Es gibt immer noch Menschen, für die kommt das Böse, das die Welt bedroht und in Deutschland bekämpft werden muss, aus Israel. Das Böse ist einem alten Dualismus zufolge das Gegenteil des Guten, das Böse sind deshalb immer die Anderen und für manche Zeitgenossen mal wieder die Juden – auch wenn sie in Hamburg vorsichtshalber Zionisten genannt werden. Dort leben beinharte Antizionisten, die den Zionismus als Rassismus und sich selber als "bewusste Linke" bezeichnen. Sie sind aber in Wahrheit nur linke Antisemiten. Soeben haben sie im Vollbesitz ihres richtigen (oder auch rechten) Bewusstseins eine Deklaration gegen die "rassistische Aufspaltung der Welt" verfasst, darin wird jegliche Verteidigung Israels als Kriegstreiberei diffamiert, darin wird erklärt, was zu bekämpfen sei, nämlich "ein System der weißen Dominanz, das auch aus dem Holocaust wieder dominant hervorging", und darin wird gerechtfertigt, dass kürzlich die Hamburger Aufführung eines Filmes von Claude Lanzmann nicht stattfinden durfte.

Was war geschehen? In einem kleinen Programmkino sollte Lanzmanns erster wichtiger Dokumentarfilm Warum Israel aus dem Jahr 1973 gezeigt werden. Der französische Regisseur des Jahrgangs 1925 kam als junger Mann zur Résistance und wurde 1985 berühmt mit seinem großen aufklärerischen Dokumentarfilm Shoah.

Nun ist er plötzlich zum Buhmann der Gegenaufklärer avanciert: Um die geplante Aufführung seines Films zu verhindern, errichteten Aktivisten des sogenannten antiimperialistischen Zentrums B5 eine Barrikade im Stil eines israelischen Grenzkontrollpostens. Sie traten in Tarnfleck auf und waren mit Holzgewehren bewaffnet, sie verteilten Flugblätter gegen den angeblich "zionistischen Propagandafilm", den sie, wie sich später herausstellte, gar nicht kannten. In ihrer schriftlichen Rechtfertigung wehren sie sich nun gegen eine Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus, und man könnte das Papier als peinliches Machwerk einiger bedauernswerter Wirrköpfe in den Mülleimer werfen – wenn es nicht so symptomatisch für eine neualte revolutionäre Judenfeindlichkeit wäre. Sie geriert sich heute gern als Israelkritik, die angeblich nicht geübt werden dürfe, aber dauernd geübt wird. Warum Israel? Genau darum Israel!

Linker Antisemitismus als Begleiterscheinung eines geharnischten Antikapitalismus ist ja nicht neu. Er geht zurück auf die Anfänge des Marxismus, auf den missverständlichen Essay Zur Judenfrage von Karl Marx, der eigentlich den Antisemitismus kritisieren wollte, aber fatalerweise die Emanzipation der Juden als Emanzipation vom Judentum predigte: "Welches ist der weltliche Kultus des Judentums? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld."

Solche Merksätze wurden nachher lustvoll zitiert von wahnhaften Antisemiten, die im Namen des Antiimperialismus uralte Klischees von jüdischen Ausbeutern, Wucherern, Weltherrschern reaktivierten. Das gab es unter Stalin, das entbarg sich in den Slansky-Prozessen und in der palästinafreundlichen Außenpolitik der DDR. Als "imperialistischen Brückenkopf im Nahen Osten" und als Hort "des zionistischen Finanzkapitals" diffamierte man den Staat Israel. Ulbricht nannte den Sechstagekrieg "Blitzkrieg" und fürchtete ein "Protektorat Sanai", man sprach von israelischer "Wehrmacht" und warf den Israelis "Massenpogrome" vor. Die zwanghaften sprachlichen Anleihen beim Faschismus entlarvten die linke Israelkritik als das, was sie war: sekundärer Antisemitismus – das heißt Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz.

Nein, Antifaschismus und Antisemitismus sind kein Widerspruch. Mit den Worten August Bebels: "Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls." Wir wollen zugunsten der Hamburger Antiimperialisten unterstellen, dass Bebels Satz auf sie zutrifft. Aber nicht alle antisemitische Israelkritik ist heutzutage dumm, sie ist auch kein Vorrecht der Linken oder der Rechten, sondern siedelt als unausrottbare Dummheit inmitten der besten israelkritischen Gesellschaft.