"Guter schlechter Geschmack blickt zu seinem Objekt auf und macht sich nicht darüber lustig", sagt John Waters © Carlo Allegri/Getty Images

DIE ZEIT: Mr. Waters, in Ihren Filmen lieben Sie die Überschreitung von Geschmacksgrenzen. In Ihrer Transvestiten- und Glamoursatire Pink Flamingos wurde 1972 ein Huhn vergewaltigt.

John Waters: Ja, aber das Huhn war schon tot, und wir haben es nach Drehschluss ordentlich gegrillt und gegessen.

ZEIT: Im gleichen Film isst Ihr Hauptdarsteller, der Transvestit Divine, Hundescheiße.

Waters: Die Szene hat mehr provoziert als jeder Hardcore-Sex. Die Staatsanwälte drehten durch, aber sie konnten sie nicht herausschneiden lassen, weil es kein Gesetz dagegen gab. Einmal, in Long Island, mussten der Produzent und ich ein Papier unterzeichnen, wonach wir 5000 Dollar Strafe zahlen mussten und ins Gefängnis gekommen wären, wenn wir den Film dort noch mal gezeigt hätten. Da hatte das Museum of Modern Art Pink Flamingos gerade für seine Sammlung gekauft.

ZEIT: Ihre in den siebziger Jahren gedrehten Filme Pink Flamingos , Female Trouble und Desperate Living sind als »Trash-Trilogie« in die Filmgeschichte eingegangen. Gefällt Ihnen der Titel?

Waters: Das Wort »Trash« mochte ich nie. Es klingt, als ob sich zwei alte Schwule in einem Antiquitätenladen über Rita Hayworth unterhalten. Ich wollte damals einfach Geschmacksgrenzen austesten und amerikanische Auswüchse veralbern: in Pink Flamingos den Celebrity-Wahn. In Female Trouble die Gleichsetzung von Gewalt und Glamour. In Polyester die Illusionen des Mittelstands.

ZEIT: Mittlerweile werden Ihre Filme in Retrospektiven gefeiert und sind auf DVD extrem erfolgreich. Damals schockierten sie selbst ein Minderheitenpublikum. Was trieb Sie zur Provokation?

Waters: Wut. Wut auf die ungeschriebene Regeln. Wut auf mich selbst. Wut auf den Ausschluss all dessen, was nicht ins Bild passt. Aber irgendwann muss man aufhören, wütend zu sein. Ein 20Jähriger, der wütend ist, ist sexy. Ein 63-Jähriger, der wütend ist, ist ein Arschloch. Sicher hing meine Wut auch mit mangelndem Selbstvertrauen zusammen. Wer Künstler wird, muss notorisch wenig Selbstwertgefühl haben. Wir sind so blöde, uns in ein Metier zu begeben, in dem wir Fremde für den Rest unseres Lebens bitten, uns zu sagen, dass wir gut sind.

ZEIT: Kommt nach dem Ende der Wut die Einverleibung des Undergrounds durch den Mainstream? Die Musical-Version Ihres Films Hairspray wurde zum Welterfolg.

Waters: Inzwischen gebe ich Achtjährigen Autogramme! Vor 30 Jahren hätten mich die Eltern verklagt, wenn ich nur in deren Nähe gekommen wäre. Hairspray ist immer noch ein subversiver Waters-Plot über ein dickes Mädchen, das in einer TV-Show auftreten will. Dicke Menschen rühren mich an. Dieses dicke Mädchen steht für alle Minderheiten dieser Welt. Dabei sollte man den subversiven Kern dieser Geschichte nicht vergessen: Im Zentrum jeder Musical-Aufführung steht eine bejubelte Szene, in der ein Mann einen anderen Mann in Frauenkleidern küsst.

ZEIT: Was ist eigentlich so faszinierend an einem Mann, der Frauenkleider trägt?

Waters: Glauben Sie mir, Darling, ich habe in meinem Leben auch grauenvolle Transvestiten und Dragqueens gesehen. In Hairspray ist das Schöne, dass es eigentlich keinen Grund dafür gibt, dass Edna, die Mutter der Heldin, von einem Mann gespielt wird. Es gibt auch nicht den üblichen Transvestitenwitz, bei dem am Ende der Show mit der Perücke gewedelt wird. Ich habe immer abgelehnt, die Rolle von einer Frau spielen zu lassen. Vielleicht erlaube ich es, wenn Peter Pan auch mal von einem Mädchen gespielt wird.

ZEIT: Fühlen Sie sich immer noch nicht als »Musical-Onkel«?

Waters: Im Gegenteil. Als ich Filme wie Pink Flamingos drehte, predigte ich zu den Konvertierten. Jetzt akzeptieren Mittelklassefamilien in Form eines Musicals ein Geschlechter- und Rassenspiel, das sie im wirklichen Leben überfordern würde. Sie beklatschen auch die Szene, in der ein weißes Mädchen einen Farbigen küsst. Die Ideen, die ich früher in Undergroundfilmen transportierte, werden nun von amüsierwilligen Massen beklatscht, weil sie gut verpackt sind.