Es ist lohnend, nach Marion Dönhoffs journalistischem Vermächtnis zu fragen – in Zeiten, in denen Teile des politischen Journalismus entschlossen scheinen, sich selbst abzuschaffen. Eine neue Bundesregierung braucht noch nicht einmal im Amt zu sein, bevor sie abgeschrieben wird. Unterinformierte Talkshow-Moderatorinnen »konfrontieren« Minister mit viertelwahren Behauptungen, zu denen diese »ganz konkret« Stellung nehmen sollen, bis sie unterbrochen werden. Zu wenige Journalisten machen die Bedingungen des politischen Handelns sichtbar, erklären beispielsweise, warum ein Koalitionskompromiss zwischen zwei Parteien von der Reinkultur eines Wahlprogramms abweichen darf. Dafür herrscht, besonders in den sogenannten Qualitätsmedien, eine bemerkenswerte Autoren-Eitelkeit, ein Insider-Wettbewerb darum, besonders schön oder scharf oder sarkastisch geschrieben zu haben, oft im Gestus überlegen-neutraler Schiedsrichterei. 

Marion Dönhoff hat uns Methoden und Haltungen beim Schreiben hinterlassen, die Grundlage eines Gegenprogramms sein könnten. Da ist zunächst ihre Positionierung als Autorin im Text. Die Ichform taucht bei ihr erstaunlich häufig auf – zu einer Zeit, als sie bei den Angelsachsen sehr wohl üblich, in deutschen Medien aber verloren gegangen war. Heinrich Heine und natürlich englische Zeitungsautoren wie Charles Dickens hatten im 19. Jahrhundert durchaus »ich« geschrieben, aber es war ein kleines Ich, das sich nicht in den Vordergrund drängte, sondern einfach die Subjektivität des Reporters anzeigen sollte. Dieses kleine Ich benutzt Dönhoff, wenn sie 1984 in Polen unter dem Kriegsrecht den Minister für Wirtschaftsreform nach den veralteten Maschinenparks der Industrie und den Landwirtschaftsminister über die Entwicklung der Geflügelproduktion ausfragt: »Und immer wieder habe ich meinen Gesprächspartnern auch die Frage gestellt, ob die Lage heute besser sei als ›vor der Solidarität‹ – mit anderen Worten, ob doch einiges von dem großen, hoffnungsvollen Aufschwung geblieben ist.« Dönhoffs Autoren-Ich leidet mit den Gutwilligen bei der Überwindung der Apartheid in Südafrika, es staunt über die dörfliche Solidarität in Indien, es versucht, eine Rationalität in der kalten Sozialpolitik Ronald Reagans zu erkennen. Der Leser hat stets das Gefühl, bei einem forschenden, tastenden Gespräch zugegen zu sein. Er bekommt, das war Marion Dönhoff wichtig, die Instrumente und Informationen an die Hand, die er braucht, um sich selbst ein Urteil zu bilden. Ein übergroßes Reporter-Ich ist dazu nicht nötig.

Marion Dönhoff hat wieder und wieder gefordert, Journalisten sollten sich die Voraussetzungen ihrer Arbeit vergegenwärtigen und ihre erkenntnisleitenden Interessen offenlegen. »Was ist Wahrheit?«, schrieb sie in einem Artikel nach der Barschel-Affäre 1987: »Niemand ist ganz frei von Vorurteilen, und kaum einer der Rechercheure, der nicht auf der Jagd nach der Wahrheit – seiner Wahrheit – genau die Spuren entdeckt, die zu finden er ausgezogen war.« Zeit- und Auflagendruck: Regelmäßig thematisierte sie auch die Rahmenbedingungen moderner journalistischer Arbeit, die sich inzwischen weiter verschärft haben. Ihr war klar, dass sie es als Autorin einer Wochenzeitung mit einem wohlwollenden Verleger leichter hatte als viele Kollegen von hastigeren Medien. Aber ihre Beobachtung, dass dieser vielfältige Druck sich negativ auf die Qualität der Berichterstattung auswirke, bleibt richtig. Womöglich wird es für Verleger (auch für die von Online-Erzeugnissen) irgendwann eine Grenznutzenfrage, ob noch mehr Beschleunigung ihr Produkt konkurrenzfähiger – oder einfach unbrauchbar macht.