Indien Gefährlicher als der Tiger
Unter der Erderwärmung leidet Indien mehr als andere große Länder. Harte Auflagen zum Klimaschutz will es aber nicht akzeptieren. Ein Besuch bei Bauern, Unternehmern und Politikern
© Georg Blume

Im Mai verwüstete der Zyklon Aila die indische Insel Kumirmari. Die Bewohner versuchen mit bloßen Händen, die Deiche wieder zu errichten, die sie schützen sollen
Auf der Insel Kumirmari im Delta des heiligen Gangesflusses, wo der Königstiger lebt, steht der 64-jährige Dorfvorsteher Radhahrishna Mandal vor einer vom Zyklon Aila zerstörten Landschaft: überschwemmte Felder, zerbrochene Dämme, verwehte Strohdächer. Mandal sagt: »Seit Aila wissen wir, dass der Klimawandel für uns gefährlicher ist als der Tiger.«
In einer dunklen Fabrikhalle im alten Industrieviertel von Kolkata, dem früheren Kalkutta, sitzt der 49-jährige Arbeiter Subir Mukherjee an seiner Holzwerkbank und lötet rote Solarlaternen, die den Namen »Aila« tragen. Mukherjee sagt: »Unser Produkt ist gut für die Welt und gut gegen den Klimawandel.«
Im Zentrum für Wissenschaft und Umwelt in Neu-Delhi, der angesehensten Organisation der indischen Umweltbewegung, referiert im weißen, kragenlosen Hemd der neue indische Umweltminister Jairam Ramesh vor jungen indischen Journalisten. »Indien übernimmt heute eine Führungsrolle in den internationalen Klimaverhandlungen«, sagt Ramesh. »Wir erzählen einfach unsere wahre Geschichte: geradeheraus, transparent, nach vorne gedacht. Wir fühlen uns nicht in die Defensive gedrängt. Denn unsere Klimagasemissionen sind Überlebensemissionen. Die Emissionen der USA hingegen sind Luxusemissionen.«

Hier liegt Kumirmari
Drei Schlaglichter auf Indien in Zeiten des Klimawandels. Der Bauer hat Angst vor dem nächsten Tropensturm. Der Arbeiter hat den Nutzen der Solarenergie entdeckt. Der Minister bereitet sein Land selbstbewusst auf den Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen vor. Alle drei sprechen eine Sprache. Im vielstimmigen Indien ist das außergewöhnlich. Doch Bauer, Arbeiter und Minister spüren gemeinsam: Der Klimawandel ist in Indien angekommen. Für das Leben und Wirtschaften im größten demokratischen Schwellenland der Welt bringt er gewaltige Veränderungen. Jetzt ist die Zeit zum Handeln.
Die internationalen Klimaverhandlungen macht das nicht einfacher, aber spannender und anspruchsvoller. Die jüngste Aufwertung der G20, die Indien in den Kreis der globalen Führungsnationen beförderte, hat die Regierung in Delhi kompromissbereiter und selbstbewusster zugleich gemacht. Sie will mehr mitmischen, Verantwortung übernehmen, aber auch stärker führen. Indien will kein Anhängsel sein. Auf keinem anderen internationalen Feld aber kann das Land so berechtigt seinen Führungsanspruch anmelden wie beim Klimaschutz.
Die Rechnung ist einfach: Die Inder liegen sowohl bei den historisch akkumulierten als auch bei den aktuellen Klimagasemissionen so weit hinter den Industrieländern und China zurück, dass ihr Beitrag zur Erderwärmung verschwindend gering ist – trotz der hohen Bevölkerungszahl. Zugleich bekommt Indien, als erste globale Führungsnation, die verheerenden Folgen des Klimawandels schon jetzt massiv zu spüren. Der für die indische Landwirtschaft so wichtige Monsunregen kommt seit Jahren immer unregelmäßiger. In diesem Jahr fiel deshalb im Norden Indiens nahezu die gesamte Sommerernte aus. Neue, in ihrer Heftigkeit unbekannte Wirbelstürme wie Aila bedrohen das Land. Im Mai traf der Zyklon ausgerechnet die vom Anstieg des Meeresspiegels am meisten bedrohten Gebiete im Gangesdelta.
Der Klimawandel ist damit in Indien nicht mehr nur ein internationales Konferenzthema. Er macht vielen Menschen Angst, besonders den Landbewohnern. Die Sorge ist begründet: Bis zum Jahr 2080 könnte der Ernteertrag der Inder aufgrund der Erderwärmung um 30 bis 40 Prozent zurückgehen, hat der Klimaforscher William Cline vom Peterson-Institut für Internationale Ökonomie in Washington berechnet. Keinem anderen großen Land der Welt drohe auch nur annähernd so großer Schaden, sagt er.
- Datum 26.11.2009 - 15:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
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Die Haltung "Wir tun nichts, solange ihr nichts tut" ist genau der Grund, warum weltweit kaum etwas geschieht: Jeder schiebt dem anderen den schwarzen Peter zu. Natürlich braucht Indien Technologie, um dem Klimawandel zu trotzen, aber mir kann kein Inder erzählen, dass sie dazu selbst nicht in der Lage sind - wie man Software macht, haben sie ja auch kapiert.
BTW: Wetterkapriolen sind kein Klimawandel, sondern einfach nur Wetterkapriolen. Ein Jahrhundertsturm kommt eben einmal im Jahrhundert vor, wie der Name sagt.
"Bis zum Jahr 2080 könnte der Ernteertrag der Inder aufgrund der Erderwärmung um 30 bis 40 Prozent zurückgehen"
Schon herrlich, wie da mit Jahrzehnten jongliert wird. Das ganze ähnelt zwar mehr einem Stochern im dichtesten Nebel, klingt aber gut. Man könnte auch schreiebn, dass die Ernten um 1% oder 90 % zurückgehen werden, das interessiert jetzt doch sowieso niemanden und die, welche es dann betrifft, sind noch nicht mal in Planung.
Genauso gut kann man dann auch schreiben:" In 4,5 Milliarden Jahren hat sich das Klima von selbst erledigt!"
... leider wird ja nichtmehr alles veröffentlich was hier als Kommentar rausgeht, dann versuch ichs halt einfach nochmal ...
zu 1: die entwicklung von software kann ja wohl kaum - oder lediglich von industriefernen laien - mit der entwicklung von umwelttechniken im industriellen bereich wie solarenergie, dämmsysteme etc. verglichen werden. bei zweiterem reicht wissen nunmal einfach nicht aus, da braucht es schon ewtas mehr ...
zu 2: möglicherweise sind es keine 4,5Mrd jahre mehr, sindern vieleicht nur noch 100 oder 200 ... daran vieleicht mal gedacht ?? sie sagen doch selbst, es handelt sich um prognosen ... wenn einem die begrifflichkeit des wortes prognose nicht völlig unbekannt ist, dürfte es doch schwer fallen einen solchen - ihren - kommentar ersthaft zu schreiben ...
im übrigen gibt es immernoch die möglichkeit, das wir das in griff bekommen, genauso wie die variante, dass sich innerhalb der nächsten 50 jahre das klima expotential verändert, denn die co2 ausstöße verhalten sich ebenfalls nicht linear, dann kippt das weltklima plötzlich und innerhalb eines jahrzehnts fehlen dann plötzlich 7,5 der 8 mrd erdenbürger ... auf experten oder länder rummzuhacken halte ich für ziemlichen quatsch, leisten sie doch knstruktive beiträge und kritisieren sie nicht immer alles was geschrieben wird ...
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