müssten zivilisiert werden, ihnen müssten Grenzen gesetzt werden, denn »Freiheit ohne Selbstbeschränkung, entfesselte Freiheit also, endet auf wirtschaftlichem Gebiet zwangsläufig im Catch-as-catch-can«. Dönhoff hat zwar die zerstörerischen Wirkungen der auf unsinnigen Hoffnungen aufbauenden Spekulationsblase und deren Platzen am Ende des vorigen Jahrhunderts noch miterlebt. Die Weltwirtschaftskrise, ausgelöst vom amerikanischen Finanzkapitalismus, ist ihr jedoch erspart geblieben. 

Marion Dönhoffs späte Thesen waren bereits während der beiden letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gerechtfertigt. Für unser gegenwärtiges Jahrzehnt treffen sie den Nagel auf den Kopf. Dönhoff hat allerdings nicht unterschieden zwischen Industrie- und Handelskapitalismus einerseits und Finanzkapitalismus andererseits. Es ist der Finanzkapitalismus, der im Laufe der vergangenen Jahrzehnte unter Ausnutzung seiner Regellosigkeit in seiner ungebremsten Habgier vor allem in den Finanzzentren New York und London zu einem Raubtierkapitalismus entartet ist.

Es war der raubtierhafte Finanzkapitalismus, dessen Zusammenbruch im Herbst des Jahres 2008 die gesamte Weltwirtschaft mit einer tiefen Rezession und mit der drohenden Möglichkeit einer weltweiten Depression konfrontiert hat. Von China und Japan bis nach Russland, Amerika und Europa mussten die Regierungen viele Banken vor dem Zusammenbruch retten. Vor allem aber haben die nationalen Regierungen und die Zentralbanken in einer in der Weltgeschichte beispiellosen Parallelität durch gewaltige zusätzliche Staatsausgaben und durch zusätzliche Liquidität die Gefahr einer Weltdepression abgewendet.

Doch zur Zähmung des Raubtierkapitalismus ist bisher noch nichts geschehen, was der Erwähnung wert wäre. Und einige Finanzmanager haben bereits ihr altes Spiel wieder aufgenommen; so wird die größte Investmentbank der Welt für 2009 wahrscheinlich 23 Milliarden Dollar als Bonifikationen an ihre Manager ausschütten. Es ist der unzureichend regulierte Finanzkapitalismus, von dem heutzutage die bei Weitem größten Gefahren ausgehen.

Dönhoffs zwölf Thesen haben sich an die Moral des einzelnen Menschen und zugleich der Gesellschaft insgesamt gerichtet. So wichtig und so lebensnotwendig private und öffentliche Moral einer Gesellschaft sind, so wenig kann eine Gesellschaft ohne Gesetze auskommen. Heute ist es dringend geboten, dass die Gesellschaften, vor allem aber die von ihnen gewählten Parlamente und Regierungen zur Zügelung des Raubtierkapitalismus eingreifen.

Seit der Globalisierung aller Märkte, seit der Öffnung Chinas und aller Nachfolgestaaten der Sowjetunion hat sich eine wirkliche Weltwirtschaft entwickelt. An ihr sind fast alle der rund zweihundert Staaten beteiligt, die es auf unserer Erde gibt. Der Güterverkehr zwischen ihnen, vor allem anderen der Verkehr zur See, in der Luft und der Finanzverkehr auf satellitengestütztem elektronischen Wege, hat in den vergangenen zwanzig Jahren in ungeheurem Maße zugenommen. Aber während es im Seeverkehr schon seit zweihundert Jahren ständig verbesserte internationale Verkehrsregeln und Sicherheitsstandards gibt, und im Luftverkehr längst schon ähnliche internationale Regeln und Sicherheitsprüfungen existieren, ist der anschwellende internationale Finanzverkehr praktisch regellos.