Auf der Insel Kumirmari im Delta des heiligen Gangesflusses, wo der Königstiger lebt, steht der 64-jährige Dorfvorsteher Radhahrishna Mandal vor einer vom Zyklon Aila zerstörten Landschaft: überschwemmte Felder, zerbrochene Dämme, verwehte Strohdächer. Mandal sagt: "Seit Aila wissen wir, dass der Klimawandel für uns gefährlicher ist als der Tiger."

In einer dunklen Fabrikhalle im alten Industrieviertel von Kolkata, dem früheren Kalkutta, sitzt der 49-jährige Arbeiter Subir Mukherjee an seiner Holzwerkbank und lötet rote Solarlaternen, die den Namen "Aila" tragen. Mukherjee sagt: "Unser Produkt ist gut für die Welt und gut gegen den Klimawandel."

Im Zentrum für Wissenschaft und Umwelt in Neu-Delhi, der angesehensten Organisation der indischen Umweltbewegung, referiert im weißen, kragenlosen Hemd der neue indische Umweltminister Jairam Ramesh vor jungen indischen Journalisten. "Indien übernimmt heute eine Führungsrolle in den internationalen Klimaverhandlungen", sagt Ramesh. "Wir erzählen einfach unsere wahre Geschichte: geradeheraus, transparent, nach vorne gedacht. Wir fühlen uns nicht in die Defensive gedrängt. Denn unsere Klimagasemissionen sind Überlebensemissionen. Die Emissionen der USA hingegen sind Luxusemissionen."

Hier liegt Kumirmari © Georg Blume

Drei Schlaglichter auf Indien in Zeiten des Klimawandels. Der Bauer hat Angst vor dem nächsten Tropensturm. Der Arbeiter hat den Nutzen der Solarenergie entdeckt. Der Minister bereitet sein Land selbstbewusst auf den Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen vor. Alle drei sprechen eine Sprache. Im vielstimmigen Indien ist das außergewöhnlich. Doch Bauer, Arbeiter und Minister spüren gemeinsam: Der Klimawandel ist in Indien angekommen. Für das Leben und Wirtschaften im größten demokratischen Schwellenland der Welt bringt er gewaltige Veränderungen. Jetzt ist die Zeit zum Handeln.

Die internationalen Klimaverhandlungen macht das nicht einfacher, aber spannender und anspruchsvoller. Die jüngste Aufwertung der G20, die Indien in den Kreis der globalen Führungsnationen beförderte, hat die Regierung in Delhi kompromissbereiter und selbstbewusster zugleich gemacht. Sie will mehr mitmischen, Verantwortung übernehmen, aber auch stärker führen. Indien will kein Anhängsel sein. Auf keinem anderen internationalen Feld aber kann das Land so berechtigt seinen Führungsanspruch anmelden wie beim Klimaschutz.

Die Rechnung ist einfach: Die Inder liegen sowohl bei den historisch akkumulierten als auch bei den aktuellen Klimagasemissionen so weit hinter den Industrieländern und China zurück, dass ihr Beitrag zur Erderwärmung verschwindend gering ist – trotz der hohen Bevölkerungszahl. Zugleich bekommt Indien, als erste globale Führungsnation, die verheerenden Folgen des Klimawandels schon jetzt massiv zu spüren. Der für die indische Landwirtschaft so wichtige Monsunregen kommt seit Jahren immer unregelmäßiger. In diesem Jahr fiel deshalb im Norden Indiens nahezu die gesamte Sommerernte aus. Neue, in ihrer Heftigkeit unbekannte Wirbelstürme wie Aila bedrohen das Land. Im Mai traf der Zyklon ausgerechnet die vom Anstieg des Meeresspiegels am meisten bedrohten Gebiete im Gangesdelta.

Der Klimawandel ist damit in Indien nicht mehr nur ein internationales Konferenzthema. Er macht vielen Menschen Angst, besonders den Landbewohnern. Die Sorge ist begründet: Bis zum Jahr 2080 könnte der Ernteertrag der Inder aufgrund der Erderwärmung um 30 bis 40 Prozent zurückgehen, hat der Klimaforscher William Cline vom Peterson-Institut für Internationale Ökonomie in Washington berechnet. Keinem anderen großen Land der Welt drohe auch nur annähernd so großer Schaden, sagt er.