DIE ZEIT: Herr Rösler, vor einiger Zeit haben Sie gefordert, die FDP müsse sympathischer werden. Geht das mit Ihrem neuen Job?

Philipp Rösler: Natürlich werde ich jetzt kritischer beobachtet. Aber wer versucht, bei seinem Handeln nur auf die öffentliche Meinung zu schielen, wird die traurige Erfahrung machen, dass der Wähler schneller ist als er selbst. Und ich habe in den ersten Wochen in Berlin schon die Erfahrung gemacht, dass jede Entscheidung für etwas auch eine Entscheidung gegen etwas sein kann. Das war als Wirtschaftsminister in Niedersachsen netter. Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier.

ZEIT: Sie sind der erste FDP-Mann im Gesundheitsministerium, Sie sind selbst Arzt. Welche Rolle spielt das beides für Ihre Politik?

Rösler: Ich habe ein Bild von der Bürokratie, mit der Ärzte zu tun haben, ich kenne auch ihren Alltag. Abgesehen davon bin ich aber als Gesundheitsminister verpflichtet, eine vernünftige Krankenversicherung für alle bereitzustellen. Meine Aufgabe ist es, für über 80 Millionen Versicherte zu sorgen – und nicht, auf einzelne Gruppen zu achten. An diesem Ziel werde ich mich orientieren. Der Weg dahin ist allerdings in vielen Punkten anders, als ihn etwa die SPD will. Wir wollen ein System, das klare Regeln schafft, aber sich nicht ständig anmaßt, alles lenken zu wollen.

ZEIT: In Ihrer Regierungserklärung haben Sie gesagt, die Kosten senke man durch Wettbewerb statt durch Gesetze und Verordnungen.

Rösler: Ich habe gesagt, dass wir den mündigen, eigenverantwortlichen und aufgeklärten Versicherten brauchen.

ZEIT: Wie mündig kann der Bürger denn in existenziellen gesundheitlichen Fragen sein? Er ist abhängig von den Empfehlungen der Ärzte.

Rösler: Bei vielen medizinischen Entscheidungen stimmt das, Gesundheit ist ein sensibles Gut. Aber bei der Wahl der Krankenkasse oder eines Krankenhauses für eine planbare Operation kann man auch ohne Medizinstudium Entscheidungen fällen. Je besser ein Mensch aufgeklärt ist, desto souveräner kann er solche Entscheidungen fällen. Das muss das Ziel sein. Übrigens ist das Ziel von Gesundheitsaufklärung nicht nur, dass der Patient die Vertragsangebote von Krankenversicherungen prüft, sondern dass er viel dafür tut, gar nicht erst krank zu werden. Auch dafür muss das Gesundheitssystem noch mehr Anreize geben.

ZEIT: Wollen Sie Vorsorge vorschreiben oder durch Nachlässe beim Beitrag belohnen?

Rösler: Es geht nicht um vorschreiben. Wir müssen den Krankenkassen die Möglichkeit geben, verschiedene Dinge auszuprobieren. Es heißt immer, Prävention sei die beste Form der Kostensenkung. Aber dieser Einsicht sind bisher nicht genug Taten gefolgt.

ZEIT: Müssen sich in Ihrem Modell nicht auch die Leistungen der Kassen stärker unterscheiden?

Rösler: Der bestehende Leistungskatalog wird nicht beschränkt. Das steht im Koalitionsvertrag, den wir alle unterschrieben haben.

ZEIT: Ihr umstrittenstes Projekt betrifft die Finanzierung der Krankenversicherung. Die neue Regierung will ein System, bei dem die Kosten für die Arbeitgeber eingefroren werden. Die Versicherten sollen eine Prämie zahlen, die nicht vom Einkommen abhängt. Ein Ausgleich zugunsten der Geringverdiener soll über das Steuersystem erfolgen. Warum all das?

Rösler: Was wir bisher an Gesundheitsreformen erlebt haben, egal von welcher Partei, waren im Wesentlichen Kostendämpfungsreformen, die nie sehr lange wirkten. So geht es nicht weiter. Die Kosten im Gesundheitswesen werden durch den technischen Fortschritt und vor allem durch die demografische Entwicklung langfristig weiter steigen. Das wird man nicht allein durch weitere Spargesetze auffangen können. Es ist aber auch nicht richtig, den Anstieg der Lohnzusatzkosten einfach hinzunehmen. Eine Prämie mit Sozialausgleich hilft, die Höhe der Sozialabgaben und die Kostenentwicklung zu entkoppeln. Und sie bringt mehr Wettbewerb zwischen den Kassen.