Im Galopp über ein Feld der Goldensee-Berge. Auf den Tag genau 68 Jahre später macht sich unsere Autorin auf den Weg der Marion Dönhoff © Piotr Placzkowski/Eastway für DIE ZEIT

Manchmal wissen Menschen etwas, ohne sich dessen bewusst zu sein: mit einer Art Einsicht, die sich im Grunde des Herzens breitmacht, aber noch nicht an die Oberfläche des Verstandes gelangt. Dann klammern sie sich an das, was ist, und geben der aus der Tiefe heraufdrängenden Erkenntnis auf der Handlungsebene keinen Raum – vielleicht aus Furcht vor Veränderung.

Als die Gräfin Marion Dönhoff 1941 mit ihrer Cousine Sissi von Lehndorff fünf Tage lang durch Masuren galoppierte, hat sie – obwohl sie erst dreieinhalb Jahre später ihre Flucht gen Westen würde antreten müssen – bereits tief drinnen gewusst, dass die Heimat für sie verloren war. Der fünftägige Wanderritt führte die beiden jungen Frauen zwischen dem 27. September und dem 1. Oktober an die 200 Kilometer durch die Stille Ostpreußens – von der Stadt Allenstein (nahe dem Dönhoffschen Gut Quittainen) nach Steinort, zum herrlich gelegenen Schloss der Familie Lehndorff. 

Und die Frau auf dem massiven Braunen, Marion Dönhoff, hat diese Reise in einem Tagebuch dokumentiert, hat alle Eindrücke, alle Gedanken notiert, beschrieben die Pracht der unberührten Natur, die Farben der Pflanzen, die Spiegelungen des Lichts, das Schnauben der Pferde, das Trommeln der Hufe auf dem Sandboden Südmasurens. Es muss eine schweigende Landfahrt gewesen sein, jedenfalls hat die Chronik kein einziges Gespräch zwischen den Reiterinnen festgehalten. Dafür jede Begegnung am Wege, jeden atemberaubenden Anblick – in die Seele aufgesogen voll Wehmut und Andacht, so wie man den letzten Worten eines Sterbenden mit besonderer Hingabe lauscht, weil man weiß: Es wird bald nichts mehr kommen, nur noch Stille.

Im Osten und Westen fielen die Soldaten, in der Hauptstadt herrschte ein grausamer Diktator mit seinen Höflingen, im besetzten Polen wurden die ersten Vernichtungslager gebaut. Und in diesem von Schande, Tod und Schmerz bedeckten Deutschland lag Masuren, ein sonniges Stück Natur mit seinen bis an den Horizont reichenden Wiesen, den nicht enden wollenden Wäldern, den Seen und Mooren. Ostpreußen im Herbst 1941, durchdrungen noch nicht vom Donner der Geschütze, sondern vom Brunftgeschrei der Hirsche, überflogen nicht von Kampffliegerstaffeln, sondern bloß von Kranichen in Formation. Es muss ein Ritt in die Entrückung gewesen sein, ein ahnungsvolles Abschreiten des Paradieses vor der Vertreibung. Und die Tagebuchnotizen der Gräfin wurden zur masurischen Elegie.

Ja, dies ist die Zeit des Reifens und der Vollendung und zugleich die Zeit des Abschiednehmens. Wie oft hat man in diesem Sommer Abschied genommen. Wie jung waren sie alle, Vettern, Brüder, Freunde – so vieles bleibt nun unerfüllt, ungetan. Die Natur ist barmherziger: Sie gibt einen langen Sommer zum Reifen und schenkt die Fülle, ehe sie Stück um Stück und Blatt für Blatt wieder zurücknimmt.

Ich muß an die letzte Konfirmation in Quittainen denken. Da standen acht Mädchen in weißen Kleidern und sechs Jungen im ersten blauen Anzug. Ich sah sie nur durch einen Schleier, denn mir wurde plötzlich ganz klar, daß keiner dieser Jungen noch einmal vor diesem Altar stehen würde und daß es das Los der meisten dieser kleinen Mädchen sein werde, allein zu bleiben. Seither nimmt man eigentlich immerfort Abschied, nicht nur von Menschen – von allem, was man liebt: den Wegen, die wir oft geritten sind, den Bäumen, unter denen wir als Kinder spielten, der Landschaft mit ihren Farben, Gerüchen, Erinnerungen.

Auf den Tag genau 68 Jahre später, vom 27. September bis zum 1. Oktober 2009, reiten auch wir durch Masuren, um uns zu erinnern. Noch einmal machen wir uns auf den Weg der Marion Dönhoff – von Allenstein nach Steinort. Kein Abschiedsritt durch ein untergehendes Reich ist das diesmal, sondern ein 200 Kilometer langer Geburtstagsritt durch das alte Ostpreußen der Gräfin – und gleichzeitig durch das moderne Polen.