Marion Dönhoff Masurische ElegieSeite 5/5

68 Jahre später ist von solch lethargischer – und letztlich depressiver – Haltung in der Bevölkerung Polens nichts zu spüren. Wir sehen nicht einen tatenlos am Straßenrand stehen. Vielleicht gibt es heute weniger Verzagte und Resignierte hier, weil eine Perspektive hat, wer anpackt und wer sich etwas zutraut. Das Feudalsystem der adligen Großgrundbesitzer ist überwunden, die lähmende Planwirtschaft mit ihren Kolchosen abgeschafft – wer kann, nimmt sein Schicksal selbst in die Hand. So wie unsere Führerin Ewa Piórkowscy und deren Mann Tadeusz, die uns vorkommen wie die Protagonisten des polnischen Aufschwungs. Sie sind um die vierzig und platzen förmlich vor Zuversicht und Tatkraft. Ewa führt neben der Pferdezucht einen Reitbetrieb und ein hübsches Hotel in Sasek Maly, das noch Paterschobensee hieß, als die Gräfin hier Rast machte. Ihr Mann bewirtschaftet einen Bauernhof mit 500 Hektar Boden, sie halten 300 Rinder, dazu Geflügel, Schweine, Hunde. Obendrein haben sie vier Kinder und jede Menge Angestellte. Ewa und Tadeusz arbeiten so unermüdlich, dass sie telefonisch kaum zu erreichen sind, und sie haben es mit ihrer Tüchtigkeit – und großzügigen EU-Zuschüssen – inzwischen zu Wohlstand gebracht.

Mit den Menschen hat sich das Land verändert. Die Unterstützung der Europäischen Union entfaltet hier – so kommt es uns vor – die Wirkung eines Marshallplans. An vielen Autobahnbrücken, aber auch an den schönsten Höfen und größten Betrieben sehen wir das blaue Emblem mit dem Sternenkreis prangen, als Zeichen, dass hier mit der Anschubkraft aus Europa gewirtschaftet wird. Ein »sinkendes Schiff« hat die Gräfin ihr Ostpreußen einst genannt. Heute sind die Segel dieses Landes neu gesetzt und bauschen sich in einer steifen Brise, die aus Westen weht, die nach Aufbruch riecht und nach Zukunft. Wir galoppieren über fette Erde, über abgeerntete Felder von solch endlosen Dimensionen, dass wir uns nach Amerika versetzt fühlen: Ein einziges reicht an den Horizont und darüber hinaus. Selbst Klaus Knickrehm, der östlich von Hamburg nicht nur einen Reitstall, sondern auch einen großen Hof mit ausgedehnten Flächen hat, gehen die Augen über.

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Die Strecke zwischen Spirdingsee und Löwentinsee ist wohl die schönste auf unserem Ritt. Sanft hügelig entrollt sich die Weite vor uns im Herbstlicht, mit kleinen Gehöften und bunten Baumgruppen. Über ihr türmen sich Kumuluswolken, die in der Ferne abregnen, während wir in der Sonne gehen. Herden schwarzbunter Kühe begleiten uns jeweils ein Stück, brüllend jenseits des Stacheldrahts. Wir und unsere Trakehner schmausen winzige Birnen, die wir von Bäumen rupfen, die herrenlos am Wegesrand stehen und unter ihrer Last ächzen.

Und dann – vielleicht ist das der Höhepunkt dieser Tage – steht plötzlich ein riesiger goldgelber Ahorn vor uns. Er steht auf einem leicht gewölbten Hügel, vor dem leuchtend verklärten Himmel: Anfang und Ende, Erfüllung und Sehnsucht, Frage und Antwort, alles zugleich. Er steht dort wie der Baum der Erkenntnis.

Reiten kann ein transzendentes Erlebnis sein, ganz besonders in der Klarheit Masurens. Das hat die sonst eher nüchterne Gräfin erfahren, und uns geht es nicht anders. Wer sich von einem so vollendeten Geschöpf wie einem Pferd durch die Natur tragen lässt, ist immer irgendwie auf dem Weg zu einer höheren Wahrheit. Die Sonne versinkt, und uns bietet sich am Himmelszelt ein einzigartiges Schauspiel: Die westliche Hälfte mit ihren abenteuerlichen Wolkenfiguren ist von den abendlichen Strahlen noch rot beschienen, während von Osten her schon die Nacht heraufzieht, in deren Schwärze einsam die Mondsichel schwimmt. Der Anblick ist so ungeheuerlich, so berauschend, dass wir singen und jauchzen und lachen. Und vor lauter Freude gar nicht merken, dass wir im schwindenden Licht vorübergehend vom Wege abgekommen sind.

 
Leser-Kommentare
  1. Hierzu wäre für manchen Leser ein von Michael Stuermer im letzten Jahr veröffentlichter Artikel interessant. Nicht nur Chronisten kommen beim Lesen die Tränen. Der Autor konzentriert sich auf historische Fakten der frühen Anfänge bis zum tragischen Untergang der preußischen Provinzen, und das Erstaunliche, ohne die übliche Schuldzuweisung: "Ihr habt die Hand zum Hitlergruß gehoben, das habt ihr verdient, den Verlust Eurer Heimat, Kultur und Geschichte, den grausamen Tod in den vereisten Gewässern des baltischen Meeres." Es ist ein kleiner Schritt in der aufklärenden Richtung des seit Jahrzehnten andauernden Heilungsprozesses eines trauernden Volkes.
    In ihrem Band NAMEN, DIE KEINER MEHR NENNT (Ostpreussen - Menschen und Geschichte) erinnert Gräfin Dönhoff an das Land, das seit dem Deutschen Orden im hohen Mittelalter eine eigene Kultur und Sprache hatte. An einer anderen Stelle schreibt sie: "Wenn ich die Augen aufmache, sehe ich den blauen Himmel und davor die weissen Stämme der jungen Birken. Von Zeit zu Zeit löst sich ein Blatt und fällt leise zur Erde. Mir kommen die Hofmannsthalschen Verse in den Sinn: 'Wenn in der lauen Sommerabendfeier durch goldene Luft ein Blatt herabgeschwebt, hat dich mein Wehen angeschauert, das traumhaft um die reifen Dinge webt'. Ja, dies ist die Zeit des Reifens und der Vollendung und zugleich die Zeit des Abschiednehmens.
    http://www.welt.de/wams_p...

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    • Lieps
    • 29.11.2009 um 23:09 Uhr

    hiermit möchte ich Frau Gudula Behm, heute Bürgerin der USA,
    für ihr großes Engagement herzlich danken.
    Besser, als ich es kann, sollen deshalb ihre Worte stehen:
    " Es ist traurig, daß in Deutschland seit Ende des 2. Weltkrieges jahrzehntelang die irrige Meinung einer deutschen Kollektivschuld an den Vergehen während der Hitlerzeit vorherrschte, schlimmer als in Übersee. "Die Deutschen sind Täter und keine Opfer!", so ähnlich die Parole. Der Mensch wirft doch seine fundamentalen moralischen Werte, die ihm in die Wiege gelegt werden, die ihm seine Vorfahren vorgelebt haben und auf deren Grundlage er selber lebt, nicht mir-nichts-dir-nichts für 12 Jahre in den Müll, um sie danach wieder herauszufischen. Wir können und müssen in dieser neuen, offenen, hoffnungsvollen Welt alle friedlich miteinander leben; dabei ist aber auf allen Seiten die Grundlage der Wahrhaftigkeit unerläßlich."
    Ich habe diesen Worten nur noch hinzuzufügen. Ich finde es mehr als bemerkenswert, dass eine Autorin, welche seit jahrzehnten in den USA lebt, die deutsche Sprache so beherrscht, dass jeder deutsche Journalist eigentlich den Hut ziehen müßte. Ich hoffe sehr, dass die Autorin mir die Veröffentlichung ihrer eigentlich privaten E-Mail, nachsieht.
    Was die Frage Preußen betrifft. Dazu habe ich in mehreren
    Beiträgen und Kommentaren Stellung bezogen.
    Es bleibt die Heimat. Daran kann niemand und nirgends etwas
    ändern.

    Lieps

    • Lieps
    • 29.11.2009 um 23:09 Uhr

    hiermit möchte ich Frau Gudula Behm, heute Bürgerin der USA,
    für ihr großes Engagement herzlich danken.
    Besser, als ich es kann, sollen deshalb ihre Worte stehen:
    " Es ist traurig, daß in Deutschland seit Ende des 2. Weltkrieges jahrzehntelang die irrige Meinung einer deutschen Kollektivschuld an den Vergehen während der Hitlerzeit vorherrschte, schlimmer als in Übersee. "Die Deutschen sind Täter und keine Opfer!", so ähnlich die Parole. Der Mensch wirft doch seine fundamentalen moralischen Werte, die ihm in die Wiege gelegt werden, die ihm seine Vorfahren vorgelebt haben und auf deren Grundlage er selber lebt, nicht mir-nichts-dir-nichts für 12 Jahre in den Müll, um sie danach wieder herauszufischen. Wir können und müssen in dieser neuen, offenen, hoffnungsvollen Welt alle friedlich miteinander leben; dabei ist aber auf allen Seiten die Grundlage der Wahrhaftigkeit unerläßlich."
    Ich habe diesen Worten nur noch hinzuzufügen. Ich finde es mehr als bemerkenswert, dass eine Autorin, welche seit jahrzehnten in den USA lebt, die deutsche Sprache so beherrscht, dass jeder deutsche Journalist eigentlich den Hut ziehen müßte. Ich hoffe sehr, dass die Autorin mir die Veröffentlichung ihrer eigentlich privaten E-Mail, nachsieht.
    Was die Frage Preußen betrifft. Dazu habe ich in mehreren
    Beiträgen und Kommentaren Stellung bezogen.
    Es bleibt die Heimat. Daran kann niemand und nirgends etwas
    ändern.

    Lieps

    • Lieps
    • 29.11.2009 um 23:09 Uhr

    hiermit möchte ich Frau Gudula Behm, heute Bürgerin der USA,
    für ihr großes Engagement herzlich danken.
    Besser, als ich es kann, sollen deshalb ihre Worte stehen:
    " Es ist traurig, daß in Deutschland seit Ende des 2. Weltkrieges jahrzehntelang die irrige Meinung einer deutschen Kollektivschuld an den Vergehen während der Hitlerzeit vorherrschte, schlimmer als in Übersee. "Die Deutschen sind Täter und keine Opfer!", so ähnlich die Parole. Der Mensch wirft doch seine fundamentalen moralischen Werte, die ihm in die Wiege gelegt werden, die ihm seine Vorfahren vorgelebt haben und auf deren Grundlage er selber lebt, nicht mir-nichts-dir-nichts für 12 Jahre in den Müll, um sie danach wieder herauszufischen. Wir können und müssen in dieser neuen, offenen, hoffnungsvollen Welt alle friedlich miteinander leben; dabei ist aber auf allen Seiten die Grundlage der Wahrhaftigkeit unerläßlich."
    Ich habe diesen Worten nur noch hinzuzufügen. Ich finde es mehr als bemerkenswert, dass eine Autorin, welche seit jahrzehnten in den USA lebt, die deutsche Sprache so beherrscht, dass jeder deutsche Journalist eigentlich den Hut ziehen müßte. Ich hoffe sehr, dass die Autorin mir die Veröffentlichung ihrer eigentlich privaten E-Mail, nachsieht.
    Was die Frage Preußen betrifft. Dazu habe ich in mehreren
    Beiträgen und Kommentaren Stellung bezogen.
    Es bleibt die Heimat. Daran kann niemand und nirgends etwas
    ändern.

    Lieps

    Antwort auf "Unvergessenes Preussen"
  2. was spricht gegen die These, "Die Deutschen sind Täter und keine Opfer!" Weil -unter uns- hätte es deutsche Opfer ohne vorherige Täterschaft der Deutschen gegeben. Nun mögen Sie den Begriff "der Deutschen" anzweifeln, weil er alle einschließt... Für diesen Fall, Gegenfrage: wo war sie denn, die Massenerhebung gegen Hitler, ein 17. Juni oder ein 1989?

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    • Lieps
    • 30.11.2009 um 14:40 Uhr

    ich bin gegen eine Schuldaufrechnung, weiß genau was die Nazis
    im Namen Deutschlands angerichtet haben.
    Bedenken Sie aber bitte, dass es polnische Repressalien gegen die deutsche Zivilbevölkerung bereits vor dem 01.September 1939 gegeben hat. Warum sind denn wohl so viele Deutsche vor Kriegsausbruch aus Polen geflüchtet? Es hat Fälle gegeben, dass Bauern deutscher Nationalität erschossen worden sind, nur weil sie sich gegen den Raub ihres Viehs gewährt haben.
    Es ist absolut falsch alle Deutschen als Täter zu bezeichnen.
    Was konnten die vielen umgekommenen Kinder dafür. Waren sie auch Täter?
    Haben sie jemals in einer Diktatur gelebt? Die des Proletariats oder der Nazis? Dann dürften Sie wohl wissen, wie schwer eine Massenerhebung ist.

    Lieps

    • Lieps
    • 30.11.2009 um 14:40 Uhr

    ich bin gegen eine Schuldaufrechnung, weiß genau was die Nazis
    im Namen Deutschlands angerichtet haben.
    Bedenken Sie aber bitte, dass es polnische Repressalien gegen die deutsche Zivilbevölkerung bereits vor dem 01.September 1939 gegeben hat. Warum sind denn wohl so viele Deutsche vor Kriegsausbruch aus Polen geflüchtet? Es hat Fälle gegeben, dass Bauern deutscher Nationalität erschossen worden sind, nur weil sie sich gegen den Raub ihres Viehs gewährt haben.
    Es ist absolut falsch alle Deutschen als Täter zu bezeichnen.
    Was konnten die vielen umgekommenen Kinder dafür. Waren sie auch Täter?
    Haben sie jemals in einer Diktatur gelebt? Die des Proletariats oder der Nazis? Dann dürften Sie wohl wissen, wie schwer eine Massenerhebung ist.

    Lieps

    • Lieps
    • 30.11.2009 um 14:40 Uhr

    ich bin gegen eine Schuldaufrechnung, weiß genau was die Nazis
    im Namen Deutschlands angerichtet haben.
    Bedenken Sie aber bitte, dass es polnische Repressalien gegen die deutsche Zivilbevölkerung bereits vor dem 01.September 1939 gegeben hat. Warum sind denn wohl so viele Deutsche vor Kriegsausbruch aus Polen geflüchtet? Es hat Fälle gegeben, dass Bauern deutscher Nationalität erschossen worden sind, nur weil sie sich gegen den Raub ihres Viehs gewährt haben.
    Es ist absolut falsch alle Deutschen als Täter zu bezeichnen.
    Was konnten die vielen umgekommenen Kinder dafür. Waren sie auch Täter?
    Haben sie jemals in einer Diktatur gelebt? Die des Proletariats oder der Nazis? Dann dürften Sie wohl wissen, wie schwer eine Massenerhebung ist.

    Lieps

    Antwort auf "Werter Herr Liebs,"
  3. können wir es dabei bewenden lassen?

    http://www.bundestag.de/k...

    ?

    Ähnlich auch:

    http://www.auswaertiges-a...

    Frdl. Gruß
    Pf.

  4. Feierliche Beteuerungen sind nur dann glaubhaft und ernst zu nehmen, wenn ihnen entsprechende Taten folgen. Leider ist das auf polnischer Seite noch nicht so. Ein Beispiel, vielleicht von vielen, ist der Fall Sarnowa (Rawicz-Sarnowa). Nach verläßlichen Zeugenaussagen soll dort eine ungenaue Zahl deutscher Bürger nach Kriegsende unberechtigt und geheim hingerichtet worden sein. Warum, glauben Sie, sperrt man sich in Polen überall, angefangen bei den entsprechenden Stadtoffiziellen über die katholische Kirche, Versöhnungsorganisationen, das IPN bis hin zu Herrn Kardinal Glemp mit fadenscheinigen Ausflüchten gegen jedwede Untersuchung und Klärung der mutmaßlichen Erschießungen? In dem hier verlinkten Manifest wiederholen die Bischöfe Worte, die sie bereits 1965 zum Ausdruck gebracht haben: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." In Fällen wie Sarnowa (Sarne) müssen aber zunächst Untersuchung, Klärung und eine mögliche Bekennung zur Schuld stattfinden ehe man von Vergebung sprechen kann. Warum ist man in Polen im Gegensatz zu Deutschland noch immer nicht gewillt nachweisbare an Deutschen verübte Verbrechen aufzuarbeiten?

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    • Lieps
    • 01.12.2009 um 10:09 Uhr

    Ein Gedicht meines Freundes Dr. Wolfgang Köpp.

    Wiedergefunden

    Nur von fern ein Gedanke,
    nur verdämmernd ein Bild,
    nur Erinnnerung, zaghaft,
    verschwommen.
    Ein Dorf nur, ein Eichbaum,
    die Zeit so wild –
    was macht mir mein Herz
    so beklommen?

    Ein Brief aus dem Osten
    auf polnisch verfaßt,
    zerknittert und kaum zu lesen.
    Ein Junge schrieb mir
    In fremder Schrift
    auf einem einzigen
    dünnen Blatt:
    ich sei doch im Dorf
    jüngst gewesen.

    Der Junge aus Pommern,
    so alt wie einst ich,
    er hat mich
    vor Wochen begleitet -
    und hat, anfangs schüchtern,
    dann munterer - mich
    durch mein Heimatdorf
    geleitet.

    Das war erst so fremd,
    lag so abweisend da.
    Wir schienen uns
    nicht mehr zu kennen.
    Denn was Harmelsdorf
    immer gewesen,
    das hieß nun plötzlich
    „Rutwica“.
    Ich hab es mit Schmerzen
    gelesen.

    Da kam dieser Junge,
    bot mir leise den Tag.
    Ich verstand –
    und ging mit ihm die Straßen.
    Auch wenn ich’s schwer
    zu deuten vermag,
    so konnt‘ ich die Heimat
    erfassen.

    Kaum scheele Blicke,
    manch freundlicher Gruß,
    der Duft der Kartoffelfelder.
    Der See –so bekannt,
    mir stockte der Fuß –
    und rings
    die schweigenden Wälder.

    Das Herz plötzlich weit,
    tief atmend die Brust,
    die vorher
    noch so beklommen.
    Und ich suchte -
    und fand -
    und entdeckte die Lust,
    in die Heimat
    zurückzukommen.

    Wie schmerzlich vermißt,
    erst wenn es verlor’n,
    ein Gut so kostbar uns dünkt,
    daß die Wehmut
    und Trauer,
    aufs Neue gebor’n,
    ins stumme Bewußtsein
    dringt.

    Doch nicht drohend
    geklagt!
    Nicht greinend
    verzagt!
    Nicht laut!
    Nicht still
    ergeben!
    Den Blick
    Hoch erhoben -
    und deutlich gesagt:
    Die Heimat bleibt
    In uns leben!
    Wolfgang Köpp

    • Lieps
    • 01.12.2009 um 10:09 Uhr

    Ein Gedicht meines Freundes Dr. Wolfgang Köpp.

    Wiedergefunden

    Nur von fern ein Gedanke,
    nur verdämmernd ein Bild,
    nur Erinnnerung, zaghaft,
    verschwommen.
    Ein Dorf nur, ein Eichbaum,
    die Zeit so wild –
    was macht mir mein Herz
    so beklommen?

    Ein Brief aus dem Osten
    auf polnisch verfaßt,
    zerknittert und kaum zu lesen.
    Ein Junge schrieb mir
    In fremder Schrift
    auf einem einzigen
    dünnen Blatt:
    ich sei doch im Dorf
    jüngst gewesen.

    Der Junge aus Pommern,
    so alt wie einst ich,
    er hat mich
    vor Wochen begleitet -
    und hat, anfangs schüchtern,
    dann munterer - mich
    durch mein Heimatdorf
    geleitet.

    Das war erst so fremd,
    lag so abweisend da.
    Wir schienen uns
    nicht mehr zu kennen.
    Denn was Harmelsdorf
    immer gewesen,
    das hieß nun plötzlich
    „Rutwica“.
    Ich hab es mit Schmerzen
    gelesen.

    Da kam dieser Junge,
    bot mir leise den Tag.
    Ich verstand –
    und ging mit ihm die Straßen.
    Auch wenn ich’s schwer
    zu deuten vermag,
    so konnt‘ ich die Heimat
    erfassen.

    Kaum scheele Blicke,
    manch freundlicher Gruß,
    der Duft der Kartoffelfelder.
    Der See –so bekannt,
    mir stockte der Fuß –
    und rings
    die schweigenden Wälder.

    Das Herz plötzlich weit,
    tief atmend die Brust,
    die vorher
    noch so beklommen.
    Und ich suchte -
    und fand -
    und entdeckte die Lust,
    in die Heimat
    zurückzukommen.

    Wie schmerzlich vermißt,
    erst wenn es verlor’n,
    ein Gut so kostbar uns dünkt,
    daß die Wehmut
    und Trauer,
    aufs Neue gebor’n,
    ins stumme Bewußtsein
    dringt.

    Doch nicht drohend
    geklagt!
    Nicht greinend
    verzagt!
    Nicht laut!
    Nicht still
    ergeben!
    Den Blick
    Hoch erhoben -
    und deutlich gesagt:
    Die Heimat bleibt
    In uns leben!
    Wolfgang Köpp

    • Lieps
    • 01.12.2009 um 10:09 Uhr

    Ein Gedicht meines Freundes Dr. Wolfgang Köpp.

    Wiedergefunden

    Nur von fern ein Gedanke,
    nur verdämmernd ein Bild,
    nur Erinnnerung, zaghaft,
    verschwommen.
    Ein Dorf nur, ein Eichbaum,
    die Zeit so wild –
    was macht mir mein Herz
    so beklommen?

    Ein Brief aus dem Osten
    auf polnisch verfaßt,
    zerknittert und kaum zu lesen.
    Ein Junge schrieb mir
    In fremder Schrift
    auf einem einzigen
    dünnen Blatt:
    ich sei doch im Dorf
    jüngst gewesen.

    Der Junge aus Pommern,
    so alt wie einst ich,
    er hat mich
    vor Wochen begleitet -
    und hat, anfangs schüchtern,
    dann munterer - mich
    durch mein Heimatdorf
    geleitet.

    Das war erst so fremd,
    lag so abweisend da.
    Wir schienen uns
    nicht mehr zu kennen.
    Denn was Harmelsdorf
    immer gewesen,
    das hieß nun plötzlich
    „Rutwica“.
    Ich hab es mit Schmerzen
    gelesen.

    Da kam dieser Junge,
    bot mir leise den Tag.
    Ich verstand –
    und ging mit ihm die Straßen.
    Auch wenn ich’s schwer
    zu deuten vermag,
    so konnt‘ ich die Heimat
    erfassen.

    Kaum scheele Blicke,
    manch freundlicher Gruß,
    der Duft der Kartoffelfelder.
    Der See –so bekannt,
    mir stockte der Fuß –
    und rings
    die schweigenden Wälder.

    Das Herz plötzlich weit,
    tief atmend die Brust,
    die vorher
    noch so beklommen.
    Und ich suchte -
    und fand -
    und entdeckte die Lust,
    in die Heimat
    zurückzukommen.

    Wie schmerzlich vermißt,
    erst wenn es verlor’n,
    ein Gut so kostbar uns dünkt,
    daß die Wehmut
    und Trauer,
    aufs Neue gebor’n,
    ins stumme Bewußtsein
    dringt.

    Doch nicht drohend
    geklagt!
    Nicht greinend
    verzagt!
    Nicht laut!
    Nicht still
    ergeben!
    Den Blick
    Hoch erhoben -
    und deutlich gesagt:
    Die Heimat bleibt
    In uns leben!
    Wolfgang Köpp

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Manifest der Bischöfe"
  5. Hilde Domin, die große deutsche Dichterin jüdischer Herkunft, in Köln geboren, Mutter, Schwester, Tochter aller Gefüchteten und Vertriebenen. Sie kannte den Schmerz um die verlorene Heimat, den Kampf um eine neue Existenz im Exil, die leere, kalte, trostlose Fremde. Am Schlüssel zur Rückkehr hielt sie fest mit Herz und Hand doch nicht ohne Zagen, nicht ohne sorgenvolle Fragen.

    Hausschlüssel, von Hilde Domin

    Wir halten sie fest

    diese Schlüssel,

    wir reisen mit ihnen

    wir Ausgewiesenen

    auch wir.

    Das Herz, deine alte

    Wohnung,

    hat hellerleuchtete Fenser,

    die Gesichter drinnen

    sind fremd.

    Nur im Traum

    könntest du einreten

    mit diesen Schlüsseln,

    die im Wachen so schwer

    in den Händen wiegen.

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