ErnährungFleisch ist das neue Gemüse

Hochwertig muss es sein - kein Massenprodukt, sondern ein Luxusgut, geliefert von Züchtern, die man kennt von Susanne Kippenberger

Typisch für das Fleisch vom Wagyu-Rind ist die feine Fettmarmorierung, Kilopreis beim Feinkostversand: Bis zu 450 Euro

Typisch für das Fleisch vom Wagyu-Rind ist die feine Fettmarmorierung, Kilopreis beim Feinkostversand: Bis zu 450 Euro  |  © Silvio Knezevic

Erst ließen sich alle Olivenöl im Mund zergehen, dann lutschten sie an Schäumchen und Gelees. Jetzt gibt es endlich wieder was Richtiges zu beißen. Fleisch!, ruft es einem von allen Seiten entgegen. Rindersteaks!

Dick, rot und nackt prangt ein Musterstück auf dem neuen Männermagazin Beef. Wunderschön marmoriert, wie gemalt, liegt es in der eleganten Vitrine des Restaurants Filetstück in Prenzlauer Berg, "sehr sexy", findet der Koch. Nobelburgereien versorgen die Generation McDonalds mit Gehacktem auf gehobenem Niveau. Wer auf sich hält, ist per Du mit dem Charolais-Rind und dem Schwäbisch-Hällischen Schwein, redet über Hereford-Prime-Rind, Limousin-Lamm und Mieral-Geflügel wie andere über die A-Klasse. Selbst wer es sich nie leisten könnte (oder würde), hat schon mal vom Kobe-Rind gehört.

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Ob das nun wirklich von Hand gestreichelt und von Mozart besäuselt wird oder ob dies ins Reich der Legenden gehört: Dass ein Tier, das gut behandelt wird und an der frischen Luft rumläuft, besser schmeckt als eins, das mit Hormonen und Antibiotika vollgepumpt, mit Fischmehl gefüttert und in Fabrikhallen eingepfercht wird, leuchtet auch dem ein, der trotzdem beim Discounter zum Schweinekotelett (in Plastik verschweißt, das Kilo für 2,99 Euro) greift.

Andere lassen sich das Wissen um Qualität nach BSE und Gammelfleischskandalen etwas kosten.

"Es gibt Leute, die den Bus nehmen, und andere, die Porsche fahren", erklärt Wolfgang Otto den Erfolg seines Onlineversands, der nur auserlesene Ware, das Kilo zwischen 20 und 450 Euro, an Profis ebenso wie an Privatkunden verschickt: Wagyu-Beef von Dan Morgan in Nebraska, nordamerikanisches Bison, Iberico-Schwein. Fleisch von einer Qualität, die Sterneköche wie Harald Wohlfahrt in Begeisterung versetzt. Otto-Gourmet, das ist ein fünf Jahre junges Familienunternehmen. Drei Brüder vom Niederrhein, in der Mitte ihrer Karriere angekommen, erfolgreich, aber nur bedingt glücklich in ihren Jobs, wollten etwas zusammen unternehmen und starteten in der elterlichen Garage. Dass sie zum Fleisch griffen, war eher Zufall: Stephan Otto lebt in den USA, dem Land der unbegrenzten Rinderweiden, der Heimat des Prime Beef. Es hätte auch was anderes sein können, bekennt Wolfgang Otto, der am liebsten von seinem "Produkt" spricht. Heute gilt der Händler, der in der ganzen Welt unterwegs ist, als der Spezialist. Beim Rheingau-Gourmet-Festival im Frühjahr wird er als "Deutschlands erster Fleischsommelier" auftreten.

In Berlin ist die neue Lust auf edle Tiere allenthalben anzutreffen. Das Grill Royal, das sich in kürzester Zeit zu einem der begehrtesten Szenelokale hochgebraten hat, stellt schon seit einigen Jahren Premiumbeef wie Rinderfilet von dem Edel-Fleischhändler Donald Russell in den Mittelpunkt seiner Karte.

"Ja?", sagt Robert Bettendorf und zieht die Augenbraue hoch. Er kocht im Filetstück, einem Steakhaus der neuen Art an der Schönhauser Allee. Er sei noch nie im Grill Royal gewesen. Das Baukastenprinzip der Speisekarte ist das des alten, in Verruf geratenen Steakhauses. Rosmarinkartoffeln und Champagnerkraut, selbst die Saucen werden extra bestellt und berechnet. Aber wenn es nach Bettendorf ginge, würden die Gäste ohnehin auf die Beilagen verzichten und sich ganz dem Genuss des Fleisches widmen. "Das ist so aromatisch, dass man nichts dazubraucht."

Leserkommentare
  1. Nachdem ich die Tage in den "Genuss" kam, mir die stellenweise unfassbar selbstgerechten Ergüsse des von mir bis dahin sehr geschätzten Herrn Vincent Klink http://blog.zeit.de/nachg... zu Gemüte zu führen, finde ich den hier veröffentlichten Artikel bei durchaus ähnlicher Grundintention wesentlich realitätsnaher und angenehmer formuliert.

    Sehr schön!

  2. 10.

    Wenn ich den Artikel lese, bekomme ich furchtbare Lust auf Junk-Food.

    Vielleicht spinne ich ja, aber ich finde es widerlich aus allem ein Statussymbol machen zu müssen.
    Ich mag gutes Essen, ja.
    Ich mag gute Musik, ja.
    Ich mag auch schöne Autos, ja.
    Aber ich brauche mich nicht mit einer toten Kuh aufzuwerten, um in irgendeine prenzlberger Szene zu gehören, welche vermutlich eh zu 90% aus Zugezogenen aus dem tiefsten Schwarzwald stammt.

    Jeder soll sich seinen Luxus und sein kleines Glück gönnen, aber da eine Selbstdarstellung inklusive Raketenwissenschaft draus zu machen finde ich dann doch ein bisschen albern.

  3. "Es gibt Leute, die den Bus nehmen, und andere, die Porsche fahren" in Anspielung auf Leute, die ihr Fleisch beim Discounter für 2,99 Euro das Kilo kaufen und solche, die auf Qualität setzen. Bitte einfach mal zwei Sekunden nachdenken, ob dieser Vergleich intelligent ist. Oder ist es nicht so, dass Leute, die auf Lebensqualität setzen, zum hochwertigen Fleisch sowie(!) zum öffentlichen Nahverkehr greifen? Aber bei uns ökologisch vorbildlichen Deutschen tickt das Hirn leider, wenn's um's Auto geht, leider völlig anders rum. Wir begreifen es nicht, dass unser Autowahn einer hohen Lebensqualität geradezu im Wege steht (Stau, Lärm, Landschaftsverschandelung etc.). Tipp: kurzen Blick auf die Schweiz werfen, wo Zug- und Busfahren das einzig erstrebenswerte ist und zu einer ziemlich hohen Lebensqualität führt. Entspannten Gruß aus dieser :-)

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