Musical "Hairspray" "Irgendwann ist alles Sex"Seite 3/3

ZEIT: Neben Sex ist auch Gewalt und deren Verbindung mit Celebrity Ihr Thema. In Female Trouble richtet Divine während einer Show eine Pistole ins Publikum und schreit: »You want to die for art?«

Waters: Diese Szene entstand nach dem Prozess gegen den Massenmörder Charles Manson. Berühmt und berüchtigt zu sein ist in Amerika fast dasselbe. Ob man in den USA ein Mittel gegen den Krebs entdeckt oder 45 Menschen umbringt, macht keinen großen Unterschied.

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ZEIT: Sie haben sich über Jahre intensiv mit Manson beschäftigt. Warum?

Waters: Mich fasziniert, wie Gewalttaten und Gewalttäter die Öffentlichkeit erregen und wie sie zu etwas anderem mutieren, was mit den Tätern und ihren Taten kaum noch etwas zu tun hat. Mich interessiert nicht der erschreckende alte Mann Charles Manson. Mich interessiert, dass Charles Manson in den USA ein Halloween-Kostüm ist.

ZEIT: In Female Trouble gelingt es der ruhmsüchtigen Heldin am Ende, auf dem elektrischen Stuhl zu landen. Dort hält sie eine Dankesrede.

Waters: Wenn Sie ein Verbrecher sind und Ihr Verbrechen als einen Weg zum Ruhm betrachten, dann haben Sie mit dem elektrischen Stuhl den Oscar gewonnen.

ZEIT: Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Ihrem eigenen Ruhm?

Waters: Ich habe keins. Ich hatte immer eine Ausdrucksmöglichkeit für alles Verrückte, Abartige, was ich gerne tun wollte. Statt dafür im Gefängnis zu landen, wurde ich berühmt und nach Cannes eingeladen. Wäre ich kein Filmemacher, dann wäre ich wohl Psychiater oder Strafverteidiger geworden.

ZEIT: In der amerikanischen Presse hieß es einmal, Sie seien für Ihre Heimatstadt Baltimore, was Ingmar Bergman für Schweden ist.

Waters: Ich liebe Ingmar Bergman. Eine unterschätzte Leistung von ihm ist, dass er als erster Regisseur das Kotzen im Kino gesellschaftsfähig machte. Heute sieht man in jedem zweiten Hollywoodfilm jemanden kotzen. Man gewinnt keinen Oscar mehr, ohne es zu tun. Noch dazu hat Ingmar Bergman den ersten Sexfilm gedreht, den wir damals in Baltimore sahen. Tatsächlich hatten sie einfach die Dialoge aus einem Bergman-Film herausgeschnitten und die Titten drin gelassen. Sie nannten ihn Die Sünden der Monika . Zusammen mit Divine habe ich Bergmans Die Stunde des Wolfes auf LSD gesehen. Dazu muss man Fan sein! Übrigens habe ich gerade den Katalog für die Versteigerung des Bergman-Nachlasses bekommen.

ZEIT: Was wollen Sie ersteigern?

Waters: Das Objekt, das mich besonders interessiert, ist leider nicht im Katalog: Ingmar Bergmans Mülleimer. Ich würde so gerne beim Schreiben meine misslungenen Versuche da hineinwerfen. Ich habe an die Nachlassverwalter geschrieben, aber noch keine Antwort bekommen. Einmal habe ich auch versucht, Jackie Kennedys Mülleimer zu ersteigern, und auch da bekam ich erst einmal keine Antwort. Irgendwann rief mich die nette Frau von Sotheby’s an und sagte: »Sie haben doch den Katalog gesehen. Die Frau konnte einfach nichts wegwerfen.«

ZEIT: Irgendwie sind Sie immer noch der König des schlechten Geschmacks.

Waters: Der König des guten schlechten Geschmacks! Es gibt auch schlechten.

ZEIT: Wo liegt der Unterschied?

Waters: Guter schlechter Geschmack blickt zu seinem Objekt auf und macht sich nicht darüber lustig. Er hängt nicht von Geld oder Bildung ab. Ein älteres Ehepaar, das vor seinem Wohnwagen sitzt und auf rosa Blechflamingos blickt, ist einfach schön. Das ist guter schlechter Geschmack. Der Yuppie, der diese Figuren in seinem Garten aufstellt, macht sich hingegen über die Menschen lustig, denen sie gefallen. Der beste schlechte Geschmack besteht darin, sich völlig ohne Ironie schlecht anzuziehen. Diese Leute wissen oft gar nicht, wie großartig sie aussehen. Und der schlechteste schlechte Geschmack besteht darin, sich verbissen für geschmackvoll zu halten. Schauen Sie sich Victoria Beckham an. Sie sieht immer aus, als hätte sie gerade etwas Schlechtes gerochen.

ZEIT: Sind Sie ein Geschmackshumanist?

Waters: Vielleicht.

ZEIT: Gehen Sie manchmal auch mit sich selbst geschmacklos um?

Waters: Ich habe mir mal eine Reihe von Schlagzeilen zu meinem Tod vorgestellt. Am besten gefiel mir: »John Waters von Müllauto überrollt.«

Die Fragen stellte Katja Nicodemus

 
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