Klassenkampf (3)»Das Kapital ist an der Macht«

Demokratie ist geschmeidig und passt bestens zum liberalen Kapitalismus. Darin liegt ihre große Gefahr. Ein Gespräch mit dem französischen Philosophen Alain Badiou. von 

Der Philosoph Alain Badiou

Der Philosoph Alain Badiou  |  © Patrick Hertzog/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Badiou, in Deutschland gibt es einen Streit um Gerechtigkeit und die Zukunft der sozialen Demokratie. Sie sind Kommunist und schreiben von der »Demokratie«, in Anführungszeichen, sie sei bloß eine Oligarchie der Finanzleute, der Berufspolitiker und der Fernsehmoderatoren. Aber ich habe Sie im Fernsehen munter diskutieren sehen. Wieso machen Sie bei diesem Spiel der herrschenden Klasse mit?

Alain Badiou: Ich habe Bedingungen gestellt: Keine Talkrunde, sondern ein Zweiergespräch. Mehr als 20 Minuten Redezeit, und nur über Themen, die mit meiner Arbeit zu tun haben. Also nichts über Mode oder Stars.

Anzeige

ZEIT: Aha? Das war also möglich.

Badiou: Alles ist möglich, lokale Ausnahmen gibt es immer. Das ändert nichts daran, dass auch für Medien die Gesetze der Warenproduktion, des Marktes und vor allem des Konformismus gelten. So ein Moderator zum Beispiel ist ein Star, trifft lauter bedeutende Leute und repräsentiert den sozialen Typus der herrschenden Klasse: Er verdient viel Geld, gibt es für Repräsentation aus und korrumpiert sich dadurch. Nicht weil er an einem Komplott teilnehmen will, sondern einfach aufgrund seiner Rolle. Ich kenne das auch aus der Politik. Ich war ja einmal in der gleichen sozialistischen Partei wie Michel Rocard, der ehemalige Premierminister François Mitterrands. Ein ehrenwerter Mann, der aber Schritt für Schritt zum Staatsmann wurde, immer moderater.

ZEIT: Jetzt berät er Nicolas Sarkozy.

Badiou: An seinem Fall konnte ich beobachten, wie jemand die Idee der Emanzipation zugunsten des Vernünftigseins aufgibt. Wenn Sie politisch Karriere machen wollen, müssen Sie den Konsens akzeptieren, die kapitalistische Gesellschaft sei im Grunde gut. Dahinter steckt keine Verschwörung, Sie folgen nur dem Lauf der Dinge. Der Macht der Gewohnheit, dem einfacheren Weg.

ZEIT: Für Sie ist die Demokratie nur eine Maschine im Dienst des Kapitals und sonst nichts? Gibt es da nirgends ein emanzipatorisches Moment?

Badiou: Sie müssen unterscheiden zwischen der Demokratie als Staatsform und ihrer etymologischen Bedeutung. Alle Staatsformen sind konservativ, dienen der Erhaltung der Staatsmacht, das gilt für Despotien nicht anders als für Demokratien. Der Wechsel zwischen Mehrheit und Minderheit, rechts und links verleiht der Demokratie nur mehr Geschmeidigkeit. Sie passt deshalb besser zum liberalen Kapitalismus als jede andere Staatsform und sichert ihn. Die zweite Bedeutung der Demokratie ist etymologisch: Das Volk entscheidet über die Fragen, die es betreffen. Was in unserer Klassengesellschaft nicht der Fall ist.

ZEIT: Sie fordern, die Rechte des Privateigentümers zu beschränken. Aber beschränkt sind die doch stets, letztlich sogar vom Staat verliehen. Hinter jedem Vertrag steht die Polizei. Wenn Sie weitere Beschränkungen fordern, dann ist das auch nur ein reformistisches Programm, und keineswegs ein kommunistisches.

Badiou: Nennen Sie das ruhig Reform, aber sie muss einen qualitativen Punkt überschreiten, irreversibel werden, anders als die Nationalisierungen ab 1981 unter François Mitterrand. Wissen Sie, diese ganzen Debatten über Reform oder Revolution sind doch obsolet geworden. Wer sind denn heute die Reformer? Es ist die Rechte. Sarkozy spricht sogar andauernd vom »Bruch«. Das ist ihr Klassenkampf. Die Linke dagegen ist konservativ, weil ihr nichts Besseres einfällt, als an dem festzuhalten, was in den siebziger Jahren errungen wurde. Und was soll ich mir unter »revolutionär« vorstellen? Sich bewaffnen und die Betriebe schnappen? Doch nicht im Ernst. Nein, wir sind in einer neuen Sequenz emanzipatorischer Politik.

ZEIT: Wo denn?

Badiou: Die revolutionären Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts sind vorbei und kommen nicht wieder. Proletariat, Partei, Strategie und Taktik, der ganze Automatismus ist untergegangen, und man muss Emanzipation von vorn rekonstruieren. Es geht uns ähnlich wie dem jungen Marx: Das Kapital ist an der Macht, die Probleme der Gesellschaft eskalieren, aber es ist keine Bewegung mit umwälzender Tendenz in Sicht. Also muss man suchen. Das Unvorhergesehene. Fernab vom Staat. Nicht wie die »Neue antikapitalistische Partei« in Frankreich, die sich an Wahlen beteiligt – sie wird den Weg aller anderen Linken gehen.

ZEIT: In Ihrem Buch Logik der Welten kritisieren Sie den mit der Demokratie einhergehenden Gedanken, Wahrheiten seien endlich. Stattdessen postulieren Sie die »reelle Unendlichkeit der Wahrheiten«. Ist die Demokratie philosophisch obsolet?

Badiou: Schon Plato war gegen die Demokratie.

ZEIT: Wegen ihrer Folge, der Tyrannei. 

Badiou: Die Tyrannei folgt aus dem Grundproblem der Demokratie: Der demokratische Mensch ist nach Plato ein Mensch ohne Prinzipien.

ZEIT: »Weder Ordnung noch Konsequenz ist in seinem Leben«, so heißt es im 8. Buch des Staates.

Badiou: Das demokratische Leben ist ein Leben ohne Idee. Das kann ein sehr angenehmes Leben sein. Ein genießerisches. Dem Mann des Marktes gefallen die Produkte eben. Aber der Philosoph muss fragen, ob ein Leben nahe der Wahrheit möglich ist, ein Leben in der Idee.

Leserkommentare
  1. Ein überaus sympathischer Mensch, seine Sichtweisen treffend, visionär und inspirierend. Leider nervt die Eitelkeit des Herrn Randow ein wenig.

    Er ist meines Erachtens ein Wegbereiter für Menschen die diese Gedanken aufnehmen, Lösungen ausarbeiten, in eine für die Massen (die Menge der menschlichen Individuen) klare, einfache und einfühlsame Sprache transformieren, diese Ideen in die Welt tragen und bereit sind für diese Visionen ihr Leben zu opfern.

    - Wenn wir wirklich wieder am gleichen Punkt wie Marx angelangt sind, so müssen wir (wenn wir die Logik anwenden) erkennen, das das Grundproblem ein auf KAPITAL angelegte Warentausch-(Handel), Wachstums-(Bildung, Forschung & Entwicklung), Produktions-(Herstellung materieller Güter), Steuerungs-/RegelungsSYSTEMS (Verwaltung, Recht) uvm ist. Somit gilt es das Kapital durch etwas zu ersetzen welches die menschlichen Bedürfnisse (Leistungsgedanke, Gerechtigkeitsempfinden, Menschlichkeit etc.) besser und auf Dauer befriedigt.

    - Wenn Demokratie heutzutage wirklich nur eine Oligarchie von Finanzleuten, Berufspolitikern & Fernsehmoderatoren ist, so gilt es sich im friedlichen Sinne dieser "Demokratie" zu verweigern und im Endeffekt ihre Machtlosigkeit zu demonstrieren. Nicht wir sind die wahren Gefangenen sondern alle die darin partizipieren sind es. Für die Massen, die Geknechteten und mit Ängsten & Sorgen Beladenen ist es in Wirklichkeit ein leichtes sich abzuwenden. Es genügt nur eine von Wahrheit beseelte Idee der man folgen kann

  2. Die Texte Ihrer beiden Spiegelstriche sagen mir zu. mit zunehmendem Lebensalter sehe ich diese Oligarchie täglich deutlicher. Nur haben Sie da am Ende ein kleines Problem verkannt.

    Der Mensch muß von irgendwas Leben, Nahrung zu sich nehmen, Miete bezahlen ...

    Wie soll er das tun, wenn er sich "friedlich abwendet"? Das ist irgendwie so, wie nicht wählen gehen, sich alles gefallen lassen, resignieren.

    Was nützt <em>eine von Wahrheit beseelte Idee, der man folgen kann</em>, wenn man damit am Ende im Park schläft?

    Denn so funktioniert <em>das System</em>.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "friedlich abwenden" wird in der Tat schwierig. Einem ungerechten System die Unterstützung verweigern wird nur gelingen wenn es etwas "anderes" gibt das man stattdessen unterstützt. Ansonsten endet Verweigerung, Resignation, Desinteresse oder Gleichgültigkeit in Anarchie, Chaos, Zerstörung und Niedergang

  3. in der Gewissheit, dass Geld in unserer Welt, in unserem ganzen Denken, ja in all unserem Handeln die wichtigste Rolle spielt (oder besser gesagt spielen muss). Der Gedanke an Geld ist in fast allen unseren Erwägungen oder Entscheidungen vorhanden. Seid wir uns (als Menschheit) erinnern können ist Kapital direkt oder indirikt existent.

    Aber, sie ist nur eine Idee, eine Vorstellung wie wir als Menschen miteinander interagieren können um notwendige oder auch unnötige Sachen (Nahrung, Licht, Waerme, Energie i.A., Unterkunft, Dienstleistungen, Rechte, Informationen, Bildung etc...), zu erwerben um einfach Mensch sein zu dürfen (Gefühle leben, Liebe, Neugier, Reifen, Erfahrungen sammeln, Lehren, Verstehen und schlussendlich Sterben, in Würde). Das ist die Triebfeder des Kapitals. Sie verleiht ihm den Schwung und das Eigenleben.

    Nun eine (Gedanken-)Welt inder Begriffe wie Geld, Wert, bezahlen, Schulden etc. keine Rolle mehr spielen müssen wir uns noch erschaffen.
    Dass es eine nennenswerte Alternative nicht gegeben hat, bedeutet nicht, dass es nicht sein kann (oder darf).

  4. z.B. wie wäre es wenn man beim Brot holen nicht bezahlt sondern sich bedankt. Wie wäre es Vertrauenspunkte zu vergeben, die man selber für etwas bekommt bei der andere sich für die erbrachte Leistung bedankt haben. Wie wäre es wenn man mit diesen VP auch ein (An-)Recht erwerben kann etwas vom Menschheitsvermögen verwenden, benützen, ausprobieren zu können etc... Ich meine wir sind global miteinander vernetzt, können uns austauschen in vielerlei Hinsicht. Wir haben Heerscharen verschiedenster Denker an Universitäten oder sonstigen Bildungseinrichtungen sitzen. Anstatt Apps fürs iPhone zu entwickeln könnten die viele Ideen und Anwendungen zu einem globalen selbstbestimmten Verwaltungs-, und Verteilungsnetzes entwerfen.

    In Zukunft werden wir keine Politiker, Manager, Banker als Mittler mehr benötigen, die uns hinhalten und weismachen was wir brauchen und doch nur zu ihren eigenen Vorteil kostbare Lebenszeit rauben. Wir sollten es z.B. mit ein wenig Intelligenz hinkriegen eine jährliche weltweite Nahrungsherstellung zu organisieren die keine kommunistischen Warteschlangen beim Einkauf aber auch keine Butterberge hinterlässt. Wir wissen doch was gesunde und leckere Ernährung ist. Wozu Wachstumsmärkte im "Food-Engineering" Bereich? etc... etc...

    Freiwillig ändern sich eingefahrene Strukturen auch nicht. Einen angestammten und warmen Platz gibt man auch nicht gerne freiwillig auf (ich spreche jetzt von den erwähnten Mittlern und Ausbeutern).

  5. "friedlich abwenden" wird in der Tat schwierig. Einem ungerechten System die Unterstützung verweigern wird nur gelingen wenn es etwas "anderes" gibt das man stattdessen unterstützt. Ansonsten endet Verweigerung, Resignation, Desinteresse oder Gleichgültigkeit in Anarchie, Chaos, Zerstörung und Niedergang

    Antwort auf "mmhhh...."
  6. Mir gefällt das Interview außerordentlich. Nicht nur, dass ein solcher Diskurs viel zu selten öffentlich geführt wird, nein er ist vor allem offen - beide nehmen kein Blatt vor den Mund.

    In meinen Augen ist es wichtig die Demokratie hinreichend aus normativer Sicht zu betrachten, ehe man empirisch über sie urteilt. Eine auf nationalstaatliche Grenzen beschränkte Demokratie kann nie eine wirkliche Demokratie sein, da sie langfristig nie den Willen des Volkes durchsetzten kann. Eine spieltheoretisch einfach herzuleitende Logik, die bereits 1919 zur Gründung der ILO geführt hat und später immer wieder diskutiert, aber nicht in ausreichendem Maße der breiten Öffentlichkeit verdeutlicht wurde.

    Würde man eine globale Demokratie etablieren - entweder durch eine Reform der Vereinten Nationen oder durch eine per Referendum zu verabschiedende neue Weltverfassung - so würde man der `Wahrheit´ automatisch näher kommen - das Seilziehen zwischen Volkswille und unreguliertem Kapitalismus wäre beendet.

    Eine unfehlbare `Wahrheit´ gibt es in meinen Augen auch gar nicht, dafür gibt es zu viele Unterschiede zwischen den Menschen und auch zu viele Veränderungen im Umfeld der Menschen, auf welche die Gesellschaft reagieren muss.

    Eine freie Gesellschaft hat ihre Nachteile, aber eine absolutistische Wahrheit ist in meinen Augen faschistoid und somit absolut indiskutable.

    Eine wirklich revolutionäre Reform wäre die Etablierung einer globalen Demokratie - one person one vote.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service