Ernährung Fleisch ist das neue GemüseSeite 4/4

Die meisten Leute haben keine Ahnung von Fleisch, so Bettendorfs Beobachtung, sie gießen zum Beispiel zu viel Öl in die Pfanne – "die frittieren das Steak mehr, als es zu braten, sodass es zäh und trocken wird" –, statt es vor dem Braten einfach nur mit Öl einzupinseln. Die Brüder Otto haben daher, durchaus im eigenen Interesse, eine "Perfect Meat Academy" gegründet: Laien erfahren von Spitzenköchen, wie mans richtig macht.

Kolja Kleeberg ist einer dieser Köche. Bekannt aus dem Fernsehen, ein Michelin-Stern für sein Restaurant Vau am Gendarmenmarkt in Berlin. Er bringt den Teilnehmern des Kochkurses das "Rückwärtsbraten" bei. Dass man ein Steak erst anbraten muss, damit sich die Poren schließen, erklärt er für Quatsch. "Fleisch hat gar keine Poren, die gibt’s nur bei Haut." Fleisch hat Fasern.

Also empfiehlt er den umgekehrten Weg: Erst kommt das Steak, mit ein bisschen Olivenöl bepinselt, für eine Stunde bei 50 Grad Ober-/Unterhitze in den Ofen, dann ist es warm und zart – und erst danach wird es in einer Mischung aus Butter und Öl knusprig und aromatisch gebraten. Kleeberg rät auch, das Steak drei Stunden vor der Zubereitung aus dem Kühlschrank zu nehmen, damit es später keinen Temperaturschock bekommt. Fast Food ist das Kurzgebratene nicht.

Wer ins Filetstück geht, will auch ein solches. Wenn aber Kleeberg, bekannt für seine "neo-deftige Küche" (wie ein Kritiker schrieb), im Vau Rinderfilet und Ochsenschwanz auf die Karte setzt, entscheiden sich 80 Prozent der Gäste für Letzteres.

In der Lehrzeit des Kochs, in den achtziger Jahren, wurde noch alles rosa gebraten, Geschmortes kam in der gehobenen Restaurantküche nicht auf den Tisch. Heute zählt es mit seinem intensiven Geschmack auch dort zu den begehrtesten Gerichten – gerade jetzt, wenn es draußen wieder kälter ist. Für Kleeberg sind "die fleißigen Teile des Tiers", wie er Bäckchen und Schulter nennt, weil sie dauernd in Bewegung sind, ohnehin die interessantesten.

Nur – wo kriegt sie der Normalverbraucher? Zu den absurden Entwicklungen der letzten Jahrzehnte gehört es, dass der Fleischkonsum in die Höhe geschnellt, gleichzeitig aber die Zahl der Metzgereien dramatisch geschrumpft ist. Ein paar Edel- und Neuland-Fleischereien, so erfreulich sie sein mögen, sind keine Lösung des Problems. Was fehlt, ist die Mitte zwischen den Boutiquen und dem Discounter und Supermarkt: gute, "normale" Metzger, die ihr Handwerk verstehen.

Susanne Kippenberger ist Redakteurin des Berliner "Tagesspiegels", wo sie für die Seite "Essen und Trinken" verantwortlich ist. Im Berlin Verlag ist gerade ihr Buch "Am Tisch. Die kulinarische Bohème oder Die Entdeckung der Lebenslust" erschienen.

 
Leser-Kommentare
  1. Necrophilie: Die Lust an totem Fleisch.
    Schön, dass es Artikel gibt, die dieses Tabuthema endlich zu brechen versuchen.

    Guten Appetit an alle Schwerenöter :)

  2. haben ihre Kundschaft verloren, weil diese lieber die Kilopackung Steaks ( oder was immer das rote Zuegs unter der Plastikverpackung ist ) für nen Euro kaufen.

    Bei uns auf dem platten Land gab es vor ca. 15 Jahren noch fast ein Dutzend Metzger, jetzt sind es noch zwei ( die allerdings auch sehr gut besucht werden ) Dafür ist die Zahl der Discounter in der gleichen Zeit stark gewachsen.

  3. so etwa bewegt sich die esskultur der deutschen in 40 jahren nach unten, weit weg von der küchen in den südlichen alpengebieten.

    ,,er,, isst einfach alles, das kamel aus timbuktu, indisch, griechisch, spanisch, sogar döner und curry wurst
    und sonntags auch mal pommes.
    zu ablenkung des ganzen setzt man sich auch gern,damit es jeder sieht, nah ans fenster eines steakhauses.
    anders als in madrid oder rom wo die doppelbratwurst ausgestorben.
    arme erbsensuppe armes deutschland, wo kerner um 23.00 uhr kocht.

    • Buker
    • 26.11.2009 um 15:40 Uhr

    Eigentlich ein guter lifestyle Artikel.
    Lediglich auf Seite 2 hatte ich kurz überlegt den Artikel nicht zu Ende zu lesen.
    Muß das wirklich sein?
    Dass man in jedem Artikel die Geschlechterkeule auspackt und das Selbstbewußtsein und -verständnis moderner Männer infrage stellt, nur weil sie gerne Fleisch essen, sich einen Bart wachsen lassen...
    Schon mal überlegt, dass gerade die Männer die in einem Steakhouse 50€ für ein Steak hinlegen vielleicht auch die sind, die ihre Freundinnen jeden Abend schön bekochen und auch sonst ein eher lockeres Rollenverständnis an den Tag legen???
    Ich jedenfalls koche und esse aus Leidenschaft und Genusssucht und meine Freundiin ist bestimmt die letzte, die etwas dagegen hat, wenn es bei uns zu hause auch mal ein exclusiveres Stück Fleisch gibt. Schließlich mag sie Kurzgebratenes genauso gerne wie ich.

  4. Ein Viertel Pfund Tartar, maßvoll gewürzt, dick gelegt auf ganz dünner Scheibe Brot - da lacht die Steinzeitseele!

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • pekka
    • 26.11.2009 um 16:11 Uhr

    tolle Einstellung! Und danke für das Grinsen auf meinem Gesicht als ich den Kommentar las. rohes Fleisch ist echt was feines

    • pekka
    • 26.11.2009 um 16:11 Uhr

    tolle Einstellung! Und danke für das Grinsen auf meinem Gesicht als ich den Kommentar las. rohes Fleisch ist echt was feines

    • pekka
    • 26.11.2009 um 16:11 Uhr

    tolle Einstellung! Und danke für das Grinsen auf meinem Gesicht als ich den Kommentar las. rohes Fleisch ist echt was feines

    Antwort auf "Ich liebe Rohkost!"
    • luccas
    • 26.11.2009 um 21:23 Uhr
    7. Wo?

    Zitat: "...beim Discounter ....Schweinekotelett (in Plastik verschweißt, das Kilo für 2,99 Euro)..."

    Wo?
    Bei welchem Discounter?
    Her damit...

  5. snobistisch
    hohl

    Ich esse gerne Steak. Der Artikel allerdings motiviert zum Vegetarismus. Aus sozialen Gründen. Mit denen will ich nichts gemeinsam haben.

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