Antisemitismus Darum Israel!

Linke Antisemiten verhindern in Hamburg einen Film von Claude Lanzmann

Der Filmemacher Claude Lanzmann 2008 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes

Der Filmemacher Claude Lanzmann 2008 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes

Es gibt immer noch Menschen, für die kommt das Böse, das die Welt bedroht und in Deutschland bekämpft werden muss, aus Israel. Das Böse ist einem alten Dualismus zufolge das Gegenteil des Guten, das Böse sind deshalb immer die Anderen und für manche Zeitgenossen mal wieder die Juden – auch wenn sie in Hamburg vorsichtshalber Zionisten genannt werden. Dort leben beinharte Antizionisten, die den Zionismus als Rassismus und sich selber als "bewusste Linke" bezeichnen. Sie sind aber in Wahrheit nur linke Antisemiten. Soeben haben sie im Vollbesitz ihres richtigen (oder auch rechten) Bewusstseins eine Deklaration gegen die "rassistische Aufspaltung der Welt" verfasst, darin wird jegliche Verteidigung Israels als Kriegstreiberei diffamiert, darin wird erklärt, was zu bekämpfen sei, nämlich "ein System der weißen Dominanz, das auch aus dem Holocaust wieder dominant hervorging", und darin wird gerechtfertigt, dass kürzlich die Hamburger Aufführung eines Filmes von Claude Lanzmann nicht stattfinden durfte.

Was war geschehen? In einem kleinen Programmkino sollte Lanzmanns erster wichtiger Dokumentarfilm Warum Israel aus dem Jahr 1973 gezeigt werden. Der französische Regisseur des Jahrgangs 1925 kam als junger Mann zur Résistance und wurde 1985 berühmt mit seinem großen aufklärerischen Dokumentarfilm Shoah.

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Nun ist er plötzlich zum Buhmann der Gegenaufklärer avanciert: Um die geplante Aufführung seines Films zu verhindern, errichteten Aktivisten des sogenannten antiimperialistischen Zentrums B5 eine Barrikade im Stil eines israelischen Grenzkontrollpostens. Sie traten in Tarnfleck auf und waren mit Holzgewehren bewaffnet, sie verteilten Flugblätter gegen den angeblich "zionistischen Propagandafilm", den sie, wie sich später herausstellte, gar nicht kannten. In ihrer schriftlichen Rechtfertigung wehren sie sich nun gegen eine Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus, und man könnte das Papier als peinliches Machwerk einiger bedauernswerter Wirrköpfe in den Mülleimer werfen – wenn es nicht so symptomatisch für eine neualte revolutionäre Judenfeindlichkeit wäre. Sie geriert sich heute gern als Israelkritik, die angeblich nicht geübt werden dürfe, aber dauernd geübt wird. Warum Israel? Genau darum Israel!

Linker Antisemitismus als Begleiterscheinung eines geharnischten Antikapitalismus ist ja nicht neu. Er geht zurück auf die Anfänge des Marxismus, auf den missverständlichen Essay Zur Judenfrage von Karl Marx, der eigentlich den Antisemitismus kritisieren wollte, aber fatalerweise die Emanzipation der Juden als Emanzipation vom Judentum predigte: "Welches ist der weltliche Kultus des Judentums? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld."

Solche Merksätze wurden nachher lustvoll zitiert von wahnhaften Antisemiten, die im Namen des Antiimperialismus uralte Klischees von jüdischen Ausbeutern, Wucherern, Weltherrschern reaktivierten. Das gab es unter Stalin, das entbarg sich in den Slansky-Prozessen und in der palästinafreundlichen Außenpolitik der DDR. Als "imperialistischen Brückenkopf im Nahen Osten" und als Hort "des zionistischen Finanzkapitals" diffamierte man den Staat Israel. Ulbricht nannte den Sechstagekrieg "Blitzkrieg" und fürchtete ein "Protektorat Sanai", man sprach von israelischer "Wehrmacht" und warf den Israelis "Massenpogrome" vor. Die zwanghaften sprachlichen Anleihen beim Faschismus entlarvten die linke Israelkritik als das, was sie war: sekundärer Antisemitismus – das heißt Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz.

Nein, Antifaschismus und Antisemitismus sind kein Widerspruch. Mit den Worten August Bebels: "Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls." Wir wollen zugunsten der Hamburger Antiimperialisten unterstellen, dass Bebels Satz auf sie zutrifft. Aber nicht alle antisemitische Israelkritik ist heutzutage dumm, sie ist auch kein Vorrecht der Linken oder der Rechten, sondern siedelt als unausrottbare Dummheit inmitten der besten israelkritischen Gesellschaft.

 
Leser-Kommentare
  1. [Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Aussagen dieser Art. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

  2. Das ist doch längst der neue Faschismus, mindestens so gewalttätig und kriminell wie die Rechten.

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    zu # 3
    Ja, gute Erklärung und damit Aufklärung. Die wissen wollen, ob sie mit gerechtigter Kritik an Israel etwa "antisemitisch" eingestuft werden können, bekommen hier die Antwort.

    zu # 3
    Ja, gute Erklärung und damit Aufklärung. Die wissen wollen, ob sie mit gerechtigter Kritik an Israel etwa "antisemitisch" eingestuft werden können, bekommen hier die Antwort.

  4. Demnach ist z.B. der angesehene Schriftsteller Uri Avnery "unausrottbar dumm" ? [Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

  5. Natürlich hat jeder und jede das Recht sich zu allem zu äußern, was einem so einfällt. Das ist schlicht ein Gebot der Meinungsfreiheit und in Zeiten des Web 2.0 kann dies alles sogar weltweit gelesen werden.

    Allerdings ist es ebenso einfach die jeweiligen Verfasser zu googeln und sich so ein Bild davon zu machen, wo deren 'Expertise' so liegt. Die Autorin dieses Artikels scheint nach ihren sonstigen Betätigungen zu urteilen ihre starken Worte allein aus einem spontanen Bauchgefühl heraus gleich auf die Website der ZEIT katapultiert zu haben. Schade für die Qualität der Seite:

    Evelyn Finger, geboren 1971 in Ostdeutschland, erste Wintersporterfahrung 1975 im Erzgebirge. Studierte Germanistik und Anglistik in Halle/Saale, schrieb nebenher für verschiedene Tageszeitungen, vor allem über Theater. 2001 kam sie zur ZEIT, zunächst ins Ressort Literatur, später auch Leben und Reise. Eigentlich klassische Rezensentin, versuchte sie sich nun unter anderem im Genre Ski-Reportage. Seit 2004 ist sie Redakteurin im Feuilleton und schreibt über Tanz, Literatur, Kulturpolitik, Geschichtsaufarbeitung. Das Schönste am Mauerfall ist für sie persönlich, dass man winters in die Alpen und die Rocky Mountains reisen kann.

    • wima
    • 27.11.2009 um 9:16 Uhr

    Sehr geehrte Frau Finger,

    vielen Dank für diesen großartigen Artikel, der mit oftmals festgefahrenen Denkmustern bezüglich Rassismus bricht.
    Ich kann mich Ihnen nur anschließen: Dummheit ist Allgemeingut. Und als solches auch meines, Ihres und aller anderen Menschen. Danke, dass Sie diese mit dem Blick auf linken Antisemitismus hinterfragt und kenntlich gemacht haben.

    Mit freundlichsten Grüßen
    wima

  6. Wer gegen die zügellose Lebensraumpolitik der israelischen Zionisten ist, ist noch lange kein Antisemit.

    Zumal u.a. die Araber zu den "Söhnen Sems" gezählt werden...

    [Anmerkung: Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

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    Und nein, nicht weil Sie Israel "kritisieren", wie Ihre Gesinnungsgenossen das gelegentlich formulieren. Vielmehr verrät die diffamierende Art und Weise, in der Sie hier mit schöner Regelmäßigkeit Ihr Missfallen an der israelischen Politik verpacken, nur zu deutlich, wes Geistes Kind Sie sind:

    1. Sie dämonisieren Israel, indem Sie seine Politik in Ihrer Wortwahl regelmäßig auf eine Stufe mit der der Nazis stellen, was für sich genommen schon abscheulich genug ist.

    2. Sie verwenden doppelte Standards, in dem Ihnen niemals ein vergleichbares Wort der Kritik zu den grausamen Menschenrechtsverletzungen einfallen würde, wie sie etwa in den arabischen Ländern oder im Iran an der Tagesordnung sind. Damit verraten Sie, dass Ihnen die Menschenrechte der Muslime tatsächlich am Allerwertesten vorbeigehen, solange Sie diese nicht für Ihre israelfeindlichen Tiraden instrumentalisieren können.

    3. Sie delegitimieren Israel, indem Sie - wie hier bereits mehrmals geschehen - seine Gründung und seine nackte Existenz zu einem historischen Unrecht herabstufen, die auf dem Rücken einer angeblich indigenen Bevölkerung erlangt worden sei. Sie werden auch nicht müde, den Zionismus an sich regelmäßig als kolonialistisches und rassistisches Projekt zu brandmarken; beides Zuschreibungen, die nicht nur falsch, sondern auch schlichtweg bösartig sind.

    Sie, papacello, sind aus den genannten Gründen in der Tat ein formidabler Antisemit, und wenn Sie keiner sind, ist es keiner.

    Gleichung stimmen, muss man sich aber unweigerlich die Frage stellen, warum so viele selbsternannte Vertreter des Antizionismus sich so krampfhaft bei ihrer Kritik eines Nazivokabulars bedienen müssen. Zumal der Begriff Lebensraumpolitik schon vor der Nazizeit von einer antisemtischen Strömung getragen war (z.B. Alldeutscher Verband) und auch der Antizionismus in seiner Definition einer Ablehnung des Staates Israel sich eigentlich auch schon nur mit großem argumentativen Aufwand von Antisemitismus trennen lässt (wenn überhaupt).

    Aber nehmen wir den besten Fall an und Sie sind kein Antisemit. Warum geben Sie dann den Kritikern Ihrer Kritik eine solche Steilvorlage? Würden Sie Ihre Kritik nüchtern und pragmatisch äußern, müsste die Antwort darauf genauso ausfallen. Stattdessen bieten Sie eine prima Angriffsfläche. Sie sind also entweder äußerst bescheiden talentiert im Sinne einer guten Argumentation oder vielleicht doch ein...

    Und nein, nicht weil Sie Israel "kritisieren", wie Ihre Gesinnungsgenossen das gelegentlich formulieren. Vielmehr verrät die diffamierende Art und Weise, in der Sie hier mit schöner Regelmäßigkeit Ihr Missfallen an der israelischen Politik verpacken, nur zu deutlich, wes Geistes Kind Sie sind:

    1. Sie dämonisieren Israel, indem Sie seine Politik in Ihrer Wortwahl regelmäßig auf eine Stufe mit der der Nazis stellen, was für sich genommen schon abscheulich genug ist.

    2. Sie verwenden doppelte Standards, in dem Ihnen niemals ein vergleichbares Wort der Kritik zu den grausamen Menschenrechtsverletzungen einfallen würde, wie sie etwa in den arabischen Ländern oder im Iran an der Tagesordnung sind. Damit verraten Sie, dass Ihnen die Menschenrechte der Muslime tatsächlich am Allerwertesten vorbeigehen, solange Sie diese nicht für Ihre israelfeindlichen Tiraden instrumentalisieren können.

    3. Sie delegitimieren Israel, indem Sie - wie hier bereits mehrmals geschehen - seine Gründung und seine nackte Existenz zu einem historischen Unrecht herabstufen, die auf dem Rücken einer angeblich indigenen Bevölkerung erlangt worden sei. Sie werden auch nicht müde, den Zionismus an sich regelmäßig als kolonialistisches und rassistisches Projekt zu brandmarken; beides Zuschreibungen, die nicht nur falsch, sondern auch schlichtweg bösartig sind.

    Sie, papacello, sind aus den genannten Gründen in der Tat ein formidabler Antisemit, und wenn Sie keiner sind, ist es keiner.

    Gleichung stimmen, muss man sich aber unweigerlich die Frage stellen, warum so viele selbsternannte Vertreter des Antizionismus sich so krampfhaft bei ihrer Kritik eines Nazivokabulars bedienen müssen. Zumal der Begriff Lebensraumpolitik schon vor der Nazizeit von einer antisemtischen Strömung getragen war (z.B. Alldeutscher Verband) und auch der Antizionismus in seiner Definition einer Ablehnung des Staates Israel sich eigentlich auch schon nur mit großem argumentativen Aufwand von Antisemitismus trennen lässt (wenn überhaupt).

    Aber nehmen wir den besten Fall an und Sie sind kein Antisemit. Warum geben Sie dann den Kritikern Ihrer Kritik eine solche Steilvorlage? Würden Sie Ihre Kritik nüchtern und pragmatisch äußern, müsste die Antwort darauf genauso ausfallen. Stattdessen bieten Sie eine prima Angriffsfläche. Sie sind also entweder äußerst bescheiden talentiert im Sinne einer guten Argumentation oder vielleicht doch ein...

  7. Das ist die grosse Frage, auf die keiner eine Antwort weiss:
    Duerfen Deutsche den Staat Israel (fuer viele leider gleichgestetlt mit dem Judentum) kritisieren?!
    Haben unsere frueheren Generationen dieses Recht verspielt? Ich selbst kritisiere das Verhalten Israels in vielerlei Hinsicht gegenueber den Palaestinensern. Bin ich nun ein Antisemit/Antizionist? Ich wage zu behaupten, dass einige Menschen darauf mit ja antworten wuerden.

    Und liebe Frau Autorin: "Nein, Antifaschismus und Antisemitismus sind kein Widerspruch."
    Dieser Satz ist meiner Meinung nach grundlegend falsch: Antifaschismus hat einen emanzipatorischen & unvoreingenommen Charakter gegenueber jedem Menschen, d.h. Jeder Mensch wird gleich behandelt, ergo niemand steht ueber einem anderen Menschen oder ist besser/schlechter.
    Und genau das kontraere Denkmuster impliziert der Term Antisemitismus.

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    • wp
    • 27.11.2009 um 10:02 Uhr

    Jemandem etwas zu verbieten, nur weil er einer bestimmten Ethnie entspringt ist purer Rassismus.

    • wp
    • 27.11.2009 um 10:02 Uhr

    Jemandem etwas zu verbieten, nur weil er einer bestimmten Ethnie entspringt ist purer Rassismus.

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