In den deutschen Kinos läuft gerade ein Dokumentarfilm namens Die Anwälte: Eine deutsche Geschichte. In einem Verhandlungssaal interviewt die Regisseurin Birgit Schulz den ehemaligen Innenminister Otto Schily, den Grünen-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele und den inzwischen ins rechtsradikale Lager abgedriftete Horst Mahler. Ausgangspunkt des Films ist ein Foto, das die drei Männer 1973, während der gemeinsamen linken Kampfzeit, als Anwälte im Gerichtssaal zeigt.

Das Wirken dieser drei Anwälte hätte eine genauere Analyse und Bewertung verdient. Mit ihren den Film dominierenden Monologen erhalten sie jedoch Deutungshoheit über die Zeit und über ihr eigenes Verhalten. Sie erhalten Gelegenheit zur Selbstdarstellung und manchmal auch zur Selbstinszenierung – kein Problem, wenn diese von einer kritischen Selbstreflexion getragen wäre. Spannend wäre, wenn diese sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten sich wirklich auf kritische Nachfragen eingelassen hätten. Leider nein. Die Anwälte bleiben sich selbst überlassen, allenfalls ihren gegenseitigen Bewertungen. Der historische Verlauf der Ereignisse sowie deren Ursachen und Wirkungen bleiben unverständlich. Ich leugne nicht meine Befangenheit als ein Zeitzeuge, der damals auf andere Weise, nämlich auf dem parlamentarischen Weg eine engagierte Reformpolitik verfolgte – aber Kritik wurde auch in einem kleinen Kreis von jungen Politikerinnen und Politikern deutlich ausgesprochen, mit denen ich den Film angeschaut und diskutiert habe.

Es wäre aufschlussreich gewesen, generell etwas über den Typus "linker" Anwalt zu erfahren, wie er in den siebziger Jahren sehr präsent war: als Kennzeichen vor allem das ausgeprägte politische Selbstbewusstsein, mit dem der Justiz begegnet wurde. So mancher Anwalt geriet in Konflikt zwischen Mandant und Staat, was im Film immerhin anklingt. Mahler, ein sein Metier sicher beherrschender Strafverteidiger, war nicht nur einer der wichtigen Ideologen der RAF – er gehörte zu den Anwälten, die gleichzeitig Täter waren. Der Anwalt Ströbele ging nicht so weit, wurde aber später immerhin als Mitträger des RAF-Infosystems verurteilt. Er reizte seine Rolle bis an die Grenze aus. Schily dagegen war peinlich bemüht, rechtsstaatliche Grenzen zu beachten. Dennoch: Mit politisch unhaltbaren Äußerungen machte er sich bisweilen RAF-Positionen zu eigen.

Gerne hätte man im Film auch etwas genauer über die Motive erfahren, aus welchen die drei Anwälte sich für die APO engagiert hatten. Zum Beispiel Otto Schily: Warum übernahm er die außerordentlich schwierige, aber hohe Aufmerksamkeit versprechende Verteidigung von Gudrun Ensslin? Welche Wirkung hatten auf ihn die heftigen Anfeindungen und Widerstände, die in einem gegen ihn angestrengten Ermittlungsverfahren wegen Mitgliedschaft in der RAF kulminierten?

Auf die Brüche in seinem Leben geht der Film zwar ein, aber es bleiben viele offene Fragen: Wie konnte er es mit seiner auf strikte Unabhängigkeit angelegten Position in Einklang bringen, dass er die Regierung Schmidt in die Nähe von Goebbels rückte? Dass er die RAF-Bomben auf das US-Hauptquartier in Frankfurt im Jahre 1972 mit einem Anschlag auf das Nazi-Reichssicherheitshauptamt im Jahre 1942 verglich? Wie weit war ihm damals bewusst, dass er in der außerordentlich kritischen Situation nach den Selbstmorden in Stammheim Öl ins Feuer goss, indem er der Selbstmordvermutung trotz offenkundiger Fakten zunächst widersprach? Hatte er den Sicherheitsorganen tatsächlich Mord zugetraut?

Wie passt seine Betroffenheit über die Toten in Stammheim zu der Tatsache, dass er im Jahre 2004 die Erklärung der islamistischen Terroristen nach dem Anschlag in Madrid, "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod", so kommentierte: "Die Terroristen sollten aber wissen: Wenn ihr den Tod so liebt, dann könnt ihr ihn haben." Was hätte seine Mandantin Ensslin zu einer solchen Äußerung gesagt? Was empfand er damals, als im Rahmen der Freipressungsversuche der Stammheimer Häftlinge, also auch seiner Mandantin, unter anderem Ponto sowie Schleyer und seine Begleiter ermordet wurden?