Die moralische Lichtgestalt Marion Gräfin Dönhoff, die ihr Leben der Vermittlung ethischer Werte gewidmet hat, war über mehr als ein halbes Jahrhundert das liberale Gesicht der ZEIT. Mit spitzer Feder kämpfte die große Journalistin für Freiheit und Toleranz, für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Ihr 1997 erschienenes Buch Zivilisiert den Kapitalismus war aus heutiger Sicht eine nur zu berechtigte Warnung vor gesellschaftspolitischen Verwerfungen, wie sie jetzt infolge des globalen Finanzcrashs die ganze Welt erschüttern.

Beim Blick von ihrem Olymp muss die Hundertjährige mit ansehen, wie Chaos und Elend auf Erden fortschreiten. Doch da gibt es immerhin einen freudigen Lichtblick für die Unsterbliche: Das Blatt, das nicht zuletzt durch ihre Persönlichkeit Weltgeltung erlangte, trotzt erfolgreich der verbreiteten Endzeitstimmung bei den Printmedien. Die Wochenzeitung, die zu Beginn des Internetzeitalters bei Zwanzig- und Dreißigjährigen als Auslaufmodell gehandelt wurde, ist lebendiger denn je, ist bei jungen Intellektuellen ebenso gefragt wie bei kreativen Werbungtreibenden.

1996 gab es eine Zeitenwende bei der ZEIT, die Marion Dönhoff sorgenvoll stimmte. Ein Jahr nach dem Tode des bedeutenden Gründungsverlegers Gerd Bucerius kam es zum Eigentümerwechsel, einem Ereignis, das Veränderungen in Redaktion und Verlag nach sich zog und das der langjährigen Herausgeberin Disziplin und Toleranz abverlangte.

Die hochbetagte »Gräfin«, wie sie von ihren Kollegen oft respektvoll tituliert wurde, die täglich im Pressehaus erschien (es sei denn, sie befand sich auch im neunten Lebensjahrzehnt auf Europa- oder Fernreisen), musste mancherlei Neuerungen erdulden, die sie für verfehlt ansah: ein neues, später freilich preisgekröntes Layout, das für ihren Geschmack aber zu farbig, zu bebildert war. Ein ganzseitiges Inhaltsverzeichnis, das sie rundum ablehnte: »Man muss das ganze Blatt lesen«, war ihre Meinung dazu. Schließlich große Vertriebskampagnen, die die Gräfin für zu teuer und verzichtbar hielt (»Wer die ZEIT nicht freiwillig und unaufgefordert liest, ist des Blattes nicht würdig«). Und noch einiges andere mehr.

Doch glücklicherweise führten die getroffenen Maßnahmen zu einer erfolgreichen Aufwärtsentwicklung »ihres« Blattes. Marion Dönhoff stellte fest, dass die Jungen, die »Buben«, die ein bis zwei Generationen nach ihr Geborenen, hervorragende Chefredakteure wurden. Ihr Mitherausgeber und Freund Helmut Schmidt, der Erneuerungen grundsätzlich positiv, aber keinesfalls unkritisch gegenübersteht, bestärkte ihre aufkommende Zuversicht. Die damaligen Redaktionschefs Roger de Weck und danach Josef Joffe und Michael Naumann fanden ihr Vertrauen.

Würde dies auch auf den heutigen Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zutreffen? Mit größter Wahrscheinlichkeit: ja. Denn unter seiner Ägide hat die ZEIT gesellschaftspolitischen Wertediskussionen, »ihren« Themen, noch mehr Platz eingeräumt als je zuvor. Eine Hommage zum Hundertsten?