Kircheneintritt

Nicht als reuige Sünder

Wie die evangelische Kirche darum kämpft, ihre lichten Reihen wieder aufzufüllen.

Bischöfin Margot Kässmann, seit Oktober 2009 EKD-Vorsitzende

Bischöfin Margot Kässmann, seit Oktober 2009 EKD-Vorsitzende

Die evangelische Kirche, wie auch ihr katholisches Pendant notorisch von Austritten geplagt, hat eine neue Zielgruppe entdeckt: die Ausgetretenen. Schön, dass Sie (wieder) da sind! ist ein gut hundertseitiges Papier zum Wiedereintritt überschrieben, das erste Dokument von Gewicht, das die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vorlegt, seit dort im Oktober Bischöfin Margot Käßmann den Ratsvorsitz übernommen hat. Obwohl es noch unter dem alten Rat angeschoben wurde, setzt es doch ein Signal: Die neue Kirchenleitung wendet sich der riesigen Schar aus der Kirche ausgetretener Protestanten zu. Auf bis zu fünf Millionen Menschen schätzt die EKD die Zahl ehemaliger Evangelischer und hofft, wenigstens einen Teil von ihnen zurückzugewinnen. Ganz leicht ist das nicht. Denn selbst wer sich zum Wiedereintritt entschließt, neigt nur selten dazu, seine Umkehr an die große Glocke zu hängen. »Bis heute«, sagt ein EKD-Verantwortlicher und seufzt, »ist der Kircheneintritt stärker tabuisiert als der Kirchenaustritt.«

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Dabei sind die Zahlen beachtlich. Zu den 190000 evangelischen Kindstaufen im Jahr kommen inzwischen 60000 Eintritte. Die Wiedereintritte machen davon der Studie zufolge mit 26500 fast die Hälfte aus (die übrigen entfallen auf Taufen Jugendlicher und Erwachsener sowie auf knapp 9000 Konversionen vom Katholizismus im Jahr). Wie stark der Anstieg ist, zeigt sich im Langzeitvergleich: Seit dem Tiefstand 1974 haben sich die Eintritte mehr als verdoppelt.

Voraussetzung für weitere Erfolge sei »eine neue, einladende Grundhaltung der Kirche«, die Bischöfin Käßmann »ausdrücklich gestärkt und gefördert« sehen will. Von einer »markanten thematischen Akzentverschiebung« in der Kirche spricht sie: Wo früher der Austritt als Schlusspunkt im Verhältnis zwischen dem Gläubigen und der Institution gesehen wurde, bekommt der Ausgetretene jetzt jede Chance zur Rückkehr.

Die Pfarrer werden ermahnt, den Ausgetretenen nicht Buße abzuverlangen, wenn sie in die Kirche zurückkehren wollen. Nicht als reuige Sünder seien sie zu betrachten, sondern als Menschen mit einem eigenen geistlichen Weg, auch wenn dieser sie zwischenzeitlich von der Kirche fortgeführt hat. »Die Kirche tut gut daran, die Wiederaufnahme nicht als Vergebung einer Verfehlung gegen die Gemeinschaft zu inszenieren«, heißt es in dem Papier, »sondern als einen neuen Schritt auf einem Weg zu feiern, auf dem alle Glaubenden unterwegs sind.«

Offenbar sind auch die inzwischen 140 Wiedereintrittsstellen bundesweit eine Erfolgsgeschichte. Diese befinden sich in Kirchen, aber auch in Buchhandlungen – oder sie sind mobil unterwegs, um etwa eine kommerzielle Hochzeitsmesse mit einem Stand zu bestücken. »Wo eine (Wieder-)Eintrittsstelle eingerichtet wurde, stieg die Zahl der (Wieder-)Eintritte signifikant an«, bilanziert die EKD. Für die Rückkehr brauche es oft einen Anstoß von außen.

In Zukunft will die Kirche vermehrt auch festliche Feiern zum Wiedereintritt entwickeln, so dass dieser nicht »im Alltag als ein administrativer Akt unter vielen untergeht«. Einen Service allerdings können Pfarrer schlecht anbieten: die Zweittaufe. Wer einmal getauft ist, bleibt es nach kirchlichem Verständnis bis zum Tod.

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Leser-Kommentare

  1. Weist einem eine Universität durch den einst verliehenen Grad ausdrücklich nach, Soziologie zu besitzen und damit nicht allein gegenüber dem christlichen Gott stets arrogant sein zu dürfen, grämen sich mithin Pastoren der Lutherischen seltsam, wenn ein solcher jenem die Hand zum Gruß hebt. Anstatt aber eines öffentlichen Eingeständnisses, erhält man von diesen Pseudoreligiösen in den Gewändern der Pastoren Briefe geschrieben, die verlangen zu begründen, weshalb diese wissenschaftlich Höherrangigen ohne Laut zu geben sie gleichsam in deren eigenes Messer laufen ließen.

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    was wollen Sie denn jetzt damit sagen. Wo ist der Bezug zum Artikel?

    ???   Manu84

    Ich habe ihren Kommentar kein bisschen verstanden.

  2. Unglaublich: Die Kirche hat das Gleichnis vom verlorenen Sohn gelesen und sogar halbwegs verstanden - und verlangt deshalb beim Wiedereintritt zumindest keine Buße. Die Ausgetretenen selbst behandelt man natürlich weiterhin unversöhnlich, und lehnt sie z.B. als Taufpaten ab.

    Ich glaube, so ganz richtig hat die evangelische Kirche das Gleichnis vom verlorenen Sohn noch nicht verstanden. Entsprechend werden weiterhin nicht nur hartgekochte Atheisten wie ich die Kirche verlassen, sondern genügend Leute, die im Grunde nur den bigotten Verein nicht mögen.

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    Taufe   KlausFuchs

    Von einem Taufpaten erwartet die ev. Kirche (lt. ekd.de) haben die Eltern die Aufgabe den Täuflingen "von ihrem christlichen Glauben, aber auch von ihren Zweifeln zu erzählen". Eventuell gibt's bei den Ausgetretenen da einen zu negativen Einfluss. Darüber hinaus haben Sie die Aufgabe "stellvertretend für die Kinder den Glauben zu bezeugen". Dies kann's mir wahrlich nicht vorstellen, da ich ja den in der Regel den Willen des Kindes nicht kenne und daher auch nicht stellvertretend für ihn etwas bezeugen kann.

    Inkonsequent   faralischta

    Warum wollen Sie Taufpate werden, ohne in der Kirche Mitglied zu sein. Ich erwarte doch auch nicht, dass ich in Ihrem Golfklub mitspielen darf, ohne dass ich daz gehöre...

    Das hat mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn nichts zu tun, denn der kommt ja zurück und will gerade NICHTS!

  3. Nun, in der Tat finde ich die Tendenz richtig - genau so, wie Ihren Verweis auf das bekannte Gleichnis.
    Nicht nachvollziehen kann ich aber über das Ärgernis, als Nicht-Kirchenmitglied nicht Taufpate werden zu dürfen. Der Taufpate verpflichtet sich, den Eltern dabei zu helfen, das Kind im Glauben der Kirche zu erziehen. Wie soll das gehen, wenn er nicht Mitglied der Kirche ist?
    Die Taufe ist die Feier der Aufnahme in die Gemeinde. Es ist mithin mehr als nur ein christlicher sondern ein originär kirchlicher Ritus. Wieso sollte jemand bei diesem Ritus Pate sein, wenn er doch die Kirche ablehnt?

    Das hat für mich nichts mit Unversöhnlichkeit und erst recht nichts mit Bigotterie zu tun - ganz im Gegenteil.

  4. müsste man die Kirchen in Diskos oder Supermärkte umwandeln, abreißen oder an andere (etwa islamische) Glaubensgemeinschaften verkaufen. Dann könnten die Ausgetretenen im Urlaub allerdings auch keine Kirchen mehr besichtigen und an Weihnachten gäbe es auch keinen Gottesdienst, auch sonst keine kirchlichen Hochzeiten und Taufen, wohin man ja dann doch ganz gern hingeht. Ohne Kirchen müsste der Staat mehr Steuern für Kindergärten, Altenheime, psychlogische Betreuung von Kranken, Trauenden etc. aufwenden. Ich denke, dass sich sehr viele, die (wohl aus Geiz) ausgetreten sind, an sich mit den Leistungen der Kirche und den christlichen Werten durchaus identifizieren. Schön ist es, wenn sie wieder eintreten.

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    Der Staat zahlt doch sowieso schon mehr als dreiviertel der Kindergärten, Altenheime etc.

    Schauen Sie sich erst einmal die Reportage in "Panorama" an, bevor Sie übers Geld reden wollen:

    http://www.youtube.com/wa...
    und:
    http://www.youtube.com/wa...

    Viel Spaß beim Aufwachen...

    kann man am Wochenende auch ohne besonderen Grund saufen gehen, wenn man sich das von den kirchlichen Autoritäten nicht verbieten lässt. Und das ist ja wohl der Hauptgrund, zu Hochzeiten oder Taufen zu gehen: Fressen und Saufen. Und wenn der Mensch es nun schafft sich über die moralische Kleingeisterei der Kirchen hinwegzusetzen, braucht er da auch keine fragwürdigen Entschuldigungen mehr.

  5. 5. Taufe

    Von einem Taufpaten erwartet die ev. Kirche (lt. ekd.de) haben die Eltern die Aufgabe den Täuflingen "von ihrem christlichen Glauben, aber auch von ihren Zweifeln zu erzählen". Eventuell gibt's bei den Ausgetretenen da einen zu negativen Einfluss. Darüber hinaus haben Sie die Aufgabe "stellvertretend für die Kinder den Glauben zu bezeugen". Dies kann's mir wahrlich nicht vorstellen, da ich ja den in der Regel den Willen des Kindes nicht kenne und daher auch nicht stellvertretend für ihn etwas bezeugen kann.

    • 30.11.2009 um 4:49 Uhr
    • mexi42

    Bei einem Ehepaar, dessen Partner der Kirche angehört
    aber kein Einkommen hat, wird der berufstätige, über
    Einkommen verfügende (nicht der Kirche angehörende)
    Partner zur Kirchensteuer veranlagt - und das mit
    staatlicher Unterstützung.
    Vor vierzig Jahren war dieser Vorgang verfassungswidrig.

  6. Warum wollen Sie Taufpate werden, ohne in der Kirche Mitglied zu sein. Ich erwarte doch auch nicht, dass ich in Ihrem Golfklub mitspielen darf, ohne dass ich daz gehöre...

    Das hat mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn nichts zu tun, denn der kommt ja zurück und will gerade NICHTS!

    • 30.11.2009 um 7:51 Uhr
    • rvn

    Der Staat zahlt doch sowieso schon mehr als dreiviertel der Kindergärten, Altenheime etc.

    Schauen Sie sich erst einmal die Reportage in "Panorama" an, bevor Sie übers Geld reden wollen:

    http://www.youtube.com/wa...
    und:
    http://www.youtube.com/wa...

    Viel Spaß beim Aufwachen...

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    Warum machen diese Leute von Panorama nicht selbst ein Altenheim auf oder gründen einen Kindergarten?

    Oder der ehrenwerte Bürgermeister, der so tut, als flösse quasi sein eigenes Geld in den kirchlichen Kindergarten und als wäre es nicht eine Aufgabe der Kommune, für Kinderbetreuung zu sorgen? Die Kommune könnte sich doch aus der Gefangenschaft der Kirche befreien und zu 100% für ihren eigenen Kindergarten aufkommen, und der Bürgermeister hätte alle Probleme selbst am Hals...

    In Deutschland gilt das Subsidiaritätsprinzip - der Staat macht also im kommunalen nur das, was andere nicht machen (wollen). Es steht jedem frei, einen Kindergarten zu gründen, einen Pflegedienst oder ein Altenheim zu betreiben. Selbst 10% Eigenanteil sind da noch sehr hoch, das merkt man aber erst, wenn man es mal gemacht hat.

    Noch interessanter wird es übrigens bei Friedhöfen: als ich als Pastor zeitweise für drei kirchliche Friedhöfe zuständig war, nahm das einen großen Teil meiner Arbeitszeit ein. Die Kommune wollte die Friedhöfe nicht haben, wir durften aber damit keinen Gewinn erwirtschaften, gleichwohl uns mit den Unkrautsorgen, umfallenden Grabsteinen usw. der Angehörigen rumschlagen.

    Jeder meiner Kollegen wäre dankbar, wenn er das in kommunale Hand abgeben dürfte, aber es will keiner machen, die Kommunen weigern sich, diese Dinge zu übernehmen.

    Tendenziöse Berichterstattung à la Panorama ist doch viel einfacher, als selbst etwas auf die Beine zu stellen und Verantwortung übernehmen.

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  • Von Patrik Schwarz
  • Datum 29.11.2009 - 19:53 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
  • Kommentare 16
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