Es ist der Tag, an dem endlich die Anspannung von ihr abfällt. Eva Vollmer steht auf dem Hüttberg in der Nähe ihres Elternhauses und blickt auf ihre Zukunft. Weinstöcke überziehen das Land links des Rheins hier wie kunstvoll geritzte Schraffur. Immer wieder, wochenlang, hat sie auf diese Hügel gestarrt und gewartet, und je länger sie wartete, desto kräftiger wurden die Trauben. Doch nun soll Regen kommen und mit ihm der Schimmel, sie hat die Trauben gerade rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Hat sie auch diesmal alles richtig gemacht?

Der Wind greift in die dünne Jacke der Winzerin, sie scheint trotzdem nicht zu frieren. Sie ist eine grazil gebaute junge Frau mit langen blonden Haaren. Wäre ihre Hose nicht dreckverschmiert, sie wirkte hier draußen völlig fehl am Platz. Vor ihr liegt ihr bester Grund, voller Tonmergel und Kalk, darauf wachsen besonders kräftige Reben. Nur ein kleiner Teil des Grunds gehört ihr, der Rest anderen Weinbauern. Diese neun Hektar werden nicht reichen, nun, da der Erfolg sie so überrumpelt hat.

"Was passiert da eigentlich gerade?", fragt sie sich. "Warum gerade ich?"

Voriges Jahr erst füllten sie und ihr Freund den ersten Jahrgang Riesling und Silvaner in Flaschen, schrieben Evas Namen aufs Etikett. Heute kennt man ihn in ganz Deutschland. Mit 27 hat Eva Vollmer das Winzerdorf Ebersheim am Rand von Mainz in die Köpfe der Weinkenner gebracht. Der Gault Millau hat sie zur "Entdeckung des Jahres" ausgerufen, zum ersten Mal hat der wichtigste deutsche Weinführer eine Frau ausgewählt. Ihre Weine seien "absolut gelungen", hieß es zur Begründung, sie verschaffe der Weinstadt Mainz ein "neues Profil".

Es ist das Jahr, in dem die Männerbranche auf die Frauen guckt. "Noch nie haben so viele Frauen so guten Wein gemacht", sagt Joel Payne, Chefredakteur des Gault Millau. Namen wie Caroline Diel, Carolin Spanier-Gillot, Eva Clüsserath und Tina Pfaffmann stehen dafür schon seit einigen Jahren. Von den 200 Top-Weingütern in Deutschland mit Prädikat werden zwar nur 13 von Frauen geführt. Doch jetzt wächst eine Generation von Winzerinnen heran, die sich mit der traditionellen Rolle der Ehefrau im Hintergrund, wie sie ihre Mütter oft ausfüllten, nicht länger zufriedengeben. Die Töchter übernehmen Betriebe, die früher wie selbstverständlich an die Söhne gegangen wären.

Der Weinanbau in Rheinhessen folgt uralten Regeln, die meisten Parzellen sind seit Generationen in Familienbesitz. Auch Eva Vollmers Großvater und ihr Vater haben schon Wein angebaut, sie lieferten die Trauben an die örtliche Winzergenossenschaft. Eva ist die Erste in der Familie, die selbst Wein macht. "Woi", so nennt sie den Wein, wie man das in Rheinhessen eben tut.

Eva Vollmer steigt in ihren Range Rover und rast über die Feldwege. Sie liebt große Fahrzeuge, auch Traktoren, Lastwagen, Mähdrescher, die den Boden unter ihr beben lassen. An einer Steillage deutet sie auf ein Stück Brachland. Sie fragt sich, wem es wohl gehört. So eines müsste sie kaufen. Sie stellt den Geländewagen zwischen alten Obstbäumen ab, der Range Rover ist jetzt mit Schlamm bespritzt. Wer nicht weiß, dass sie 2003 Weinkönigin war, käme nie auf die Idee, dass die Frau, die nun mit festen Schritten auf einen Schuppen zuläuft, mal mit einer Goldkrone im Haar für den Wein der Region geworben hat.