ErnährungFleisch ist das neue GemüseSeite 3/4

Die Wiener Psychologin Helene Karmasin hat unter den Essern zwei Grundtypen ausgemacht: die Schlabberer und die Beißer. "Die einen bevorzugen Nahrungsmittel, die ihnen einen kleinen Widerstand entgegensetzen, wo sie etwas zu beißen und zu kauen haben, die anderen lieben das Weiche, das Feuchte, das sie sich ganz leicht aneignen können."

Doch die Unterschiede sind fließend. Mal so, mal so, je nach Laune: Wer Trost sucht, greift zur weichen Cremespeise, wer sich aktiv und kräftig fühlt oder fühlen will, bestellt sich ein Steak. In Prenzlauer Berg haben sich nicht nur das Steak, sondern auch Milchreis und Hirsebrei zum urbanen Modegericht entwickelt. Comfort food ist gefragt, weshalb selbst der Sonntagsbraten, einst als Inbegriff bürgerlicher Spießigkeit geächtet, nun wieder auf den Tisch kommt. Das Wiener Schnitzel ist inzwischen ein Berliner Nationalgericht.

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Vielleicht ist das Steak im Moment auch deswegen besonders beliebt, weil sein Verzehr politisch ausgesprochen unkorrekt ist. Der Kitzel des Verbotenen erhöht bekanntlich die Lust. Denn Fleisch ist böse, warnen Umweltschützer. Und Rindfleisch ist der Klimakiller Nummer eins. Bald können wir den CO₂-Ausstoß der verschiedenen Lebensmittel genauso auswendig hersagen wie früher die Zahl ihrer Kalorien.

Das junge Kreuzberger Lokal Foodo, das sich als erstes klimaneutrales Café-Restaurant Deutschlands bezeichnet, warnt seine Gäste auf der Website (nicht aber auf der Speisekarte) denn auch, dass tierische Lebensmittel die mit Abstand schlechteste Ökobilanz haben und Rind die allerschlechteste hat. Ein Kilo schlägt demnach mit einem CO2-Ausstoß von 8733 Gramm zu Buche, bei Eiern sind es noch 2571, bei einem Kilo Gemüse nur 137 Gramm.

Es gibt daher durchaus Leute, die sich einen Ferrari leisten könnten, sich aber bewusst für den Bus entscheiden. Paul McCartney zum Beispiel. Der Ex-Beatle ist der prominenteste Advokat der Kampagne Meat Free Mondays, die auch überzeugte Karnivoren dazu anstiften will, zum Wohle der Umwelt und damit der eigenen Zukunft zumindest Teilzeitvegetarier zu werden.

Auch wenn der fleischfreie Montag vermutlich genauso folgenlos sein wird wie der autofreie Sonntag – die Idee dahinter ist so alt wie einleuchtend: dass man Fleisch nur ein-, zweimal die Woche auf den Tisch bringt, weil es teuer und kostbar ist. Wenn es wirklich gut sein soll.

Wer sich dann aber mal ein Bistecca alla Fiorentina für 79 Euro das Kilo leistet, der will es hinterher nicht in den Mülleimer werfen, weil er es falsch behandelt hat.

Leserkommentare
  1. Necrophilie: Die Lust an totem Fleisch.
    Schön, dass es Artikel gibt, die dieses Tabuthema endlich zu brechen versuchen.

    Guten Appetit an alle Schwerenöter :)

  2. haben ihre Kundschaft verloren, weil diese lieber die Kilopackung Steaks ( oder was immer das rote Zuegs unter der Plastikverpackung ist ) für nen Euro kaufen.

    Bei uns auf dem platten Land gab es vor ca. 15 Jahren noch fast ein Dutzend Metzger, jetzt sind es noch zwei ( die allerdings auch sehr gut besucht werden ) Dafür ist die Zahl der Discounter in der gleichen Zeit stark gewachsen.

  3. so etwa bewegt sich die esskultur der deutschen in 40 jahren nach unten, weit weg von der küchen in den südlichen alpengebieten.

    ,,er,, isst einfach alles, das kamel aus timbuktu, indisch, griechisch, spanisch, sogar döner und curry wurst
    und sonntags auch mal pommes.
    zu ablenkung des ganzen setzt man sich auch gern,damit es jeder sieht, nah ans fenster eines steakhauses.
    anders als in madrid oder rom wo die doppelbratwurst ausgestorben.
    arme erbsensuppe armes deutschland, wo kerner um 23.00 uhr kocht.

    • Buker
    • 26. November 2009 15:40 Uhr

    Eigentlich ein guter lifestyle Artikel.
    Lediglich auf Seite 2 hatte ich kurz überlegt den Artikel nicht zu Ende zu lesen.
    Muß das wirklich sein?
    Dass man in jedem Artikel die Geschlechterkeule auspackt und das Selbstbewußtsein und -verständnis moderner Männer infrage stellt, nur weil sie gerne Fleisch essen, sich einen Bart wachsen lassen...
    Schon mal überlegt, dass gerade die Männer die in einem Steakhouse 50€ für ein Steak hinlegen vielleicht auch die sind, die ihre Freundinnen jeden Abend schön bekochen und auch sonst ein eher lockeres Rollenverständnis an den Tag legen???
    Ich jedenfalls koche und esse aus Leidenschaft und Genusssucht und meine Freundiin ist bestimmt die letzte, die etwas dagegen hat, wenn es bei uns zu hause auch mal ein exclusiveres Stück Fleisch gibt. Schließlich mag sie Kurzgebratenes genauso gerne wie ich.

  4. Ein Viertel Pfund Tartar, maßvoll gewürzt, dick gelegt auf ganz dünner Scheibe Brot - da lacht die Steinzeitseele!

    Eine Leserempfehlung
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    • pekka
    • 26. November 2009 16:11 Uhr

    tolle Einstellung! Und danke für das Grinsen auf meinem Gesicht als ich den Kommentar las. rohes Fleisch ist echt was feines

    • pekka
    • 26. November 2009 16:11 Uhr

    tolle Einstellung! Und danke für das Grinsen auf meinem Gesicht als ich den Kommentar las. rohes Fleisch ist echt was feines

    Antwort auf "Ich liebe Rohkost!"
    • luccas
    • 26. November 2009 21:23 Uhr
    7. Wo?

    Zitat: "...beim Discounter ....Schweinekotelett (in Plastik verschweißt, das Kilo für 2,99 Euro)..."

    Wo?
    Bei welchem Discounter?
    Her damit...

  5. snobistisch
    hohl

    Ich esse gerne Steak. Der Artikel allerdings motiviert zum Vegetarismus. Aus sozialen Gründen. Mit denen will ich nichts gemeinsam haben.

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