Rot ist die Farbe der Leidenschaft, Grün die Farbe der Hoffnung. Schwarz ist die Farbe der Trauer, aber: Gelb? Gelb? Neid vielleicht. Zerschlagene Eier. Was also will es uns sagen, dass plötzlich alles gelb ist auf unseren Tellern, was wir als grün in Erinnerung haben? Oder höchstens noch als rot?

Täglich verkündet irgendwer aus meinem Freundeskreis eine neue Entdeckung: "Ist dir schon aufgefallen, dass es jetzt überall gelbe Bohnen gibt?" – "Auf dem Markt gibts neuerdings gelbe Zucchini." – "Ich habe gelbe Tomaten gesehen. Ist das ne Mutation?" Kann schon sein, dass wir alle ein bisschen übersensibel sind seit dem 27. September: Wer sich ein Bein gebrochen hat, sieht plötzlich überall Menschen mit Gips.

Und doch passt der Trend zum gelben Gemüse hervorragend zur neuen Politik: Gelbe Bohnen (Phaseolus vulgaris) sind schneller weich gekocht als grüne. Gelbe Zucchini haben eine zartere Schale als die dunkelgrünen, sind deshalb weniger haltbar und haben kaum ausgebildete Kerne. Gelbe Paprika sind zwar eine relativ junge Züchtung, verglichen mit den roten. Aber gelbe Paprika kommen wenigstens fertig in den Laden – im Gegensatz zu den grünen, die nie erwachsen, sprich: reif werden dürfen.

Paradox ist die Sache mit den gelben Tomaten: Wahrscheinlich waren alle Tomaten gelb, als sie aus Amerika zu uns kamen. Warum sonst hätten die Italiener sie pomodori genannt, goldene Äpfel? Mutiert also sind höchstens die schnittfesten roten Dinger, die heute in Holland wachsen. Herrlich aber die Namen der neuen gelben Sorten: "Goldene Königin" – ein schöneres Kosewort für die Regierungschefin könnte sich kein Vizekanzler ausdenken. Oder: "Gelbes Birnchen". Die Justizministerin? Und Obacht bei gelben Chili! Die Sorte Habanero gehört zu den schärfsten, die es gibt. Auf einer Schärfeskala von null bis zehn erreicht sie satte zehn Punkte. Hoffentlich will uns das nichts sagen über den Ton, der in diesem Land herrschen wird in den nächsten vier Jahren.

Vier Jahre? Der Farbpsychologe Max Lüscher sagt: "Das Verhalten des gelben Denktyps äußert sich in dem Bedürfnis, stets Neues zu erleben. Er liebt die Veränderung und erwartet davon eine Verbesserung." Man wird sehen.