Neue EU-Spitzen

Herman wer? Catherine wie?

Zwei Unbekannte besetzen die wichtigsten Ämter Europas. Die Rekonstruktion eines Auswahlverfahrens

Umarmung der Sieger: Der neu Ratspräsident Herman van Rompuy und die EU-"Außenministerin" Catherine Ashton

Umarmung der Sieger: Der neu Ratspräsident Herman van Rompuy und die EU-"Außenministerin" Catherine Ashton

Die Geschichte der europäischen Thronbesetzung beginnt im Tal der Könige. Es sind die Weihnachtstage des Jahres 2007. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy ist frisch verliebt und möchte sonnenbaden. Mit seiner neuen Freundin Carla Bruni bricht er kurz nach Heiligabend nach Ägypten auf. Erst besuchen sie die Pyramiden, dann reisen sie weiter ins Rotmeer-Ressort Scharm al-Scheich. Dort, an der Südspitze des Sinai, erholt sich zur selben Zeit zufällig ein anderer politischer Weltstar. Tony Blair, Ex-Premier von Großbritannien und mittlerweile Nahost-Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen, ist begeisterter Sporttaucher. Und die Korallenbänke des Sinai kennt er als fantastische Unterwassergärten. Einer der Spots ist in der Szene schon als »Tony-Blair-Riff« bekannt.

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Es dauert nicht lange, bis Blair und Sarkozy sich zum Abendessen verabreden. Das Treffen verläuft offenbar in bester Stimmung. Blair spricht, ganz Weltmann, fließend Französisch. Am Ende des Abends macht der konservative Franzose dem Labour-Mann Blair ein verführerisches Angebot. Ob er nicht Lust habe, in zwei Wochen auf der Parteiversammlung der Volksbewegungsunion (UMP) in Paris eine Rede über Europa zu halten? Blair überlegt – und nimmt an.

Damit ist das Rennen um Brüssels Topjobs eröffnet. Europa sucht ab sofort den Superstar. Denn 2008, so sah jedenfalls damals noch die Zukunft aus, werden die Iren in einem Referendum dem Lissabon-Vertrag zustimmen. Und die Europäische Union bekommt, nach fast einem Jahrzehnt Verfassungsdebatte, zwei neue Spitzenämter. Einen permanenten Präsidenten des Europäischen Rats und einen »Hohen Vertreter« für Außenpolitik. Sarkozy unternimmt nun einen Vorstoß: »Wenn wir den Präsidenten der Europäischen Union ernennen, sollten wir die Latte hoch legen, statt den kleinsten gemeinsamen Nenner anzustreben«, sagt Sarkozy wenige Tage nach seiner Rückkehr aus dem Taucherparadies. Blair, fügt er hinzu, hielte er für einen »der Großen Europas«.

Am 12. Januar 2008 steigt der Brite in Paris auf die Bühne der UMP-Parteiversammlung und liefert eine flammende Bewerbungsrede für Brüssels Kommandoposten. »Europa ist keine Frage von links oder rechts«, sagt er, »sondern eine Frage von Zukunft oder Vergangenheit! Von Stärke oder Schwäche!«

Doch ausgerechnet ein Mitglied der sozialdemokratischen Parteifamilie, der französische Oppositionsführer François Hollande, eröffnet noch am selben Tag die Widerstandsfront gegen Blair. »Die Position, die er [Blair] gegenüber der Invasion des Iraks eingenommen hat«, urteilt Hollande, »bedeutet, dass er nicht der Präsident Europas werden kann.« Damit ist eine der Hauptstreitlinien in der Diskussion um das europäische Prestigeamt gezogen. Ein Kriegstreiber, sagen nicht nur Europas Sozialisten, kann unmöglich der Friedensmacht EU vorsitzen. Die Demontageversuche gegen Blair aus den eigenen Reihen, den Reihen der Linken, bedeuten freilich nicht, dass Europa kein rechts und links mehr kennt. In der EU herrschen 17 konservative Regierungschefs, 6 sozialdemokratische und 4 liberale. Es dauert kaum eine Woche, bis nach dem Kampagnenauftakt des Duos Sarko-Blair ein Proporz-Zank um Europas Spitze losbricht.

Im Europaparlament beginnen die Konservativen, nach eigenen Kandidaten zu rufen. Im Kreise der ehemaligen Regierungschefs, sagt Werner Langen, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe, stünden weitaus qualifiziertere Persönlichkeiten zur Verfügung. »Mir fallen da [die Christdemokraten] Jean-Claude Juncker und Wolfgang Schüssel ein.« Langen eröffnet damit einen zweiten Lagerkampf. Soll der Amtsinhaber aus einem kleinen Land (Juncker ist Luxemburger, Schüssel Österreicher) kommen oder aus einem großen? Soll er als Moderator nach innen wirken oder als Repräsentant nach außen? Die vagen Regelungen des Lissabon-Vertrages lassen beides zu.

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Leser-Kommentare

    • 26.11.2009 um 20:45 Uhr
    • joG

    ...dass dieser Vorgang weniger ostentativ verlief als die Wahl Obamas und seiner Aussenministerin.

  1. ...erst die tolle Demokratie ala Europa (wir lassen Euch solange abstimmen, bis wir das richtige Ergebnis haben)...dann ein "Kriegstreiber" verwundert schon, dass hier realitätsnah die Wahrheit ausgesprochen wird...und nun sitzen 2 Bilderberger in den Ämtern...was kommt als nächstes, man darf gespannt sein...Gentechnik wird sicher auch bald wieder in den Medien als das göttliche und wundervolle verkauft (Stichwort Monsanto)...ist ja übrigens sehr ruhig um die Schweinehysterie geworden, und Climategate ist wohl auch bald vom Tisch, schön dass der Mechanismus der Erde so super funktioniert, zu dumm nur dass wir es noch nicht verstehen...umweltfreundliche Autos sollten wir aber dennoch anstreben und die Glühbirne wieder zum leuchten bringen ;)

  2. 3.

    @peter70

    wollte was aehnliches eintippen aber
    sie haben mir aus der seele gesprochen
    stimmte allem zu 100 % zu

    greetings

  3. Die Bewertungs-Sternchen fehlen mir.

    Liebe Redaktion: Wann kriegen wir die Sterne wieder?

  4. 5. EUDSSR

    EU WAS? BRUXSEL WO?BARROSO WER?EUDSSR, ALSO= SOVITUNION

  5. Sein Statement: "Guten Morgen allerseit. Ihr seid alle niedergeschlagen heute. Ich dachte dies wird ein grosser stolzer Moment sein. Ich meine es hat euch 8 1/2 Jahre der Nötigung, der Lüge, der Ignorierung demokratischer Abstimmungen gekostet um diesen Vertrag durchzubringen und am 1. Dezember werdet ihr ihn haben.

    Der Architekt dieser ganzen Sache, Giscard d'Estaing, wollte mit diesem Verfassungsvertrag, das Europa eine grosse globale Stimme bekommt. Aber ich fürchte, die Staatsführer haben kollektiv die Nerven verloren. Sie haben entschieden, ihre Gesichter sollen auf der globalen Bühne stehen und nicht jemand von der Europäischen Union. Deshalb bekamen wir ein Paar politischer Pygmäen.

    Da haben wir einen neuen Präsidenten von Europa, Herman van Rompuy. Ich sehe ihn nicht als jemand der den Verkehr in Peking oder Washington zum Stillstand bringen wird. Ich zweifle ob ihn überhaupt jemand in Brüssel erkennt und weiss wer er ist. Und trotzdem wird er ein Salär bekommen, das höher ist als das von Obama. Das sagt alles was man über diese politische Klasse wissen muss und wie sie sich selbst bedient.

    Aber wenigstens ist er ein gewählter Politiker, im Gegensatz zu Baroness Cathy Ashton. Sie ist der wahre Repräsentant der heutigen politischen Klasse. In gewisser Weise ist sie ideal. Sie hatte noch nie eine anständige Arbeit und sie ist noch nie in ihrem Leben in irgend ein Amt gewählt worden. So meine ich ist sie perfekt geeignet für die Europäische Union."

  6. ...der Artikel mit diesen Kommentaren in der Online-Ausgabe noch auf der ersten Seite steht ;)

    Nigel Farage, eine wahrhaft große Persönlichkeit und für die Spitze der EU meiner Meinung nach besser geeignet als diese Bilderberger!

    Achja: Dank an die lieben Iren, danke für Euer "Nein" zum Lissabon-Vertrag, auch wenn ihr ein zweites Mal abstimmen MUSSTET und es nicht mehr gereicht hat, dennoch wir DURFTEN ja nicht mal abstimmen! Tolles Demokratie Verständnis nicht wahr?

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  • Von Jochen Bittner
  • Datum 27.11.2009 - 08:01 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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  • Schlagworte Europapolitik | Europa | Wahl
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