Das ist ein beglückendes Buch, weil es dieser Leserin einen Menschen zurückbringt, den sie sehr gemocht und geachtet hat. Seine Stimme ist auf einmal wieder ganz gegenwärtig, dank zweier Herausgeber, die der Gräfin nahestanden: Irene Brauer, die letzten 20 Jahre ihre Sekretärin, und Friedrich Dönhoff, ihr Großneffe. Sie haben aus unendlich vielen Akten im Hamburger Pressehaus, aus Kisten im Privatarchiv auf Schloss Crottorf bei Siegen eine Auswahl getroffen, die in ihrem chronologischen Fluss wahrlich »ein Leben in Briefen« erzählt. 

Das Briefeschreiben, bemerkt Marion Dönhoff einmal, »benutze ich ganz gern dazu, mir selbst über irgendetwas klar zu werden, worüber ich sonst geneigt bin hinwegzudenken«. Darin übt sich schon die 16-Jährige (noch in Form des Tagebuchs). Sie ist wütend über sich selbst, weil sie nicht den Mut hat, am Morgen vor ihrer Einsegnung »einen Strich durch alle diese Dinge zu machen, zu sagen, daß ich frei leben und an meinen Gott glauben will, nicht diese Formalitäten unterschreiben, von denen ich doch nichts halte«. Und weiter: »Religion ist doch nur die Erscheinungsform. Es ist eine unerhörte Beschränkung und Verkleinerung des Göttlichen, es in enge Formen zu pressen und von einer allein seligmachenden Religion zu sprechen.« Nun fürchtet sie, dass »man nur noch durchs Leben troddelt«. Daran wird sie ihr Schicksal und ihr unbändiger Wunsch hindern, die Dinge zwischen Erde und Himmel zu verstehen und zu verändern.

»Kann man mehr tun, muß man mehr tun?« Die Frage begleitet sie durch das Leben. Von den »unreifen Gedanken über Gerechtigkeit, Weltordnung und Wahrheit«, mit denen die Studentin »nächtelang gekämpft & gerungen« hat, über den Verlust der Heimat Ostpreußen, die Frage nach der neuen deutschen Ostgrenze, die sie 1959 »bis in meine Träume beschäftigt, schweigen geht nun nicht mehr, und in gewisser Weise wäre es vielleicht an mir, den ersten Schritt zu tun« – bis hin zum tiefen Erschrecken über die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft nach dem Ende des Sozialismus: »Reicht es aus, die Wirtschaft zur Basis und alleinigen Philosophie des Staates zu machen«, wenn alles Denken durch wirtschaftliche Überlegungen absorbiert wird? Welches Bild vom Menschen haben wir, welches System bestimmt unser Leben? Die Antworten der fast Neunzigjährigen finden ein enormes Echo. »Eine Gesellschaft«, davon ist sie überzeugt, »kann nicht ohne einen ethischen Minimalkonsens und der einzelne Mensch nicht ohne metaphysische Bindungen leben.« Das erinnert an eine Passage vorn in diesem Buch, an die letzte Tagebucheintragung der Studentin an der Wende zum Jahr 1932: »Ich glaube, daß wir am Punkt einer Zeitenwende stehen, einer Geisteswende. Denn was ist Wirtschaftskrise, Geldkrise, Währungskrise, gemessen an der Krise des Menschen? (…) Man kann spüren und bemessen, wie es einen allmählich zerfrißt und zerbröckelt.« Wie sie wurde, was sie war, wird sehr deutlich in den Briefen. Aber, und das ist das Faszinierende, sie zeigen sie auch in ihrer Beständigkeit, in ihrem Beharren auf Vernunft und Moral, den einzig wahren preußischen Tugenden.

Irene Brauer/ Friedrich Dönhoff (Hrsg.):
"Marion Gräfin Dönhoff. Ein Leben in Briefen"
Hoffmann und Campe, Hamburg 2009; 303 S., 20,- €

Bücher - eine Auswahl

Namen, die keiner mehr nennt. Ostpreußen – Menschen und Geschichte Diederichs 1962

Amerikanische Wechselbäder DVA 1985

Weit ist der Weg nach Osten DVA 1985

Preußen – Maß und Maßlosigkeit Siedler 1987

Der südafrikanische Teufelskreis DVA 1987

Kindheit in Ostpreußen Siedler 1988 

Polen und Deutsche Luchterhand 1991

Um der Ehre willen. Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli Siedler 1994

Der Effendi wünscht zu beten Siedler 1998

Deutschland, deine Kanzler Siedler 1999

Vier Jahrzehnte politischer Begegnungen Orbis 2001

»Mehr als ich Dir jemals werde erzählen können« Briefwechsel C. J. Burckhardt und Marion Dönhoff Hoffmann und Campe 2007

Die komplette Bibliografie finden Sie hier