Marion Dönhoff Masurische Elegie

Mit ihrer Cousine Sissi von Lehndorff ritt Marion Dönhoff 1941 fünf Tage lang durch Ostpreußen. Ihren Weg überschattete die Ahnung, die Heimat könne für immer verloren gehen. Sabine Rückert ist den beiden jungen Frauen gefolgt – zu Pferde.

Im Galopp über ein Feld der Goldensee-Berge. Auf den Tag genau 68 Jahre später macht sich unsere Autorin auf den Weg der Marion Dönhoff

Im Galopp über ein Feld der Goldensee-Berge. Auf den Tag genau 68 Jahre später macht sich unsere Autorin auf den Weg der Marion Dönhoff

Manchmal wissen Menschen etwas, ohne sich dessen bewusst zu sein: mit einer Art Einsicht, die sich im Grunde des Herzens breitmacht, aber noch nicht an die Oberfläche des Verstandes gelangt. Dann klammern sie sich an das, was ist, und geben der aus der Tiefe heraufdrängenden Erkenntnis auf der Handlungsebene keinen Raum – vielleicht aus Furcht vor Veränderung.

Als die Gräfin Marion Dönhoff 1941 mit ihrer Cousine Sissi von Lehndorff fünf Tage lang durch Masuren galoppierte, hat sie – obwohl sie erst dreieinhalb Jahre später ihre Flucht gen Westen würde antreten müssen – bereits tief drinnen gewusst, dass die Heimat für sie verloren war. Der fünftägige Wanderritt führte die beiden jungen Frauen zwischen dem 27. September und dem 1. Oktober an die 200 Kilometer durch die Stille Ostpreußens – von der Stadt Allenstein (nahe dem Dönhoffschen Gut Quittainen) nach Steinort, zum herrlich gelegenen Schloss der Familie Lehndorff. 

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Und die Frau auf dem massiven Braunen, Marion Dönhoff, hat diese Reise in einem Tagebuch dokumentiert, hat alle Eindrücke, alle Gedanken notiert, beschrieben die Pracht der unberührten Natur, die Farben der Pflanzen, die Spiegelungen des Lichts, das Schnauben der Pferde, das Trommeln der Hufe auf dem Sandboden Südmasurens. Es muss eine schweigende Landfahrt gewesen sein, jedenfalls hat die Chronik kein einziges Gespräch zwischen den Reiterinnen festgehalten. Dafür jede Begegnung am Wege, jeden atemberaubenden Anblick – in die Seele aufgesogen voll Wehmut und Andacht, so wie man den letzten Worten eines Sterbenden mit besonderer Hingabe lauscht, weil man weiß: Es wird bald nichts mehr kommen, nur noch Stille.

Im Osten und Westen fielen die Soldaten, in der Hauptstadt herrschte ein grausamer Diktator mit seinen Höflingen, im besetzten Polen wurden die ersten Vernichtungslager gebaut. Und in diesem von Schande, Tod und Schmerz bedeckten Deutschland lag Masuren, ein sonniges Stück Natur mit seinen bis an den Horizont reichenden Wiesen, den nicht enden wollenden Wäldern, den Seen und Mooren. Ostpreußen im Herbst 1941, durchdrungen noch nicht vom Donner der Geschütze, sondern vom Brunftgeschrei der Hirsche, überflogen nicht von Kampffliegerstaffeln, sondern bloß von Kranichen in Formation. Es muss ein Ritt in die Entrückung gewesen sein, ein ahnungsvolles Abschreiten des Paradieses vor der Vertreibung. Und die Tagebuchnotizen der Gräfin wurden zur masurischen Elegie.

Ja, dies ist die Zeit des Reifens und der Vollendung und zugleich die Zeit des Abschiednehmens. Wie oft hat man in diesem Sommer Abschied genommen. Wie jung waren sie alle, Vettern, Brüder, Freunde – so vieles bleibt nun unerfüllt, ungetan. Die Natur ist barmherziger: Sie gibt einen langen Sommer zum Reifen und schenkt die Fülle, ehe sie Stück um Stück und Blatt für Blatt wieder zurücknimmt.

Ich muß an die letzte Konfirmation in Quittainen denken. Da standen acht Mädchen in weißen Kleidern und sechs Jungen im ersten blauen Anzug. Ich sah sie nur durch einen Schleier, denn mir wurde plötzlich ganz klar, daß keiner dieser Jungen noch einmal vor diesem Altar stehen würde und daß es das Los der meisten dieser kleinen Mädchen sein werde, allein zu bleiben. Seither nimmt man eigentlich immerfort Abschied, nicht nur von Menschen – von allem, was man liebt: den Wegen, die wir oft geritten sind, den Bäumen, unter denen wir als Kinder spielten, der Landschaft mit ihren Farben, Gerüchen, Erinnerungen.

Auf den Tag genau 68 Jahre später, vom 27. September bis zum 1. Oktober 2009, reiten auch wir durch Masuren, um uns zu erinnern. Noch einmal machen wir uns auf den Weg der Marion Dönhoff – von Allenstein nach Steinort. Kein Abschiedsritt durch ein untergehendes Reich ist das diesmal, sondern ein 200 Kilometer langer Geburtstagsritt durch das alte Ostpreußen der Gräfin – und gleichzeitig durch das moderne Polen.

Wir sind drei: unsere polnische Führerin Ewa Piórkowscy, die sich – manchmal mithilfe ihres Kompasses – durchs Dickicht der masurischen Wälder kämpft, Klaus Knickrehm, ein befreundeter Berufsreiter, den ich gebeten habe, mich auf Abenteuerfahrt zu begleiten, und ich. Die Pferde, durchtrainierte große Trakehner, haben wir von Ewa geliehen, sie sind feurig und rittig und halten die fünf Tage ohne ein Zeichen von Müdigkeit durch. Die beiden Stuten heißen »Diagnose« und »Dialyse«. Ewa, die Trakehner züchtet, muss bei der Taufe ihrer Pferde ein medizinisches Lexikon zu Hilfe genommen haben. Als sie das hört, lacht sie und sagt in gutem Deutsch, wir sollten froh sein, dass die Mutter der Tiere nicht auch noch dabei sei, die heiße »Demenzia«. Das dritte Pferd – ein junger Wallach, auf dem Klaus sitzt – trägt den Namen »Diesel«.

Ganz abgesehen davon, dass einer, der sich den Dönhoff-Ritt durch Masuren zutraut, im Sattel einigermaßen sicher sein sollte – ein Touristenmagnet ist die Route nicht. Nur wenige Reiter sind die Strecke vollständig abgeritten. Einen davon, den Rechtsanwalt Martin Sichtermann aus dem ostfriesischen Aurich, habe ich vor unserem Start zu Vorbereitungszwecken aufgesucht: Sichtermann, ein historisch interessierter Dönhoff-Verehrer, der schon halb Europa, die Ukraine und die Karpaten auf dem Pferderücken durchmessen hat, legt einen Stapel Alben auf den Tisch. Bei einem Ritt entlang der polnisch-russischen Grenze im Winter 1996 (»1100 Kilometer in 21 Tagen«) habe er zusammen mit seinem polnischen Freund Marek über wodkageschwängertem Tee beschlossen, demnächst Masuren in den Hufabdrücken der Gräfin zu durchqueren. Er, Sichtermann, habe mithilfe von Militärkarten die Strecke nach den Aufzeichnungen der Gräfin exakt rekonstruiert, Marek die Reise dann zwei Jahre später eins zu eins organisiert. »Davon«, warnt Sichtermann, »kann ich nur abraten.«

Die Fotos verdeutlichen, warum. Das Masuren von 1998 ist nicht mehr die Landschaft von 1941. Der Weg der Gräfin existierte schon zu Sichtermanns Zeiten nicht mehr. Wo sie früher auf Sandwegen durch stille Wälder trabte, sind nunmehr Asphaltstraßen durchs Gehölz geschlagen, auf denen der Schwerlastverkehr donnert. Wo einst liebliche Lichtungen zum Absatteln lockten, schrecken Gewerbegebiete und militärische Sperrzonen den Reiter. Die behaglichen Förstereien, in denen Sissi und Marion einst zur Nacht Aufnahme fanden, wo man ihnen Kartoffeln briet und die Pferde fütterte, sind verfallen. Sichtermann zeigt die Bilder der Ruinen: In manchen hatten sich Waldarbeiter einquartiert, die unter ärmlichen Bedingungen hausten. Sie holten ihre Kinder aus dem Bett, um Sichtermann ein Nachtlager anbieten zu können, während sein Freund Marek von weiß der Teufel woher Essen besorgte. Die erkalteten Feuerstellen, die im Freien angepflockten Pferde, die unbegehbaren Sanitäranlagen – alles weit weg von der Bequemlichkeit, welche die jungen Adligen einst umfing.

Der Besuch bei Sichtermann machte klar: Wer die Gemütsregungen der Gräfin auf ihrem Ritt durch die Schönheit Ostpreußens nachfühlen will, sollte nicht den ganzen Tag voll Ärger an die zivilisationsbedingt verunstaltete Umgebung und voll Sorge an die Imponderabilien der nächsten Nacht denken müssen – kurz, er sollte sich nicht sklavisch an die historische Fährte halten. Die Leidenschaft der Tagebuchschreiberin erschließt sich doch vor allem dem, der die Schönheit Masurens findet, der also die Wegstrecke der Gräfin improvisiert und interpretiert.

Zwischen alten Holzhäusern erklimmen wir einen steilen, sandigen Hang, und dann liegt vor uns, in allen Farben leuchtend, der riesige Komplex der südostpreußischen Forsten, in den wir jetzt eintauchen werden. Links ein blauer See, gesäumt von dunklen Fichten, rechts ein paar Kartoffelfeuer, deren Rauchsäule steil zum Himmel ansteigt, wie ein Gott wohlgefälliges Opfer, und davor eine Birke in der letzten Vollkommenheit ihrer herbstlichen Schönheit.

Solche Bilder: das Fallen der Blätter, die blaue Ferne, der Glanz der herbstlichen Sonne über den abgeernteten Feldern, das ist vielleicht das eigentliche Leben. Solche Bilder schaffen mehr Wirklichkeit als alles Tun und Handeln – nicht das Geschehene, das Geschaute formt und verwandelt uns.

Wir halten uns nur phasenweise an den Dönhoffschen Pfad. Ewa hat eine mäandernde Route für uns ausgearbeitet, hat uns und den Pferden Nachtlager in lauschigen Unterkünften am Wege organisiert, die es mit jeder französischen oder deutschen Pension aufnehmen können. Dort biegen sich die Abendbrottische unter den Köstlichkeiten Polens: Brot und Schweinefleisch in allen Varianten, heiße Kartoffeleintöpfe, schwere Salate, Rote Beete und Kraut.

Tagsüber geht es zunächst über sandige oder sumpfige Böden, denen die Landwirte die Ernte abtrotzen müssen, über die sich aber herrlich galoppieren lässt. Wir kommen durch vergessene Dörfer aus schwarz verwitterten Holzhütten und staubigen Straßen, in denen sich nicht viel getan hat, seit die Gräfin sie durchritt. Aus jedem Hof schießt eine Rotte hysterisch kläffender Hunde auf uns los. Auf jeder Erhöhung, jedem First thronen Storchennester. Zur Erntezeit im Sommer folgen manchmal dreißig, vierzig Störche einer einzigen Mähmaschine und vertilgen die aufgescheuchten Amphibien. Wir reiten an trägen Flussläufen entlang und bestaunen das Werk der Biber. Im ehemaligen Ratzeburg (heute Racibórz) übernachten wir beim Förster. Er zeigt uns in seinen vollgestopften Jagdzimmern die Geweihe und Felle der Tiere, die er erlegt hat: Elche, Wildschweine, Otter und sogar Wölfe.

Anderntags reiten wir an einer Bahnlinie entlang in Richtung Osten. Viele Kilometer umgibt uns ein frisch geduschter Mischwald, der in der Herbstsonne funkelt. Das Wetter ist launisch geworden und schickt uns jetzt abwechselnd heftige Schauer und strahlenden Sonnenschein, sodass wir im Halbstundentakt die Regenmäntel ausziehen, zusammenrollen und am Sattel festbinden müssen. Doch das macht uns nichts aus. »Das Glück, hier im Wald zu reiten, ist dasselbe wie vor 70 Jahren!«, ruft Ewa laut von der Tete nach hinten.

Das Forstamt liegt sehr einsam, am Saum einer langen, ringsum von Wald eingefaßten Wiese. Der Vollmond steht darüber, und seine Strahlen bauen über dem aufsteigenden Nebel eine leuchtende Brücke, auf der unsere Gedanken gen Osten wandern. Merkwürdig, zu denken, daß das gleiche Licht, welches die Stille und Einsamkeit dieser Wälder verklärt, über den blutigen Schlachtfeldern Rußlands steht.

Und dann sehen wir den Krieg. Auch die Gräfin hat seinerzeit eine vom Ersten Weltkrieg deformierte Topografie beschrieben, doch die Schützengräben, die uns jetzt kilometerlang durch den Wald begleiten, stammen aus dem Weltkrieg II. Sie ziehen sich an der Bahnlinie entlang und dienten – so vermuten wir – deren Verteidigung gegen die von Norden hereindrückende russische Streitmacht. Polnische Zwangsarbeiter haben sie ausgehoben, darunter Ewas Schwiegervater, der als 16-Jähriger mit vorgehaltener Pistole von den Deutschen zum Schaufeln gezwungen wurde, bis er mit einer Lungenentzündung zusammenbrach.

Es wimmelt von Wällen, Schanzen und verfallenen Flakstellungen. Der Wald ist förmlich erfüllt vom imaginären Echo der Maschinengewehrsalven. Aus den überwucherten Grundmauern eines zerstörten Ortes zeigt einsam der verbliebene Kirchturm in den Himmel. Das polnische Militär hat das Geisterdorf nach dem Krieg als Truppenübungsplatz benutzt, und weil keiner der katholischen Soldaten sich traute, auf den Turm eines Gotteshauses zu schießen, ragt er bis heute fast unbeschädigt aus einer Baumgruppe.

Als wir bei Kurwick im Wald rasten wollen, entdecken wir einen verfallenen und überwucherten deutschen Friedhof. Er ist eingezäunt, und manche Gräber sind tatsächlich mit Plastikblumen oder ewigen Lichtern geschmückt, deren Flammen der Wind ausgeblasen hat. Allzu lang kann der letzte Trauerbesuch trotzdem nicht zurückliegen. Wer mag hier der toten Deutschen gedenken? Die meisten Grabsteine sind nicht mehr zu entziffern, aber dass der dreijährige Albert 1926 von seinen untröstlichen Eltern an diesem Ort bestattet wurde, kann der Wanderer einer bemoosten Inschrift noch entnehmen.

Langsam geht es gen Norden, in Richtung Nikolaiken. Auf dieser Strecke hat schon die Gräfin (durchaus Wert legend auf ihren »antizivilisatorischen Hochmut«) die »scheußlich belebten« Asphaltstraßen und die sich am Wege entlangschwingenden Telefonleitungen beklagt. Wir haben es weit schwerer, müssen uns mit tänzelnden Pferden am Zügel zu Fuß durch gigantische Baustellen schlängeln, weil in Ruciane (Niedersee) die zentrale Brücke samt ihren Zufahrten erneuert wird. Bagger schwenken drohend ihre Schaufeln gegen uns, gewaltige Maschinen lassen den Boden beben und die Luft vibrieren, und tonnenschwere Lkw rumpeln ungebremst an uns vorbei. Als wir endlich an den Beldahnsee gelangen, bin ich schweißgebadet.

Auch jetzt dürfen wir der gräflichen Route – die Damen bummelten immer hübsch am Wasser entlang – nicht folgen, denn die Halbinsel, die hinaufreicht bis zur Fähre, ist heute Naturschutzgebiet. Vier oder fünf Herden kleiner Wildpferde wurden hier angesiedelt, und wer ihren Lebensraum durchqueren will, braucht eine Sondergenehmigung aus Warschau. Die haben wir, dank Ewas Bemühungen. Doch ist es uns verboten, von der Straße abzugehen, auch weil die ausgewilderten Leithengste berüchtigt sind für ihre Angriffslust. Gott sei Dank begegnen wir in der Dämmerung keinem Pferderudel.

In der Tat ist es nicht nur die Globalisierung mit ihrer alles in Mitleidenschaft ziehenden Infrastruktur, die dem Reiter des 21. Jahrhunderts europaweit Schikanen in den Weg legt, auch der kleine Bruder des Fortschritts, der Umweltschutz, hindert ihn, wo er kann. Dreißig Forstämter haben ihre Zustimmung erteilen müssen, damit unsere drei Trakehner die Wälder Nordostpolens durchtraben dürfen. Die Welt ist nicht mehr für Pferde gemacht. Zu der Zeit, als die Gräfin hier vorbeikam, war diese kraftvolle Kreatur noch ein ganz selbstverständliches Transport- und Fortbewegungsmittel, sie hatte ihren Sinn, ihren Platz in der Zivilisation. Heute ist sie Sportgerät, Wohlstandssymbol, Folklorekitsch.

Tags darauf stehen wir mit unseren Tieren früh morgens an der Fähre, die uns von der Landzunge wieder aufs Festland tragen soll. Es ist kalt geworden. Vor uns der schilfbestandene See, in dem sich blau der Himmel spiegelt. Auf den Spitzen der Kiefern gegenüber liegt das erste Rosa der Morgensonne, aprikosenfarbene Wolken treiben darüber weg, und die Fischadler schrauben sich ins blanke Firmament. Und doch beginnt der Tag mit Ärger: Der Fährmann, der Ewa fest versprochen hatte, uns zeitig überzusetzen, erscheint nicht. Volle zwei Stunden lässt er uns mit den zappeligen Pferden vor der vertäuten Barke warten. Seine Verspätung ist nicht ungefährlich für uns, denn jetzt werden wir unser nächstes Etappenziel, die Alte Schmiede in Przykop (Pognaten), erst spätabends, also in der Dunkelheit, erreichen. Die Fähre ist in staatlicher Hand, und unser Fährmann scheint es darauf anzulegen, den Vorurteilen gegenüber polnischen Staatsbetrieben gerecht zu werden. Schließlich taucht er auf und schippert uns mürrisch und wortkarg hinüber.

Gegen Mittag erreichen wir das Marion-Dönhoff-Lyzeum, das nach der Gräfin benannte Privatgymnasium in Nikolaiken. Es ist inzwischen in einen (auch mithilfe der ZEIT- und der Dönhoff Stiftung finanzierten) Neubau eingezogen, der mit großen Fenstern am Stadtrand steht. Die Kinder haben Pause, sie strömen heraus und bestaunen unsere Tiere. Die Direktorin Kazimiera Dosbrowska steht auf den Stufen und freut sich über den Besuch. Sie führt uns in der Eingangshalle zur immerwährenden Ausstellung über die Namenspatronin – mit Bronzebüste, Fotos, Zeitungsartikeln und Autograf. An der Wand in Deutsch und Polnisch ihr berühmtes Bekenntnis: »Vielleicht ist dies der höchste Grad der Liebe: zu lieben, ohne zu besitzen«.

Es ist der letzte Satz aus dem Buch Kindheit in Ostpreußen, das Marion Gräfin Dönhoff 1988 geschrieben hat. In ihm liegt ihr ganzer Verzicht auf die alte Heimat, und Ewa sagt leise zu mir: »Für diese Worte lieben wir sie.« Die Direktorin erzählt, wie die Gräfin von der Gründung der Schule 1993 bis zu ihrem Tode jedes Jahr im Mai anreiste, um den polnischen Abiturienten die Zeugnisse zu überreichen – unbeirrbar festhaltend an ihrem Bemühen um Freundschaft mit dem Nachbarvolk. Das Dönhoff-Lyzeum ist sehr angesehen in Masuren, auch weil fast 100 Prozent der Schüler das Abitur bestehen. Fremdsprachen sind Englisch und Deutsch. Die Direktorin öffnet eine der Deutschklassen. Bei unserem Eintreten stehen die Kinder auf und sagen im Chor: »Guten Morgen!«

Der Forstmeister und seine Frau sprechen etwas herablassend über die hiesige Bevölkerung, vorwiegend wohl deshalb, weil die Leute so ganz ohne Bedürfnis und ohne Ehrgeiz sind. Es ist offenbar schwierig, sie zur Arbeit zu bringen, weil ihnen der Antrieb des Verdienenwollens vollkommen fehlt. Sie tun grundsätzlich nur soviel, wie nötig ist, um gerade eben den Lebensunterhalt zusammenzubringen – ein, wie ich finde, höchst sympathischer Zug. (...) Ich empfinde eine große Zärtlichkeit für dieses karge Land und seine barfüßige Bevölkerung. Merkwürdig übrigens, wie die Lebensgewohnheiten dieser östlichen Völker, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, überall die gleichen sind. Von Litauen bis hinunter zum Balkan findet man überall die gleichen Bilder: ausgewachsene Männer, die tagaus, tagein nichts anderes tun, als mit einer armseligen Kuh umherzuziehen und sie am Wald- oder Wegesrand zu hüten. Der Forstmeister erzählte, er hätte im vorigen Jahr bei einem Bauern 40 Zentner Kartoffeln bestellt, sie aber nie erhalten. Der Mann, daraufhin zur Rede gestellt, sagte nur: »Wenn ich soll alles auf einmal verkaufen, womit ich gehen dann auf Markt?«

68 Jahre später ist von solch lethargischer – und letztlich depressiver – Haltung in der Bevölkerung Polens nichts zu spüren. Wir sehen nicht einen tatenlos am Straßenrand stehen. Vielleicht gibt es heute weniger Verzagte und Resignierte hier, weil eine Perspektive hat, wer anpackt und wer sich etwas zutraut. Das Feudalsystem der adligen Großgrundbesitzer ist überwunden, die lähmende Planwirtschaft mit ihren Kolchosen abgeschafft – wer kann, nimmt sein Schicksal selbst in die Hand. So wie unsere Führerin Ewa Piórkowscy und deren Mann Tadeusz, die uns vorkommen wie die Protagonisten des polnischen Aufschwungs. Sie sind um die vierzig und platzen förmlich vor Zuversicht und Tatkraft. Ewa führt neben der Pferdezucht einen Reitbetrieb und ein hübsches Hotel in Sasek Maly, das noch Paterschobensee hieß, als die Gräfin hier Rast machte. Ihr Mann bewirtschaftet einen Bauernhof mit 500 Hektar Boden, sie halten 300 Rinder, dazu Geflügel, Schweine, Hunde. Obendrein haben sie vier Kinder und jede Menge Angestellte. Ewa und Tadeusz arbeiten so unermüdlich, dass sie telefonisch kaum zu erreichen sind, und sie haben es mit ihrer Tüchtigkeit – und großzügigen EU-Zuschüssen – inzwischen zu Wohlstand gebracht.

Mit den Menschen hat sich das Land verändert. Die Unterstützung der Europäischen Union entfaltet hier – so kommt es uns vor – die Wirkung eines Marshallplans. An vielen Autobahnbrücken, aber auch an den schönsten Höfen und größten Betrieben sehen wir das blaue Emblem mit dem Sternenkreis prangen, als Zeichen, dass hier mit der Anschubkraft aus Europa gewirtschaftet wird. Ein »sinkendes Schiff« hat die Gräfin ihr Ostpreußen einst genannt. Heute sind die Segel dieses Landes neu gesetzt und bauschen sich in einer steifen Brise, die aus Westen weht, die nach Aufbruch riecht und nach Zukunft. Wir galoppieren über fette Erde, über abgeerntete Felder von solch endlosen Dimensionen, dass wir uns nach Amerika versetzt fühlen: Ein einziges reicht an den Horizont und darüber hinaus. Selbst Klaus Knickrehm, der östlich von Hamburg nicht nur einen Reitstall, sondern auch einen großen Hof mit ausgedehnten Flächen hat, gehen die Augen über.

Die Strecke zwischen Spirdingsee und Löwentinsee ist wohl die schönste auf unserem Ritt. Sanft hügelig entrollt sich die Weite vor uns im Herbstlicht, mit kleinen Gehöften und bunten Baumgruppen. Über ihr türmen sich Kumuluswolken, die in der Ferne abregnen, während wir in der Sonne gehen. Herden schwarzbunter Kühe begleiten uns jeweils ein Stück, brüllend jenseits des Stacheldrahts. Wir und unsere Trakehner schmausen winzige Birnen, die wir von Bäumen rupfen, die herrenlos am Wegesrand stehen und unter ihrer Last ächzen.

Und dann – vielleicht ist das der Höhepunkt dieser Tage – steht plötzlich ein riesiger goldgelber Ahorn vor uns. Er steht auf einem leicht gewölbten Hügel, vor dem leuchtend verklärten Himmel: Anfang und Ende, Erfüllung und Sehnsucht, Frage und Antwort, alles zugleich. Er steht dort wie der Baum der Erkenntnis.

Reiten kann ein transzendentes Erlebnis sein, ganz besonders in der Klarheit Masurens. Das hat die sonst eher nüchterne Gräfin erfahren, und uns geht es nicht anders. Wer sich von einem so vollendeten Geschöpf wie einem Pferd durch die Natur tragen lässt, ist immer irgendwie auf dem Weg zu einer höheren Wahrheit. Die Sonne versinkt, und uns bietet sich am Himmelszelt ein einzigartiges Schauspiel: Die westliche Hälfte mit ihren abenteuerlichen Wolkenfiguren ist von den abendlichen Strahlen noch rot beschienen, während von Osten her schon die Nacht heraufzieht, in deren Schwärze einsam die Mondsichel schwimmt. Der Anblick ist so ungeheuerlich, so berauschend, dass wir singen und jauchzen und lachen. Und vor lauter Freude gar nicht merken, dass wir im schwindenden Licht vorübergehend vom Wege abgekommen sind.

 
Leser-Kommentare
  1. Hierzu wäre für manchen Leser ein von Michael Stuermer im letzten Jahr veröffentlichter Artikel interessant. Nicht nur Chronisten kommen beim Lesen die Tränen. Der Autor konzentriert sich auf historische Fakten der frühen Anfänge bis zum tragischen Untergang der preußischen Provinzen, und das Erstaunliche, ohne die übliche Schuldzuweisung: "Ihr habt die Hand zum Hitlergruß gehoben, das habt ihr verdient, den Verlust Eurer Heimat, Kultur und Geschichte, den grausamen Tod in den vereisten Gewässern des baltischen Meeres." Es ist ein kleiner Schritt in der aufklärenden Richtung des seit Jahrzehnten andauernden Heilungsprozesses eines trauernden Volkes.
    In ihrem Band NAMEN, DIE KEINER MEHR NENNT (Ostpreussen - Menschen und Geschichte) erinnert Gräfin Dönhoff an das Land, das seit dem Deutschen Orden im hohen Mittelalter eine eigene Kultur und Sprache hatte. An einer anderen Stelle schreibt sie: "Wenn ich die Augen aufmache, sehe ich den blauen Himmel und davor die weissen Stämme der jungen Birken. Von Zeit zu Zeit löst sich ein Blatt und fällt leise zur Erde. Mir kommen die Hofmannsthalschen Verse in den Sinn: 'Wenn in der lauen Sommerabendfeier durch goldene Luft ein Blatt herabgeschwebt, hat dich mein Wehen angeschauert, das traumhaft um die reifen Dinge webt'. Ja, dies ist die Zeit des Reifens und der Vollendung und zugleich die Zeit des Abschiednehmens.
    http://www.welt.de/wams_p...

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    • Lieps
    • 29.11.2009 um 23:09 Uhr

    hiermit möchte ich Frau Gudula Behm, heute Bürgerin der USA,
    für ihr großes Engagement herzlich danken.
    Besser, als ich es kann, sollen deshalb ihre Worte stehen:
    " Es ist traurig, daß in Deutschland seit Ende des 2. Weltkrieges jahrzehntelang die irrige Meinung einer deutschen Kollektivschuld an den Vergehen während der Hitlerzeit vorherrschte, schlimmer als in Übersee. "Die Deutschen sind Täter und keine Opfer!", so ähnlich die Parole. Der Mensch wirft doch seine fundamentalen moralischen Werte, die ihm in die Wiege gelegt werden, die ihm seine Vorfahren vorgelebt haben und auf deren Grundlage er selber lebt, nicht mir-nichts-dir-nichts für 12 Jahre in den Müll, um sie danach wieder herauszufischen. Wir können und müssen in dieser neuen, offenen, hoffnungsvollen Welt alle friedlich miteinander leben; dabei ist aber auf allen Seiten die Grundlage der Wahrhaftigkeit unerläßlich."
    Ich habe diesen Worten nur noch hinzuzufügen. Ich finde es mehr als bemerkenswert, dass eine Autorin, welche seit jahrzehnten in den USA lebt, die deutsche Sprache so beherrscht, dass jeder deutsche Journalist eigentlich den Hut ziehen müßte. Ich hoffe sehr, dass die Autorin mir die Veröffentlichung ihrer eigentlich privaten E-Mail, nachsieht.
    Was die Frage Preußen betrifft. Dazu habe ich in mehreren
    Beiträgen und Kommentaren Stellung bezogen.
    Es bleibt die Heimat. Daran kann niemand und nirgends etwas
    ändern.

    Lieps

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    • 29.11.2009 um 23:09 Uhr

    hiermit möchte ich Frau Gudula Behm, heute Bürgerin der USA,
    für ihr großes Engagement herzlich danken.
    Besser, als ich es kann, sollen deshalb ihre Worte stehen:
    " Es ist traurig, daß in Deutschland seit Ende des 2. Weltkrieges jahrzehntelang die irrige Meinung einer deutschen Kollektivschuld an den Vergehen während der Hitlerzeit vorherrschte, schlimmer als in Übersee. "Die Deutschen sind Täter und keine Opfer!", so ähnlich die Parole. Der Mensch wirft doch seine fundamentalen moralischen Werte, die ihm in die Wiege gelegt werden, die ihm seine Vorfahren vorgelebt haben und auf deren Grundlage er selber lebt, nicht mir-nichts-dir-nichts für 12 Jahre in den Müll, um sie danach wieder herauszufischen. Wir können und müssen in dieser neuen, offenen, hoffnungsvollen Welt alle friedlich miteinander leben; dabei ist aber auf allen Seiten die Grundlage der Wahrhaftigkeit unerläßlich."
    Ich habe diesen Worten nur noch hinzuzufügen. Ich finde es mehr als bemerkenswert, dass eine Autorin, welche seit jahrzehnten in den USA lebt, die deutsche Sprache so beherrscht, dass jeder deutsche Journalist eigentlich den Hut ziehen müßte. Ich hoffe sehr, dass die Autorin mir die Veröffentlichung ihrer eigentlich privaten E-Mail, nachsieht.
    Was die Frage Preußen betrifft. Dazu habe ich in mehreren
    Beiträgen und Kommentaren Stellung bezogen.
    Es bleibt die Heimat. Daran kann niemand und nirgends etwas
    ändern.

    Lieps

    • Lieps
    • 29.11.2009 um 23:09 Uhr

    hiermit möchte ich Frau Gudula Behm, heute Bürgerin der USA,
    für ihr großes Engagement herzlich danken.
    Besser, als ich es kann, sollen deshalb ihre Worte stehen:
    " Es ist traurig, daß in Deutschland seit Ende des 2. Weltkrieges jahrzehntelang die irrige Meinung einer deutschen Kollektivschuld an den Vergehen während der Hitlerzeit vorherrschte, schlimmer als in Übersee. "Die Deutschen sind Täter und keine Opfer!", so ähnlich die Parole. Der Mensch wirft doch seine fundamentalen moralischen Werte, die ihm in die Wiege gelegt werden, die ihm seine Vorfahren vorgelebt haben und auf deren Grundlage er selber lebt, nicht mir-nichts-dir-nichts für 12 Jahre in den Müll, um sie danach wieder herauszufischen. Wir können und müssen in dieser neuen, offenen, hoffnungsvollen Welt alle friedlich miteinander leben; dabei ist aber auf allen Seiten die Grundlage der Wahrhaftigkeit unerläßlich."
    Ich habe diesen Worten nur noch hinzuzufügen. Ich finde es mehr als bemerkenswert, dass eine Autorin, welche seit jahrzehnten in den USA lebt, die deutsche Sprache so beherrscht, dass jeder deutsche Journalist eigentlich den Hut ziehen müßte. Ich hoffe sehr, dass die Autorin mir die Veröffentlichung ihrer eigentlich privaten E-Mail, nachsieht.
    Was die Frage Preußen betrifft. Dazu habe ich in mehreren
    Beiträgen und Kommentaren Stellung bezogen.
    Es bleibt die Heimat. Daran kann niemand und nirgends etwas
    ändern.

    Lieps

    Antwort auf "Unvergessenes Preussen"
  2. was spricht gegen die These, "Die Deutschen sind Täter und keine Opfer!" Weil -unter uns- hätte es deutsche Opfer ohne vorherige Täterschaft der Deutschen gegeben. Nun mögen Sie den Begriff "der Deutschen" anzweifeln, weil er alle einschließt... Für diesen Fall, Gegenfrage: wo war sie denn, die Massenerhebung gegen Hitler, ein 17. Juni oder ein 1989?

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    • Lieps
    • 30.11.2009 um 14:40 Uhr

    ich bin gegen eine Schuldaufrechnung, weiß genau was die Nazis
    im Namen Deutschlands angerichtet haben.
    Bedenken Sie aber bitte, dass es polnische Repressalien gegen die deutsche Zivilbevölkerung bereits vor dem 01.September 1939 gegeben hat. Warum sind denn wohl so viele Deutsche vor Kriegsausbruch aus Polen geflüchtet? Es hat Fälle gegeben, dass Bauern deutscher Nationalität erschossen worden sind, nur weil sie sich gegen den Raub ihres Viehs gewährt haben.
    Es ist absolut falsch alle Deutschen als Täter zu bezeichnen.
    Was konnten die vielen umgekommenen Kinder dafür. Waren sie auch Täter?
    Haben sie jemals in einer Diktatur gelebt? Die des Proletariats oder der Nazis? Dann dürften Sie wohl wissen, wie schwer eine Massenerhebung ist.

    Lieps

    • Lieps
    • 30.11.2009 um 14:40 Uhr

    ich bin gegen eine Schuldaufrechnung, weiß genau was die Nazis
    im Namen Deutschlands angerichtet haben.
    Bedenken Sie aber bitte, dass es polnische Repressalien gegen die deutsche Zivilbevölkerung bereits vor dem 01.September 1939 gegeben hat. Warum sind denn wohl so viele Deutsche vor Kriegsausbruch aus Polen geflüchtet? Es hat Fälle gegeben, dass Bauern deutscher Nationalität erschossen worden sind, nur weil sie sich gegen den Raub ihres Viehs gewährt haben.
    Es ist absolut falsch alle Deutschen als Täter zu bezeichnen.
    Was konnten die vielen umgekommenen Kinder dafür. Waren sie auch Täter?
    Haben sie jemals in einer Diktatur gelebt? Die des Proletariats oder der Nazis? Dann dürften Sie wohl wissen, wie schwer eine Massenerhebung ist.

    Lieps

    • Lieps
    • 30.11.2009 um 14:40 Uhr

    ich bin gegen eine Schuldaufrechnung, weiß genau was die Nazis
    im Namen Deutschlands angerichtet haben.
    Bedenken Sie aber bitte, dass es polnische Repressalien gegen die deutsche Zivilbevölkerung bereits vor dem 01.September 1939 gegeben hat. Warum sind denn wohl so viele Deutsche vor Kriegsausbruch aus Polen geflüchtet? Es hat Fälle gegeben, dass Bauern deutscher Nationalität erschossen worden sind, nur weil sie sich gegen den Raub ihres Viehs gewährt haben.
    Es ist absolut falsch alle Deutschen als Täter zu bezeichnen.
    Was konnten die vielen umgekommenen Kinder dafür. Waren sie auch Täter?
    Haben sie jemals in einer Diktatur gelebt? Die des Proletariats oder der Nazis? Dann dürften Sie wohl wissen, wie schwer eine Massenerhebung ist.

    Lieps

    Antwort auf "Werter Herr Liebs,"
  3. können wir es dabei bewenden lassen?

    http://www.bundestag.de/k...

    ?

    Ähnlich auch:

    http://www.auswaertiges-a...

    Frdl. Gruß
    Pf.

  4. Feierliche Beteuerungen sind nur dann glaubhaft und ernst zu nehmen, wenn ihnen entsprechende Taten folgen. Leider ist das auf polnischer Seite noch nicht so. Ein Beispiel, vielleicht von vielen, ist der Fall Sarnowa (Rawicz-Sarnowa). Nach verläßlichen Zeugenaussagen soll dort eine ungenaue Zahl deutscher Bürger nach Kriegsende unberechtigt und geheim hingerichtet worden sein. Warum, glauben Sie, sperrt man sich in Polen überall, angefangen bei den entsprechenden Stadtoffiziellen über die katholische Kirche, Versöhnungsorganisationen, das IPN bis hin zu Herrn Kardinal Glemp mit fadenscheinigen Ausflüchten gegen jedwede Untersuchung und Klärung der mutmaßlichen Erschießungen? In dem hier verlinkten Manifest wiederholen die Bischöfe Worte, die sie bereits 1965 zum Ausdruck gebracht haben: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." In Fällen wie Sarnowa (Sarne) müssen aber zunächst Untersuchung, Klärung und eine mögliche Bekennung zur Schuld stattfinden ehe man von Vergebung sprechen kann. Warum ist man in Polen im Gegensatz zu Deutschland noch immer nicht gewillt nachweisbare an Deutschen verübte Verbrechen aufzuarbeiten?

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    • Lieps
    • 01.12.2009 um 10:09 Uhr

    Ein Gedicht meines Freundes Dr. Wolfgang Köpp.

    Wiedergefunden

    Nur von fern ein Gedanke,
    nur verdämmernd ein Bild,
    nur Erinnnerung, zaghaft,
    verschwommen.
    Ein Dorf nur, ein Eichbaum,
    die Zeit so wild –
    was macht mir mein Herz
    so beklommen?

    Ein Brief aus dem Osten
    auf polnisch verfaßt,
    zerknittert und kaum zu lesen.
    Ein Junge schrieb mir
    In fremder Schrift
    auf einem einzigen
    dünnen Blatt:
    ich sei doch im Dorf
    jüngst gewesen.

    Der Junge aus Pommern,
    so alt wie einst ich,
    er hat mich
    vor Wochen begleitet -
    und hat, anfangs schüchtern,
    dann munterer - mich
    durch mein Heimatdorf
    geleitet.

    Das war erst so fremd,
    lag so abweisend da.
    Wir schienen uns
    nicht mehr zu kennen.
    Denn was Harmelsdorf
    immer gewesen,
    das hieß nun plötzlich
    „Rutwica“.
    Ich hab es mit Schmerzen
    gelesen.

    Da kam dieser Junge,
    bot mir leise den Tag.
    Ich verstand –
    und ging mit ihm die Straßen.
    Auch wenn ich’s schwer
    zu deuten vermag,
    so konnt‘ ich die Heimat
    erfassen.

    Kaum scheele Blicke,
    manch freundlicher Gruß,
    der Duft der Kartoffelfelder.
    Der See –so bekannt,
    mir stockte der Fuß –
    und rings
    die schweigenden Wälder.

    Das Herz plötzlich weit,
    tief atmend die Brust,
    die vorher
    noch so beklommen.
    Und ich suchte -
    und fand -
    und entdeckte die Lust,
    in die Heimat
    zurückzukommen.

    Wie schmerzlich vermißt,
    erst wenn es verlor’n,
    ein Gut so kostbar uns dünkt,
    daß die Wehmut
    und Trauer,
    aufs Neue gebor’n,
    ins stumme Bewußtsein
    dringt.

    Doch nicht drohend
    geklagt!
    Nicht greinend
    verzagt!
    Nicht laut!
    Nicht still
    ergeben!
    Den Blick
    Hoch erhoben -
    und deutlich gesagt:
    Die Heimat bleibt
    In uns leben!
    Wolfgang Köpp

    • Lieps
    • 01.12.2009 um 10:09 Uhr

    Ein Gedicht meines Freundes Dr. Wolfgang Köpp.

    Wiedergefunden

    Nur von fern ein Gedanke,
    nur verdämmernd ein Bild,
    nur Erinnnerung, zaghaft,
    verschwommen.
    Ein Dorf nur, ein Eichbaum,
    die Zeit so wild –
    was macht mir mein Herz
    so beklommen?

    Ein Brief aus dem Osten
    auf polnisch verfaßt,
    zerknittert und kaum zu lesen.
    Ein Junge schrieb mir
    In fremder Schrift
    auf einem einzigen
    dünnen Blatt:
    ich sei doch im Dorf
    jüngst gewesen.

    Der Junge aus Pommern,
    so alt wie einst ich,
    er hat mich
    vor Wochen begleitet -
    und hat, anfangs schüchtern,
    dann munterer - mich
    durch mein Heimatdorf
    geleitet.

    Das war erst so fremd,
    lag so abweisend da.
    Wir schienen uns
    nicht mehr zu kennen.
    Denn was Harmelsdorf
    immer gewesen,
    das hieß nun plötzlich
    „Rutwica“.
    Ich hab es mit Schmerzen
    gelesen.

    Da kam dieser Junge,
    bot mir leise den Tag.
    Ich verstand –
    und ging mit ihm die Straßen.
    Auch wenn ich’s schwer
    zu deuten vermag,
    so konnt‘ ich die Heimat
    erfassen.

    Kaum scheele Blicke,
    manch freundlicher Gruß,
    der Duft der Kartoffelfelder.
    Der See –so bekannt,
    mir stockte der Fuß –
    und rings
    die schweigenden Wälder.

    Das Herz plötzlich weit,
    tief atmend die Brust,
    die vorher
    noch so beklommen.
    Und ich suchte -
    und fand -
    und entdeckte die Lust,
    in die Heimat
    zurückzukommen.

    Wie schmerzlich vermißt,
    erst wenn es verlor’n,
    ein Gut so kostbar uns dünkt,
    daß die Wehmut
    und Trauer,
    aufs Neue gebor’n,
    ins stumme Bewußtsein
    dringt.

    Doch nicht drohend
    geklagt!
    Nicht greinend
    verzagt!
    Nicht laut!
    Nicht still
    ergeben!
    Den Blick
    Hoch erhoben -
    und deutlich gesagt:
    Die Heimat bleibt
    In uns leben!
    Wolfgang Köpp

    • Lieps
    • 01.12.2009 um 10:09 Uhr

    Ein Gedicht meines Freundes Dr. Wolfgang Köpp.

    Wiedergefunden

    Nur von fern ein Gedanke,
    nur verdämmernd ein Bild,
    nur Erinnnerung, zaghaft,
    verschwommen.
    Ein Dorf nur, ein Eichbaum,
    die Zeit so wild –
    was macht mir mein Herz
    so beklommen?

    Ein Brief aus dem Osten
    auf polnisch verfaßt,
    zerknittert und kaum zu lesen.
    Ein Junge schrieb mir
    In fremder Schrift
    auf einem einzigen
    dünnen Blatt:
    ich sei doch im Dorf
    jüngst gewesen.

    Der Junge aus Pommern,
    so alt wie einst ich,
    er hat mich
    vor Wochen begleitet -
    und hat, anfangs schüchtern,
    dann munterer - mich
    durch mein Heimatdorf
    geleitet.

    Das war erst so fremd,
    lag so abweisend da.
    Wir schienen uns
    nicht mehr zu kennen.
    Denn was Harmelsdorf
    immer gewesen,
    das hieß nun plötzlich
    „Rutwica“.
    Ich hab es mit Schmerzen
    gelesen.

    Da kam dieser Junge,
    bot mir leise den Tag.
    Ich verstand –
    und ging mit ihm die Straßen.
    Auch wenn ich’s schwer
    zu deuten vermag,
    so konnt‘ ich die Heimat
    erfassen.

    Kaum scheele Blicke,
    manch freundlicher Gruß,
    der Duft der Kartoffelfelder.
    Der See –so bekannt,
    mir stockte der Fuß –
    und rings
    die schweigenden Wälder.

    Das Herz plötzlich weit,
    tief atmend die Brust,
    die vorher
    noch so beklommen.
    Und ich suchte -
    und fand -
    und entdeckte die Lust,
    in die Heimat
    zurückzukommen.

    Wie schmerzlich vermißt,
    erst wenn es verlor’n,
    ein Gut so kostbar uns dünkt,
    daß die Wehmut
    und Trauer,
    aufs Neue gebor’n,
    ins stumme Bewußtsein
    dringt.

    Doch nicht drohend
    geklagt!
    Nicht greinend
    verzagt!
    Nicht laut!
    Nicht still
    ergeben!
    Den Blick
    Hoch erhoben -
    und deutlich gesagt:
    Die Heimat bleibt
    In uns leben!
    Wolfgang Köpp

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    Antwort auf "Manifest der Bischöfe"
  5. Hilde Domin, die große deutsche Dichterin jüdischer Herkunft, in Köln geboren, Mutter, Schwester, Tochter aller Gefüchteten und Vertriebenen. Sie kannte den Schmerz um die verlorene Heimat, den Kampf um eine neue Existenz im Exil, die leere, kalte, trostlose Fremde. Am Schlüssel zur Rückkehr hielt sie fest mit Herz und Hand doch nicht ohne Zagen, nicht ohne sorgenvolle Fragen.

    Hausschlüssel, von Hilde Domin

    Wir halten sie fest

    diese Schlüssel,

    wir reisen mit ihnen

    wir Ausgewiesenen

    auch wir.

    Das Herz, deine alte

    Wohnung,

    hat hellerleuchtete Fenser,

    die Gesichter drinnen

    sind fremd.

    Nur im Traum

    könntest du einreten

    mit diesen Schlüsseln,

    die im Wachen so schwer

    in den Händen wiegen.

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