DIE ZEIT: Herr Badiou, in Deutschland gibt es einen Streit um Gerechtigkeit und die Zukunft der sozialen Demokratie. Sie sind Kommunist und schreiben von der »Demokratie«, in Anführungszeichen, sie sei bloß eine Oligarchie der Finanzleute, der Berufspolitiker und der Fernsehmoderatoren. Aber ich habe Sie im Fernsehen munter diskutieren sehen. Wieso machen Sie bei diesem Spiel der herrschenden Klasse mit?

Alain Badiou: Ich habe Bedingungen gestellt: Keine Talkrunde, sondern ein Zweiergespräch. Mehr als 20 Minuten Redezeit, und nur über Themen, die mit meiner Arbeit zu tun haben. Also nichts über Mode oder Stars.

ZEIT: Aha? Das war also möglich.

Badiou: Alles ist möglich, lokale Ausnahmen gibt es immer. Das ändert nichts daran, dass auch für Medien die Gesetze der Warenproduktion, des Marktes und vor allem des Konformismus gelten. So ein Moderator zum Beispiel ist ein Star, trifft lauter bedeutende Leute und repräsentiert den sozialen Typus der herrschenden Klasse: Er verdient viel Geld, gibt es für Repräsentation aus und korrumpiert sich dadurch. Nicht weil er an einem Komplott teilnehmen will, sondern einfach aufgrund seiner Rolle. Ich kenne das auch aus der Politik. Ich war ja einmal in der gleichen sozialistischen Partei wie Michel Rocard, der ehemalige Premierminister François Mitterrands. Ein ehrenwerter Mann, der aber Schritt für Schritt zum Staatsmann wurde, immer moderater.

ZEIT: Jetzt berät er Nicolas Sarkozy.

Badiou: An seinem Fall konnte ich beobachten, wie jemand die Idee der Emanzipation zugunsten des Vernünftigseins aufgibt. Wenn Sie politisch Karriere machen wollen, müssen Sie den Konsens akzeptieren, die kapitalistische Gesellschaft sei im Grunde gut. Dahinter steckt keine Verschwörung, Sie folgen nur dem Lauf der Dinge. Der Macht der Gewohnheit, dem einfacheren Weg.

ZEIT: Für Sie ist die Demokratie nur eine Maschine im Dienst des Kapitals und sonst nichts? Gibt es da nirgends ein emanzipatorisches Moment?

Badiou: Sie müssen unterscheiden zwischen der Demokratie als Staatsform und ihrer etymologischen Bedeutung. Alle Staatsformen sind konservativ, dienen der Erhaltung der Staatsmacht, das gilt für Despotien nicht anders als für Demokratien. Der Wechsel zwischen Mehrheit und Minderheit, rechts und links verleiht der Demokratie nur mehr Geschmeidigkeit. Sie passt deshalb besser zum liberalen Kapitalismus als jede andere Staatsform und sichert ihn. Die zweite Bedeutung der Demokratie ist etymologisch: Das Volk entscheidet über die Fragen, die es betreffen. Was in unserer Klassengesellschaft nicht der Fall ist.

ZEIT: Sie fordern, die Rechte des Privateigentümers zu beschränken. Aber beschränkt sind die doch stets, letztlich sogar vom Staat verliehen. Hinter jedem Vertrag steht die Polizei. Wenn Sie weitere Beschränkungen fordern, dann ist das auch nur ein reformistisches Programm, und keineswegs ein kommunistisches.

Badiou: Nennen Sie das ruhig Reform, aber sie muss einen qualitativen Punkt überschreiten, irreversibel werden, anders als die Nationalisierungen ab 1981 unter François Mitterrand. Wissen Sie, diese ganzen Debatten über Reform oder Revolution sind doch obsolet geworden. Wer sind denn heute die Reformer? Es ist die Rechte. Sarkozy spricht sogar andauernd vom »Bruch«. Das ist ihr Klassenkampf. Die Linke dagegen ist konservativ, weil ihr nichts Besseres einfällt, als an dem festzuhalten, was in den siebziger Jahren errungen wurde. Und was soll ich mir unter »revolutionär« vorstellen? Sich bewaffnen und die Betriebe schnappen? Doch nicht im Ernst. Nein, wir sind in einer neuen Sequenz emanzipatorischer Politik.

ZEIT: Wo denn?

Badiou: Die revolutionären Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts sind vorbei und kommen nicht wieder. Proletariat, Partei, Strategie und Taktik, der ganze Automatismus ist untergegangen, und man muss Emanzipation von vorn rekonstruieren. Es geht uns ähnlich wie dem jungen Marx: Das Kapital ist an der Macht, die Probleme der Gesellschaft eskalieren, aber es ist keine Bewegung mit umwälzender Tendenz in Sicht. Also muss man suchen. Das Unvorhergesehene. Fernab vom Staat. Nicht wie die »Neue antikapitalistische Partei« in Frankreich, die sich an Wahlen beteiligt – sie wird den Weg aller anderen Linken gehen.

ZEIT: In Ihrem Buch Logik der Welten kritisieren Sie den mit der Demokratie einhergehenden Gedanken, Wahrheiten seien endlich. Stattdessen postulieren Sie die »reelle Unendlichkeit der Wahrheiten«. Ist die Demokratie philosophisch obsolet?

Badiou: Schon Plato war gegen die Demokratie.

ZEIT: Wegen ihrer Folge, der Tyrannei. 

Badiou: Die Tyrannei folgt aus dem Grundproblem der Demokratie: Der demokratische Mensch ist nach Plato ein Mensch ohne Prinzipien.

ZEIT: »Weder Ordnung noch Konsequenz ist in seinem Leben«, so heißt es im 8. Buch des Staates.

Badiou: Das demokratische Leben ist ein Leben ohne Idee. Das kann ein sehr angenehmes Leben sein. Ein genießerisches. Dem Mann des Marktes gefallen die Produkte eben. Aber der Philosoph muss fragen, ob ein Leben nahe der Wahrheit möglich ist, ein Leben in der Idee.