Es muss vor mehr als dreißig Jahren gewesen sein, als Marion Dönhoff in der Abenddämmerung am Ufer eines baumumgrenzten Sees in der Nähe der Kleinstadt Concord im US-Staat Massachusetts stand. Dreihundert Meter entfernt war der erste Schuss der amerikanischen Revolution gefallen, die amerikanischen Dichter Emerson und Hawthorne hatten hier gewohnt, und Thoreau hatte sein epochales Walden in Concord, aber auch seinen wirkmächtigen Essay Civil Disobedience geschrieben, der in den sechziger Jahren Amerikas Studenten beflügelte. »Marion«, wie der amerikanische Gastgeber sie nennen durfte, »wusste das.« Da flog eine Schar wilder Gänse mit ihrem eigentümlichen Geschrei über den See, und sie brach in Tränen aus. Die längst verlorene und aufgegebene ostpreußische Heimat, ihre weite Landschaft und ihre fast vergessenen Geräusche kehrten (einmal mehr) blitzartig in ihr Gedächtnis zurück – die stets beherrschte, nicht selten kühle Frau, die sich nie gehen ließ, war für einen kurzen, schmerzhaften Moment wieder zu Hause.

^Sie reiste gerne, von Kindheit an. Amerika, das sie oft besuchte und das ihr Vater noch als Reitersmann auf einer abenteuerlichen Exkursion (Konflikte mit Indianern inklusive) erkundet hatte, kannte sie am besten im Umkreis von Cambridge, Washington oder Aspen im US-Staat Colorado. Hier wohnten ihre Geistesfreunde wie Fritz Stern und jene Politiker und Diplomaten wie George Kennan und Henry Kissinger, mit denen sie eine fast lebenslange Korrespondenz führte. Als ihr dieser ZEIT- Korrespondent in Washington 1981 die zauberhaften ehemaligen Plantagen Virginias zeigte, auf denen prachtvolle Pferde (Marion Dönhoff: »Araber«) hinter lang gestreckten weißen Holzgattern geradezu kalenderblattmäßig grasten, schien sie außerordentlich erstaunt, ja beglückt zu sein – auch das ist Amerika. Wie oft hatte sie sich über die hässlichen Ringe von Einkaufszentren, Tankstellen und Fast-Food-Buden, die Amerikas Großstädte belagern, hinaus in das weite Land gewagt?

In die Hauptstadt zurückgekehrt, gab es an jenem Tag ein Abendessen zu Ehren der »Gräfin«. Neben ihr saß der junge stellvertretende US-Außenminister Ken Dam; er kannte Deutschland und die ZEIT. Eindringlich erklärte er Marion Dönhoff den neuen, steinkalten Ton der Reaganschen Außenpolitik. Eine Stunde später, die Gäste waren gegangen, fragte sie ihren Korrespondenten: »Wer war denn der junge Mann?« – »Die Nummer zwei im State Department.« – »Ach, wie schade«, sagte sie, »bei der Landung hat es in meinem linken Ohr einen lauten Knacks gemacht, ich habe auf dem Ohr nichts mehr gehört.« Womöglich lag das aber nicht am fehlerhaften Druckausgleich des Flugzeugs, sondern am politischen Konfrontationskurs Reagans, den sie scharf missbilligte. Marion Dönhoff konnte, wenn sie wollte, auch weghören. 

Ihr Ruf als ambitionierte Porsche-Fahrerin hatte sich in Hamburgs Bußgeldbehörden bereits gefestigt, als sie während einer Fahrt mit ihrem vorübergehenden Verleger aus Reinbek auf einer Autobahn irgendwo in Norddeutschland auf das Tachometer vor ihrem »Fahrer« blickte. Die Nadel stand bei 220 km/h. Die Autorin: »Mein Neffe fährt gewöhnlich 240.« Als auch diese haarsträubende Geschwindigkeit erreicht war, breitete sie die ZEIT in ihrer ganzen Pracht, genannt »Norddeutsches Format«, über das halbe Armaturenbrett aus. Sie war glücklich. Dem Fahrer blieb das Herz stehen. Er vermisst sie.